Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 6. (5.2.1878)
- Date
- 1878-02-05
- Page
- Seite 47 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 47 — menge; alle Blicke waren nach dem Brandenburger Thore gerichtet, durch das der Kaiser, umgeben von den Prinzen des königlichen Hauses und einem glänzenden Gefolge, an der Spitze des „Kaiser Alexander"-Regiments in die Linden einbog. Der Jubel des Volkes war unbeschreiblich; alle Regimenter wurden mit einem hunderttauiendstimmigen Willkommen begrüßt und mit Blumen überschüttet. Als aber das zwölfte Landwehr Regiment, als die Berliner Kinder das Thor passirten und in strammer Haltung die Linden hinabmarschirlen, da kannte der Enthusiasmus des Volkes keine Grenzen mehr. „Unsere braven Jungens kommen!" schallte es von allen Seiten. Und da war kein Halten mehr; trotz Polizei nnd Schutzleuten drängte sich Alles an die Zwölfer heran, um ihnen die Hände zu drücken und ihnen Kopfbedeckung und Gewehre mit Blumen und Kränzen zu schmücken Kein Auge blieb trocken; so was hatten die alten Linden noch nicht gesehen. Auf dem Balkon seines Hauses stand der alte Levy. Sein Vaterherz klopfte hörbar. Unwillkürlich hallen sich seine Hände gefaltet und mit nassen Augen blickte er dem anrückenden Landwehrregiment entgegen. Jetzt kamen die Füsiliere und an der Spitze seiner Compagnie, das Kreuz auf der Brust, sein Sohn, sein Oscar. Der Vater streckte beide Arme dem geliebten Sohne entgegen. der mit lautem Judelrufe hinaufgrüßte. Die Zwölfer marschirten nach der Schloßfreiheit, wo sie entlasten' weiden sollten. Dorthin eilte jetzt der alte Levy, um den theuren Sohn zu empfangen Sprachlos drückle der alte Mann deir jungen Helden an die treue Vaterbrust und stolz schritt er an seiner Seite seinem Hause zu, wo die ganze Familie den Hnmgekehrlen mit Jubel empfing. Schon nach wenigen Tagen, die Oscar Levy ausschließlich seinen Lieben widmete, denen er seine Erlebnisse in Frankreich immer wieder auf's Neue erzählen mußte und die ihn mit taufend Fragen bestürmten, begab er sich mit seinem Vater nach Magdeburg, um seine Fabrik, die trotz der schweren Zeiten im blühendsten Zustande sich besand, um die Familie Palm zu besuche». Der junge Levy war erstaunt, als er beim Verlassen des Magdeburger Bahnhofes die Equipage des Barons Palm gewahrte, die, mit vier prachtvollen Rappen befpanl, Vater und Sohn augeiischeinltch erwartet hatte. Ein reichgallonirter Diener des Barons näherte sich ihnen, als er ihrer ansichng wurde, in ehrerbietiger Welle und bestellte viele CompUmenle seines gnädigen Heren, dem es Vergnügen machen wurde, wenn die Herren Levy von seiner Equipage Gebrauch machen wollten. Ein solch' freundliches Aueibleten mußte natürlich angenommen werden. Vater und Sohn stiegen also ein, um sich nach der kallm eine Merle entfernten Fabrik zu begeben. Oscar Levy aber konnte gar mchl begreifen, auf welchem Wege Baron Palm erfahren haben konnte, daß sic heule in Magdeburg erulreffen wurden Auch der alte Herr druckte sein Erstaunen darüber aus, mar aber dabei beuiuhl, ein schlaues Lächeln geschickt zu verbergen. „Aber, Papa," fuhr Oscar plötzlich auf, „das ist ja gar Nicht der Weg zur Fabrik! Wir fahren ja direct nach Altkloster!" „Da magst du wohl recht haben, mein Sohn," meinte der alle Levy. Nun, meiuelhalbeu! Nach der Fabrik können wir immer noch koiilmen. Richtig, da beginnt ja schon der Park, und dort ist...." „Das Schloß," wollte er sagen. Aber da krachten Böllerschüsse von allen Selten, so daß min kein Wart mehr verstehen konnte. Uno jetzt bog die Equipage in den Schivßpark ein, an dessen Einfahrt eine machllge Eyrenpfocie aus Nadelhölzern, reich und geichmackvoll mit Flaggen verziert, errichtet war Auf der Spitze derielven prangle ei» utächliges esiernes Kreuz und darunter m riesigen Buchstaben ore Jnschrift: „Willkonimen, Hauplmann Levy, auf Arikloiter! Lausend Mal willkommen!" Oscar