Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 3. (16.1.1878)
- Date
- 1878-01-16
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 23 — sie auch in den Herzen der verschiedenen deutschen Stämme Wurzel gefaßt haben mochten, und jeder Unterschied zwischen Südeu und Norden waren verschwunden. Wie mit einem Zauberschlage hatte die Mainlinie, die den Bruder vom Bruder schied zu existiren aufgehört; in allen Gauen Deutschlands wurde gerüstet, um dem gemeinsamen Feind, der frevelhaft einen Krieg heraufbeschworen, die Spitze zu bieten. Auch im Schlöffe des Baron Palm auf Alt-Kloster bei Magdeburg herrschte eine fast fieberhafte Thätigkeit. Der älteste Sohn des Hauses, Reserve-Offizier in der Infanterie, der Wirthschafts-Jnspektor des Barons und fast alle Knechte und Arbeiter auf dem Gute hatten als Landwehrmänner die Einberufungsordre empfangen. Und derselben prompt Folge leistend, waren sie eben im Begriff, nach Magdeburg zu eilen, um mit ihrem Regimente nach der Grenze aufzubrechen. Der alte Baron Palm, ein alter Soldat und ein Patriot im edelsten Sinne des Wortes, bedauerte nur, daß Alter und Podagra ihm nicht gestatteten, selbst gegen den Erbfeind zu ziehen. Dafür half er um so emsiger an der Ausrüstung seines Sohnes und seiner Leute, die er selbst nach Magdeburg begleiten wollte, um bei dem Abmarsch des in diesem Waffenplatz zusammengezogenen Armeecorps gegenwärtig zu sein. Nicht weit von den zur Domäne Alt-Kloster gehörenden Besitzungen hatte ein Herr Levy aus Berlin eine Kattunfabrik etablirt. Baron Palm, der auf seinem Gute eine Rübenzucker'Raffinerie in schwunghafter Weise betrieb und jedes industrielle Unternehmen in seiner Nähe freudig begrüßte, hatte den neuen Nachbar, der mit seinem Sohne auf dem Schlosse erschien, freundlich empfangen und ihn wiederholt gebeten, recht häufig nach Alt-Kloster zu kommen. Herr Levy blieb aber nur so lange im Magdeburgischen, bis die neuetablirte Fabrik vollständig im Betriebe war, deren Leitung er seinem Sohne überließ. Oscar Levy, der Sohn des Fabrikherrn, war damals 28 Jahre alt. In Berlin erzogen, war er von seinem hochintelligenten Vater frühzeitig schon zu ernsten Studien angehalten worden. Zum Kaufmanne und Fabrikanten bestimmt, hatte er eine Realschule besucht und nach glänzend bestandenem Abiturienten Examen das Polytechnicum in Hannover bezogen. Seine wissenschaftliche Ausbildung fand später dadurch ihren Abschluß, daß Oscar als Hospitant die Vorlesungen an der Berliner Universität besuchte und namentlich Geschichte und Naturwissenschaften zu seinen bevorzugten Studien machte. Mehrere Reisen nach England und auf dem europäischen Continent, die bis nach Spanien < nd Süd-Italien Qu£gebet)nt wurden, hatten dem talentvollen jungen Manne eme Vielseitigkeit verliehen, die ihn in den Kreisen der jüdischen Aristokratie Berlins zum gerngesehenen Gaste machte, wozu natülich der geachtete Name seines Vaters nicht wenig beuragen mochte. Der junge Levy hatte seiner Militairpsticht als einjähriger Freiwilliger genügt, war nach sechsmonatlicher Dienft- ^^roffizier avancirt und verließ sein Regiment, nachdem er das vorgeschriebene Landwehr-Offiziers-Examen gemacht, als Offiziersaspirant. g> .. \ , ^aron . Palm, der sehr häufig die Levy'sche Kattunsabru besuchte, die mit allen Verbesserungen der Neuzelt ausgestattet und im großartigsten Style angelegt worden, hatte seine Freude daran, mit welcher Umsicht der junge Fabrikherr das gewaltige Etablissement leitete, wie er, die veete des ganzen Unlernehmens, mit scharfem Auge Alles überwachte, dabei aber Werkmeister und Arbeiter mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit behandelte und dafür von dem ganzen Frabrikpersonale nahezu vergöttert wurde. M1tr 7^,r Levy erwiederte die Besuche des alten Barons .!? .1en* Der junge Palm hatte vom Regiment jene cavauermaßlge Geringschätzung gegen Bürgerliche mitgebracht^ «nnT