Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 1. (2.1.1878)
- Date
- 1878-01-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 Feuilletött. Der Schwan von Toledo.*) Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. „Vor einigen Tagen sandte mich der Papst in dringender Mission nach Toledo, und als ich zürückkehrte, fand ich ihn todt in seinem Bette." „Ob er eines natürlichen Todes gestorben, ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen, will auch die Verschworenen nicht darüber befragen, was die blauen Streifen am Halse des Todten ju bedeuten haben, will auch überhaupt nichts mehr mit ihnen gemein haben." Fort will ich mit Dir, hinaus aus der den Athem beklemmenden, modrigen Luft Roms, will mich ausruhen von all' diesen schrecklichen Kämpfen und Verirrungen. Denn glaube es mir, Vater, es hat gar schrecklich in mir gewüthet und gekämpft, mir die Seele zusammenkrampst, und nicht länger mehr glaubte ich diese endlose Oual ertragen zu können." „David, die Worte, die Du zu mir vorher gesprochen, sie haben meine Brust mir von einem schaurigen, drückenden Av>v '.ssreit. Dich also darf ich doch an meine Brust drücken, Dich doch meinen Sohn, mein liebes, gutes Kind nennen, wie ichÄ vor Jahren so gerne that!" rief Jochai freudig, indem er seine Arme um den Hals des Sohnes legte und ihn an seine stürmisch klopfende Brust zog. „Roch bin ich eigentlich nicht zu Ende, Vater," begann David," denn noch eine andere, für Dich gewiß freudige, Rachricht ist es, die ich Dir mitzutheilen habe." „Eine freudige Rachricht!? Laß gut sein, David, Dich habe ich wieder, .und die Andern sind verloren." „Sage, mein .Vater, würde es Dich denn nicht erfreuen, Nachricht zu erhalten Bon meiner Schwester, Deiner Tochter Rebecca?" „Sprich nicht von ihr, David, Du würdest dadurch den ersten Strahl des Glückes, d'" wärmend mir in msl.^star-rtes Herz eingezogen ist, daraus verscheuchen. Sie ist's nicht werth, sie ist eine Christin geworden." „Und wer hat Dir dies erzad?' „Wer? Die Leute von „der / Se alle haben es sich erzählt und mich bemitleidet." „Die Leute von „der Gasse"! Jc^ sägte Tir, sie haben gelogen. Vor einigen Tagen, als ich iw Tolcvo war, da hörte ich von dem Wohlthätigkeitssinn und der Frömmigkeit der Frau des berühmten, großen Dichters und Leibarztes des Königs, von der Frau des Jehuda den Halevy sprechen. „Und ich sah sie, diese Frau, ich traf sie au der Straße, und mit Gewalt mußte ich mich zurückhalten, am vor ihr nicht auf die Kniee zu fallen, denn es war daslebende Ebenbild meiner todten Mutter, es war Rebecca, dine Tochter." „Jetzt brich, du morsches Herz!" schrie Zochai, „brich zusammen, jetzt Hab' ich genug gelebt, die Kider sind mir wieder zurückgegeben! — Dir, Gott, im unemeßlichen All, Dir sei Dank für Deine Grade, loben und peisen will ich Dich in alle Ewigkeit." 12. Des Königs LeibarL. Vor dem Hause in Toledo, in welchem ds Königs Leibarzt mit seiner Familie wohnte, stehen zwei rüde Wanderer welche sich beeilt hatten, das Ziel ihrer Reis dieses Haus^ zu erreichen, ehe noch die Nacht hereingebrochl, ehe der Sabdath eingetreten war. Gar sehnsüchtigen Blickes, doch mit v.schiedenen Empfindungen, sahen die Beiden zu den leuchteten Fen- Jj*rtt empor. Jochai Carmo und dessen Sohn, 5rvid, der den falschen Priester abgestreift, als echter Jude a seines Vaters Seite steht. *y r^ieu hinzutretende Abonnenten erhalten mmtliche, obige Eri??