Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 6. (5.2.1878)
- Date
- 1878-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 6. 1878. ana I- MseMischr ochen-Zchrift für die religiösen und soeialm Interessen des Judenthums. K - : j\ V A.'* Erscheint jeden Mittwoch «.kostet sammt dem allwöchentlich erscheinenden „Jsid. Literaturblatt" von Rabb. vr. M. Rahme r bei allen Postämtern u. Buchbandlungen vierteljährlich 8 Mark 30 Pf. Mit directer Zusendung: in Deutschland 12 Mk. (7 fl.);nach dem Ausland«: 15 Mk. (18 ArcS.) jährlich. Einzelnummern der „Wochenschrift" » 25 Pf. d«S „Literaturblatts" » 15 Pf. Verannvoctlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner vr. 3L Treuenfels in (Stettin. Magdeburg, 5. Februar. Inserate für die „Wochenschrift", die dreigespalten« Petitzeile oder deren Raum 83 Pf., (für daS „Literaturblatt"» 20 Pf.,) sind durch fämmtliche Annoncen-Expeditionen oder direct an die Expedition der Israelitischen Wochenschrift in Magdeburg" einzusenden. — Bei Wiederholungen Rabatt. Beilagen, 2500 Stück, werden mit 15 Mark berechnet. Inhalt: Leitende Artikel: Zur Tagesgeschichte. Berichte und Eorrespoirden»en: Deutschland: Stettin. Breslau. Breslau. Pasewalk. Frankfurt a. M. Aachen. Oesterreich: Wien. Krakau. Krakau. Sniatyn. Schweden: Stockholm. k'edruar. 1878. Mittwoch . Donnerstag Freitag . . 6 7 8 Adar I. 5638. 3 4 5 Kalender. Vermischte nnd «enesie Nachrichten r Berlin Berlin. Berlin. Braunschweig. Hanau. Dresden. Straßburg. Paris. Bordeaux. Rom. Belgrad. Aus Galizien. Aus Rußland. Feuilleton r So rächt sich ein Jude. — Am Grabe Lessings. Inserate. Sounabend Sonntag . Montag . . Dienstag . 9 10 11 12 (Ende 8 u. 41M. Zur Tagesgeschichte. I. Christlicher Socialismus. Das Auftreten einer neuen christlich-socialen Arbeiterpartei und ihrer geistlichen Führer, sowie die heftigen Wortkämpfe zwischen diesen und den Führern der Socialdemokraten in Berlin verdienen als bedeutsame Zeichen der Zeit Beachtung und haben solche auch gewiß bei unfern Lesern gefunden. Wenn wir hier einige Bemerkungen darüber mittheilen, so beziehen sich diese nicht auf das sociale Programm der Partei, auf ihre Vorschläge zur Heilung der Schäden der Gesellschaft. Wir polemisireil auch nicht gegen die Bezeichnung christlich-social. Wir sind ja längst daran gewöhnt, daß man alle Grundlagen des Staates, der Gesellschaft, der bisherigen sittlichen Ordnung „christlich" nennt, obgleich sie der Mutterreligion angehöcen; wir nehmen sie für diese in Anspruch, wir protestiren gegen jene Entwendung unseres Eigenthums; im Uebrigen aber soll es uns gerade in diesem Falle auf den Namen, auf die Firma nicht ankommen, wenn die Sache nur Erfolg hätte! Der Erfolg aber ist ausgeblieben, der Versuch ist kläglich mißlungen, die Socialdemokraten sind nicht bekehrt, haben vielmehr ihrem grin»migsten Hasse gegen alles Christliche in heftigster Weise Ausdruck gegeben. Das war nun freilich kaum anders zu erwarten, aber von der großen liberalen, nicht-socialdemokratischen Partei, von dem heute noch im Staate maßgebenden Bürgerthum, hatten wir wenigstens eine andere Haltung erwartet. Wir hatten gedacht, die Mahnung des Hofpredigers Stöcker, man solle doch nicht den Haß aufrufen, sondern Liebe und Brüderlichkeit, man solle sehen, wie man auf dem Boden der Religion und der bestehenden Ordnung die unläugbar vorhandenen Schäden heilen könne, und nicht an den gewaltsamen Umsturz appelliren, diese Mahuruigen, glaubten wir, müßten bei allen Ruhigen und Besonnenen nicht socialistisch Fanatisirten Anklang finden, ja Zustimmung finden. Aber nichts von alledem! Der ganz überwiegende Theil der liberalen Presse in ihren verschiedensten Abstufungen verhielt sich ablehnend oder gar spottend. Daß mau die Einzelheiten des christlich-socialen Programms ungenügend, unreif und unpraktisch fand, gehört nicht hierher; aber man wies die Einmischung der Christlichkeit und ihre Träger überhaupt zurück. Selbst ernste, der Religion und dem Christenthum durchaus nicht feindliche Blätter (z. B. die „Augsb. A. Z.") warf den Geistlichen vor, sie hätten eS nicht besser verdient, das Volk wolle von ihnen, von ihrer Fürsorge für sein Wohl und von ihrer ganzen „guten Botschaft" nichts wissen. Werden die Herren nun aufhören für die Bekehrung der Juden zu wirken, zu sammeln, zu beten? Haben sie nicht in ihren eigenen Kreisen ungezählte Tausende, die sie bekehren sollten? Steht nicht für sie Alles auf dem Spiel, da ihnen persönlich die schwersten Drohungen ganz unverblümt ins Gesicht geschleudert werden. Doch lassen wir alle Beziehungen auf Jüdisches aus dem Spiele. Welch ein Armuthszeugniß wird hier dem Christenthum ausgestellt, welch ein geistiges Todesurtheil gesprochen! nachdem es mehr als ein Jahrtausend mit unumschränkter Macht, mit allen Mitteln geistlicher und weltlicher Herrschaft gewaltet hat über Hoch und Niedrig, Jung und Alt, Schule und Werkstatt, Wiege und Grabstätte — wer ist ihm nun zugethan, welcheKreife fiitb fein? Der große Haufe der Arbeiter ist voll von glühendem Haste gegen die Kirche, ihre Lehren und Vertreter; ein Schuhmacher schreit in Gegenwart von Tausenden (und dem Polizeilieutenant!) „Es überläuft mich eiskalt, wenn ich von