Jü?" selben auf Höhe der Zeit stehend, die Herren IT m jeder Beziehung geistig überragten. Dem jun- *>rl Mikherrn gegenüber zeigte sich der adelsstolze Infam rerre-^sfizler womöglich noch schroffer als es sonst seine Ge. wohnheit war, weil der alte Baron nicht selten fast mit Begeisterung von dem jungen Levy sprach, der, ohne jenen bekannten „noblen" Passionen zu fröhnen, mit Pflichttreue seinen Geschäften oblag, dabei aber als liebenswürdiger Gesellschafter und voll Empfänglichkeit für Kunst und Wissenschaft der Liebling der ganzen Nachbarschaft geworden war. Es war am Abend vor dem Aufbruch nach Magdeburg, als Oscar L.'vy auf dem Schlöffe Alt-Kloster, wo er lange nicht gewesen, erschien, um sich zu verabschieden; denn auch er war ja zur Fahne einberufen worden und schon der nächste Morgenzug sollte ihn nach Berlin bringen, wo das Landwehrregiment, dem er angehörte, eingekleidet wurde. Der alte Baron empfi.'g den jungen Fabrikherrn mit Herzlichkeit, während der Lieutenant Palm, der die Uniform seines Regiments schon angelegt hatte, mit fast feindseliger Kälte die Abschiedsworte Oscars hinnahm und ohne ein Wort der Erwiederung sich von ihm abwandle. Mit Strenge blickte der Baron Palm dem Sohne ins Gesicht, als Levy sich entfernt hatte. „Die Art und Weise, wie Du, mein Sohn, den Nachbar heute behandelst, gerade heute, wo schon der nächste Tag Dich und ihn der friedlichen Heimath entführt, um allen Schrecken und Gefahren des Krieges enlgegenzngehen, ist, gelinde gesagt, sehr unschön und hat mich außerordentlich unangenehm berührt." „Du weißt, Papa, daß ich kein Freund von Juden bin, die, in alle Gesellschaftskreise eindringend und Alles an sich reißend, die Sympathieen eines Edelmannes durchaus nicht besitzen können oder, besser gesagt, nie besitzen sollten. Dieser Levy mag übrigens ein ganz guter Mensch sein, er bleibt deßhalb doch immer ein — Iud e." „Du sprichst wie ein Kind, mein Sohn," entgegnete der alte Baron; „Du solltest wissen, daß jede Religionsgenoffenschaft, jede Nation, ja fast jeder größere Familienkreis Elemente enthält, die uus, bald mehr, bald weniger ein Gefühl von Abneigung einflößen, das in manchen, ja in vielen Fällen wohl auch gerechtfertigt sein mag. Aber dieses Gefühl von Abneigung ohne Weiteres auf eine Gesanrmlbeit zu übertragen, ist ein Unrecht, das der Edelmann und Offizier am allerwenigsten begehen sollte. Und dieser Oscar Levy ist durchaus nicht die Persönlichkeit, auf die Dein Urtheil, das im Großen und Ganzen überhaupt ungerechtfertigt ist, mir irgendwie paffend erscheine." „Laß' es gut sein, Papa, und zürne mir nicht, wenn ich Deine Ansichten hierin durchaus nicht theile. Vielleicht kommt aber später noch eine Zeit, wo ich Deine Anschauungsweise zu meiner eigenen mache und den Söhnen Israels freundlicher begegnen kann. Vielleicht treffen wir uns, der Herr Levy und ich, auf dem Schlachtfelde wieder; dann will ich sehen, was für ein Menschenkind Dein Schützling ist." Mit diesen Worten verließ der junge Palm das Ziminer seines Vaters. Am nächsten Tage waren Oscar Levy und der Lieutenant Palm in ihre Regimenter wieder eingetrelen. Wenige Tage später standen sie an Frankreichs Grenze, vor Begier glühend, um sich mit dem Feinde zu messen Und sie brauchten nicht lange zu warten. Von dem Adlerblicke Moltke's überwacht, von dem großen Strategen geleitet, drangen die Heeresmaffen der Deutschen in Frankreich ein. Noch stehen jene Kämpfe, jene gewaltigen Schlachten frisch in unserer Erinnerung, wo die deutsche Eisenfaust den Franzmann stets niederwarf. Auch Oscar Levy hatte in mehreren Schlachten mitgefochten. Voll hoher Begeisterung und todesmulhig zogen die braven Landwehrmänwr, zu denen Levy gehörte, in den Kampf. Das zwölfte Brandenburger Landwehrregiment, größtentheils Berliner Kinder, that Wunder der Tapferkeit, und schon in den Schlachten vor Metz war Oscar Levy Offizier. (Fortsetzung folgt.)