® enthaltenden Nummern des vor. Quartaljegen Einsendung von 50 Pfennig franco zugesandt. Die Expedition der „Jsrae W ochenschr." Sie haben Rom verlassen und zu Fuß ihre Reise nach Toledo gemacht, woselbst sie eben jetzt eingetroffen waren. Da dringen plötzlich wunderbare Töne, wie aus höheren Sphären kommend, an das Ohr der Beiden. Eine schöne mänilliche Stimme singt. —-Und leise sprechen es die Beiden unbewußt nach. Unbekannt sind ihnen diese Worte, die sie da vernehmen, niemals haben sie dieselben gehört, und dennoch klingen sie so bekannt, so lieblich. Das Lied ertönt weiter und abermals sprechen die Beiden mit erhobener freudezitternder Stimme diese Worte nach. Und mehrere andere Stimmen, darunter eine hellklingende schöne Frauenstimme, fallen ein in den Gesang. „Wer ist der Sänger, wer die Sängerin, ich will es wissen," ruft Jochai und eilt hinein in das Haus, David hinter ihm drein. Jochai öffnet hastig die Thüre, welche in das Zimmer führt, in dem sich die Andächtigen befinden, doch blieb er in derselben stehen, als hätte er das Antlitz Medusa's gesehen. Auf dem in der Mitte des Gemaches stehenden, mit weißen Linnen überdeckten Tische brannten die Sabbathlichter, um denselben herum standen vier Personen. Ein ernst blickender schöner Mann mit schwarzem Lockenhaar. großen blauen Augen, die in frommer Begeisterung nach Oben schauen. Es ist der große, unsterbliche Dichter und Sänger Jehuda den Halevy, dessen Ruhm weit hinaus in die Welt gedrungen war, weit hinüber über das Meer — des Königs Leibarzt. An seiner Seite stehen Elieh und Sarah, Jochai Carmo's Weib; und am andern Ende des Tische sitzt Rebecca, die Frau des Leibarztes. Die Andächtigen haben das Geräusch nicht vernommen, welches Jochai Carmo durch das Oeffnen der Thüre verursacht hatte und beten weiter. Da, wie von übernatürlicher Kraft angeregt, richtet Sarah ihre Blicke nach der geöffneten Thür. „Jochai, Elm Gatte!" schrie sie in herzzerreißendem Tone. Noch imn«tt stand Jochai gleich einer Bildsäule.^unter der Thüre, nebeü, ihm David. Keiner von Beiden spn ein Work, keiner von Beiden versuchte, das Gemach zu betreiön. Jehuda ben Halßyy allein hatte schnell begriffen, um was eZ sich handle. ' ' Freudig erregt eilte er Jochai entgegen und rei<Mtjhm seine beidenA^nde zum Willkomm. „Ermahnt sagte er, „wenn Ihr hier eine Person findet, die Euch gewA theuer ist, die Ihr todt und längst verweset glaubtet, so denket, Gott es so wunderbar gefügt und danket ihm hiefür." „Bi>t Du gekommen, Jochai, um mir z'ü verzeihen," sagte Sarah leise, damit die Anderen es nicht hören Mten „Dir verzeihen," sagte Jochai, „was habe ich Dir denn zu verzeihen? Du arme Dulderin, Du hast gesühnt, was Andere verbrochen, Du bist eine Märtyrerin. Was geschehen das liegt begraben und vergessen in jenem Grabe am „guten Orte ,auf welchem der Leichenstein Deinen Namen nennt „Sieh, Sarah, mein Haar ist weiß geworden, das Deine grau, vielleicht frühzeitig, doch es ist so. Schau Deine, meine Kinder, in ihrem Glücke wollen wir leben, den Rest des Lebens der uns von Gott noch beschieden. Komm an meine Brust Du armes Weib, laß uns Alles, Alles vergessen, nur nicht daß wir Kinder haben, mit denen wir noch glücklich fern können. ‘ö . , " ank Dir, Du edler Mann," sagte Sarah, „und jetzt gieb nur meinen Sohn, den ich so lange entbehren mußte ich gebe Dir dafür Deinen hochgefeierten Schwiegersohn Jehuda ben Halevy, des Königs Leibarzt, und dessen Frau unsere Tochter Rebecca. Und drinnen im Nebengemache harret des ersten Kusses Dein Enkelkind. Nach vielen Leiden, nach Kämpfen und Seelenaualen aller hl* Erch eingelaufen in den Hafen der Ruhe, *** ^uS°r. (Schluß folgt.) \