Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 2. (9.1.1878)
- Date
- 1878-01-09
- Page
- Seite 15 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schwan von Toledo. Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. Motto: Auch Jehuda ben Halevy Starb zu Füßen seiner Liebsten, Und sein sterbend Haupt, es ruht Auf den Knie'n — Jerusalems. (AuS Heines: Jehuda ben Halevy.) Epilog. Viele Jahre sind dahingbraust. Jvchai (Sarmo und sein Bruder Elieh liegen schon längst in kühler Erde, längst schon hat auch das „leere Grad" seine Bewohnerin erhalten. Und die schönen schwarzen Lockenhaare Jehuda ben Halevy's sind gebleicht vom Denken und vom Leid. Seine Nebecka, sein „frommes Täubchen", war entflohen nach den Gefilden ewiger Seligkeit." Sinnend sitzt er im Lehnstuhl. Er hatte der heiteren Dichtkunst entsagt, der Philosophie sich zugewandt,.nur religiöse Lieder noch gesungen. Die Weisheit ist ein breites Meer. Drauf schwimmt das Lied als Schaum umher. Sein großes religionsphilosophisches Buch, der „Kusar i", liegt vollendet vor ihm. „Mein hiniediges Werk ist vollendet, hier liegt mein Testameilt, das Testanlent meines Geistes, der Erbe ist über den ganzen Erdboden zerstreut, ist mein armes Volk, das ich nicht nur in meinem Namen, sondern stets auch in meinem Herzen getragen. Und nun auf 51t ihr, die seit meiner Rebecka Tod meine Einziggeliebte ist, auf nach Jerusalem, der Stadt meiner Sehnsucht." Das Antlitz des fast Sechzigjährigen strahlte in hehrer Freude, da er Jerusalems gedachte. Will auf jenen Trümmern weilen, Dort mein Herz zum Opfer bringen. Will einst ruhen in dem Staube, Von dem meine Lieder singen! Mit Gewalt entreißt er sich dem Zauber des stillen Familienlebens und verläßt die Seinen, Abschied nehmend von feiner einzigen Tochter und seinem gleichnamigen Enkelkinde. Ein Triumphzug war seine Reise. Allüberall, wohin er kam, in Cordova und Granada, wird der greise Dichter mit Jubel und Entzücken von seinen Verehrern empfangen. Doch nirgends hält er sich lange auf, es treibt ihn immer vorwärts. Des Meeres Schrecken, der heiße Wüstensand, sie können ihn nicht zurückhalten. In Mizraim, im Wunderlande, dort erwachen wieder die Träume der Jugend in ihm auf, und in Damascus singt er seine schönsten, wundervollsten Lieder — die Zionide. Doch abermals strebt er fort, nicht Ruhe will er sich gönnen, bis er es geschaut, das heilige Land, die heilige, ehrwürdige Stadt — Jerusalem! — Abend hatte sich über die alte, heilige Stadt gebreitet. Auf den Trummen des zerstörten, heiligen Tempels steht eine hohe Gestalt, stolz aufgerichtet, und läßt seinen Gesang weithin durch die ruhige Stadt ertönen. Jehuda ben Halevy ist es, der große Dichterfürst, der gottbegnadete Sänger, Israels Nationaldichter, der auf den Trümmern des heiligen Tempels steht und den Jammer und Schmerz, der ül er die Zerstörung der heiligen Gottesstadt seit Jahren in seinem Herzen gestürmt und getobt, ausschüttet in rührenden großartig poetischen Klageliedern. „Warum lockst Du mich an diesen Ort," unterbrach plötzlich eine rauhe Stimme den Gesang. Es war der Anführer einer Truppe Sarazenen, welcher drew Frage an den Sänger richtete. „Was schreist Du so rn die Nacht hinein, was suchst Du.hier auf diesen Trümmern, hast etwa Kenutniß Du erhalten von verborgenen Schätzen und willst sie jetzt beheben?" „Hab ich Dich gerufen." entgegnete Jehuda, „wenn Du hreher gekommen, so war es Gottes Wille und nicht der meine ubermüthiger Krieger, der Wille des einzig wahren Gottes, depen Allmacht ich in meinem Liede preise!" „Dein Gott? Wer ist Dein Gott, ich kenne ihn nicht und bin doch der Mächtigsten Einer hier im Lande? Zu