Levy glaubte zu träumen. Fragend sah er seinen Vater an; der aber nahm eine Prise, um jeder Antwort überhoben zu sein. Und da krachten auch schon wieder Böllerschüsse, bald da, bald dort, und in sausendem Galopp jagten die edlen Roste die Allee entlang, und jetzt hielt die Equipage vor dem Portale des Schlosses. Der alte Baron und Hauptmann Palm, in der Uniform, die er bei Erstürmung der Höhen von Noiseville getragen, das eiserne Kreuz im Knopfloch, die ganze Familie hinter ihnen, standen vor demselben und begrüßten die Ankommenden mit der innigsten Herzlichkeit. Mit Thränen in den Augen drückte der alte Baron Oscar Levy an seine Brust. „Wie soll ich Ihnen danken, Sie edler, braver Mensch, Retter meines Sohnes! Aber seien Sie versichert, so lange es noch einen Palm gibt, wird ihre Thal unoergesten bleiben, und kommende Geschlechter werden davon erzählen, wie edel sich ein Jude an einem Christen gerächt." „Gib mir die Hand, Kamerad!" rief Hauptmann Palm, Oscar Levy seine Rechte entgegenstreckeud, während das Beben seiner Stimme seine tiefe Rührung verrieth, „Du mußt mein Freund, mein Bruder sein für's ganze Leben. Auf den Höhen von Noiffeoille hat unser Bund die Bluttaufe bekommen, und solch ein Bund währt ewig." Kräftig schlug Oscar Levy ein. Der Baron führte nun seine Gäste nach dem Speisesaal, wo man zu einem Festmahle sich niederließ. Nach dem Diner begab man sich in die Bibliothek des Schloßherrn. Den Eintrelenden fiel sofort ein großes Bild in die Augen, das, von einem kostbaren Nahmen umgeben, fast die ganze Breite des Saales einnahm. „In dem Archiv meines Schlostes befindet sich," Hub Baron Palm an, „die genaue, wahrheitsgetreue Schilderung der Erstürmung der Höhen von Noisseville und wie Sie, mein junger Freund, mit Gefahr Ihres Lebens meinen Sohn dem sichern Tode entrissen. Damit aber auch die, die nach uns kommen, jene furchtbaren Scenen stets vor Augen haben, ließ ich dieses Bild, das Sie hier sehen, von Künstlerhand anfertigen. Da Sie fern in Frankreich dem Künstler nickt sitzen konnten, dem Bilde aber die Portralt-Aehnlichkeit nicht fehlen durfte, benutzte er eine Photographie von Ihnen, die Ihr Herr Vater uns lieh." Sie traten näher. Das Bild in allen Einzelnheiten ein Meisterstück, zeigte im Vordergründe die Höhen von Noisseville und den grausigen Moment, wie eben der französische Chasseur, der den Hauplmann Palm niedergehauen, mit Oscar Levy ringt. Beider Köpfe, nein Beschauer voll zugewer.det, waren sprechend ähnlich. Unter dem Bilde aber, noch innerhalb des Rahmens, standen in massiven goldenen Lettern die Worte: So rächt sich ein Jude. Am Grabe LesfLngs. Zum 2 2. Januar 1878. Friedliche Stätte, ich grüß' dich in frommer, erhabener Ehrfurcht, Sehnsucht zieht zu dir heute gewaltig mich hin. Den du umschlossen hier hältst seit bald nun einem Jahrhundert, Er hat in rastlosein Kampf drückende Fesseln gelöst. — Heros im Geist und Gemüth! durchdrungen von wahrhafter Liebe, Fühltest Du. Lessing, so warm Duldender Jammer und Weh! Kränkender Schimpf, wo immer, des Glaubens wegen erlitten, Suchr' einen Anwalt in Dir, fand Dich als schützenden Freund; Schonungslos gossest Du Spott über menschlichen Hochmuth und Dünkel Gleichheit des Rechts und der Pflicht fordernd für jeglichen Stand; j Zogest die Maske ab dem gleisnerisch lügendem Antlitz, Wenn es, verkündend die Lieb', innen im Herzen den Haß barg:! Höheres schaute Dein Aug' im herrlichen Reiche des Schönen, i Ewige Regeln der Kunst schuf uns Dein forschender Sinn; . Wahrheit und Recht, sie waren das Banner, für das Du gestritten,! Dornenvoll war wohl Den Weg — göttlich und lauter Dein Ziel; Nimmer bedarf's eines Steines, uns Deinen Namen zu künden, Lebt ja Dein zündendes Wort fort in der Edelen Brust! Friede wünsch' ich und Ruh dem Epheu umranketen Grcbe, Zoll' eine Thräne des Danks Lessings verkläretem Geist!! — Wolfenbüttel. vr. Rosen stock.