welchem Volksstamme gehörst Du?" Ein wehmüthiges Lied umspielte die blassen Lippen des Sängers. „Mein Gott ist dort, hoch oben dort, über den Sternen, über der Sonne, über dem Monde, über dem Firmamente. Die Welt und alle Geschöpfe, lebend und todt, sind ihm unterthan. Ich soll Dir meinen Gott zeigen, ich soll Dir sagen, wo er ist, — dort in den Trümmern des heiligen Tempels, dort im Wüstensande der Sahara, dort in unfruchtbaren Steppen, in der Erde, im Wasser, in der Luft, im Norden, im Osten, im Süden, im Westen, wohin Dein Blick sich wendet, wohin Deine Hand tastet, wohin Dein Fuß seinen Weg nimmt, dort ist mein Gott, der echte, wahre, allgewaltige Gott Juda's!" „Jude, Elender, Du spottest meiner, du willst mich verhöhnen!" rief der Sarazene, „das sollst Du bereuen." Und seine Hand hebt sich im Bogen, und der scharfgespitzte Speer durchsaust die Luft und senkt sich tief, gar tief in des Sängers Brust. „Zeig' jetzt mir Deinen Gott, nenn' jetzt mir den Namen Deines Volkes!" rief der Sarazene höhnisch, „ist er noch immer im Nord und Ost, im Süd und West?" „Noch immer ist er dort, wird immer auch dort sein," entgegnete der bleiche Sänger in begeistertem Tone, „ihn wird man loben, ihn wird man preisen in alle Ewigkeit, wenn längst Deine steinernen Götzenbilder, Du Heide, in Trümmer gegangeit sind. Mein Volk soll ich Dir nennen; es ist das auserwählte Volk des großen Gottes, zahlreich wie der Sand in des Meeres Tiefen, dem es gleicht. Wog' auf Wog' rollt darüber hinweg. Wog' auf Wog' treibt den Sand immer weiter, immer vorwärts, vertheilt ihn in der ganzen Welt. Und Wog' auf Wog' stürzt nieder auf mein Volk, doch standhaft hält es aus, und dereinst wird eine Zeit kommen, eine mächtige, große Zeit, sie wird den Jammer, die Knechtschaft von meinent Volke nehmen, sie wird die Banden, die ehernen Ketten der Gefangenschaft brechen und verbreiten wird sich mein Volk auf den. ganzen Erdball und überall, wo Gott sein wird, dort wird man auch mein Volk finden. Daß ich hier sterbe, nicht Dein, sondern Gottes Wille war es. Der große, allgewaltige Gott hat meine Stirn mit seinem eisig kalten Hauch berührt, hat mir den Tod gesandt durch Deine Hand. Dank Dir, Du mein Gott, daß Du mich auserlesen hast für dich und meinen Glauben sterben zu dürfen, zu sterben auf dem geheiligten Boden von Erez Jisrael!" Nach rückwärts stürzte er auf den Trümmern zusammen; der Schwan von Toledo hatte singend geendet. Von Furien der Angst gequält, war der Sarazenen-Anführer eiligst fortgeritten; doch je mehr er vorwärts kam. desto mehr nahm auch seine Begleitung ab, welche am Wege zurückgeblieben war, und plötzlich sah er sich allein in wilder, unwegsamer, fremder Gegend. „Sein Gott ist überall, er hat mich also gesehen, wie ich ihn gemordet, er wird mich jetzt verfolgen und ebenfalls tödten," und wild spornte er seinen Renner zur Hast an. Er sieht ihn nicht hoch oben am Gebirge, den Felsenblock, der sich soeben losgelöst und mit rasender Geschwindigkeit den steilen Abhang herabkommt, er sieht ihn nicht, und als es geschieht, als er erschrocken sein Pferd zurückreißen will, da ist es zu spät, der Fels hat Pferd und Manu zerschmettert. „Heide, auch im Gestein ist Gott!" — — — Niemand hat den Leichnam des unglücklichen Sängers gefunden, Niemand kennt sein Grab. Die Stätte, wo er ruht, sie ist unbekannt. Die 'Nachwelt flocht ihm den Kranz der Anerkennung in dem Verse: Ihr seid geflohen, Glaube, Edelsinn, Eanftmuth, Gelehrsamkeit; — wohin? „Wir fitib gestiegen mit Juda hinab „Vereint mit Halevi noch im Grab!" Wenn man die größten Männer der Dichtkunst nennt, so ist der Ersten Einer: Jehuda ben Halevy, der Schwan von Toledo.