Mannheim
Compact Memory

Israelitische Schulzeitung · 1882-12-01 · 12 (12.1882) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Schulzeitung
Volume
1 (1882). Bestand LBI
Issue
12 (12.1882)
Date
1882-12-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5959619-9582846-9582235--098-9582236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Magdeburg, Dcrember 1882. M 12 .V)criut£iici]cbcii nutet Mituiirkung jüdischer Lehrer und Schulmänner von i)\ a b b t it c v Dr. M. Ra hmer in Vc a g d eb n r g. Die „Israelitische Schulzeitung" erscheint als pädngvqische Beilage zur „Israelitischen Wochettschrift" vorläufig tu monatlichen Zwischenräumen und für die Abonnenten der „Israelitischen Wvchenschrisl" gratis. — Inserate, die gespaltene Zeile 20 Pf., für jüdische Culnisbeamte 10 Pf. sind direct an die „Expedition der Israelitischen Wochenschrift" itt Magdeburg zu seitden. — Einzelne Nununern versendet die Expedition ü 10 Pf. sraneo. Methodologische Grundsätze zur Behandlung des biblischen Geschichtsunterrichtes in der israelitischen Religionsschule. Bon Berinamr Becker in schmieget. (Schluf;.) L. Methodische Grmrdsähe für die Jorm des Wortrages. Tie Sprache der Religionslehrer und ihre Vortragsweise der biblischen Geschichte ist ein heikles Thema, mib ich gestehe, nicht ohne ein peinliches Gefühl gehe ich all die Betrachtung dieses Theiles meiner Aufgabe. Dieses peirtliche Gefühl hat seinen Grund darin, daß ich einerseits so Dielen „ßteligionslehrern", ob autodidaktisch, seminaristisch oder akademisch gebildet, so manche bittere Wahrheiten sagen nmß, andererseits aitcf) den Gemeinden, lvelche vollständig ungeschulten Elementen, insbesondere solchen Kantoren und Schüchtern, die eben nur Kantoren und Schächter silld, beit Religionsunterricht, also tutci) den biblischen Geschichtsunterricht übertragen, um einige hundert Mark jährlich zu sparen, eine Gewissenlosigkeit Nachweisen nmß, wie man sie, wir müssen es offen gestehen, gerade auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes im christlichen Gemeinden selten findet. — Was würden wohl so manche Herren Rabbiner, Gemeindevorstünde, vor allem aber die Herren Kantoren selber sagen, wenn ein Mensch ohne Stimmbegabung sich anmaßen wollte, den Kantordienst zu versehen, oder wenn ein Schächter ohne das rituelle Prüfungszeugniß „empfangen" zu haben, rituell schlachten wollte?. — — Aber daß diesen Herren der Unterricht in den Glaubenslehren unserer Religion, in der Herz und Geist bildenden biblischen Geschichte übertragen wird, ohne daß sie, wie so häufig, weder praetische noch theoretische Unterweisung darin erhalten haben, das finden die Wenigsten auffällig. Th iere dü rfen ohne rituelle P di fit ngdesS chäch- 1 e r s nicht gef ch l a ch t et, d er G o t t e s d ien st o h u e st i m mliche Begabung des Kantors nicht abgehalten werden, aber d ie Einführun g in den Glauben unserer Väter, die Bildung des höchsten seelischen V er m ö g e n s, die religiöse B i l dun g d i e k a n u I e d er übernehmen, der nur stimmlich begabt und im Schächten rituell geprüst ift! — Das ist leider die Ansicht so vieler Gemeindevorstände und noch mehr Kantoren! Ich will zugeben, daß es manche Kantoren giebt, die es offen eingestehen, daß sie die Befähigung für die Erlheilung des Religionsunterrichts nicht haben und bei Abschließung ihrer Kontraete sich ganz entschieden weigern, den Religionsunterricht zu übernehmen, die aber, wenn sie schon nicht umhin können, die Verpflichtung zn übernehmen, treu und strebsam sind und sich redlich bemühen, das Wort unserer Weisen zu erfüllen: „An einem Orte wo keine Männer sind, bemühe Du Dich ein Mann zn sein." — Aber leider ist das nur die bessere Minderheit in den kleineren Gemeinden, denn in den größeren giebt es ja ohnedies öffentliche jüdische Elementar- oder Gemeinde-Religionsschulen. — Nur ein Beispiel möge wiederum statt vieler zlir Veranschaulichung dienen. ‘ In einer Gemeinde, in welcher sich eine öffentliche Elementarschule befindet, war die Stelle eines „Kantors und Schächters" vacaut, einer der berufenen Probecandidaten stellte sich dem Gemeindevorsteher vor, als sich zllfüllig auch der Gemeindelehrer dort befand, den der Kandidat natürlich nicht kannte. Außer seinen schriftlichen Empfehlungen glaubte der Kandidat noch mündliche hinzufügen zit müssen unb sagte wörtlich: „Ich kann auch sein Religionslehrer, brallchen Se nischt eppes ü Religionslehrer?" Der Mann hatte aber eine „schöne Stimme", Prüfungszeugnisse als Schächter, „empfangen" von Autoritäten, unb wenn er auch in dieser Gemeinde nicht angestellt wurde, so war er eben in einer anderen Gemeinde „ReligionSlehrer", unb ich bin gewiß, er wird — trotz seiner Summa — da er noch jung ist, ganz entschieden noch einmal in einer größeren Gemeinde wvhlbestellter „Kantor, Schächter und R e l i g i v ns l ehr er" sein. (So lautet ja wohl die hergebrachte Form in beit bezüglichen Annoncen, als ob allgemein das Amt eines Religionslehrers als das unbedeutendste erachtet würde, da es ja zuletzt geliannt wird.) — Derartige „Religionslehrer" silld es, welche den Jndifferentismus unserer Zeit verschulden und scholl im zartesten Alter die Keime — denn Keime religiöser Bildung hat nun einnlal eilt jeder Mensch — der religiösen Gesinnung ersticken. — Ist denn nicht gerade die Jugend am meisten geneigt, die Forill mit dem Inhalte zu verwechseln ulld, durch die Sprache des Religionslehrers veranlaßt, mit Widerwillen die biblischen Geschichten anzuhören,*) ohne innere seelische Theilnahme in den Religionsstunden dazusitzen oder gar Allotria zu treiben? — Biblische Geschichten in solcher Form vvrgetrageu, sind für die Kinder „lvie der Klang int Ohr vergeht." Und nun deitke man sich einen solchen Lehrer in einer höheren Schule Religionsunterricht ertheilen oder privatim solche Schüler nnterrichten! — Ist das nicht eine größere Entweihung des göttlichen Namens, als wenn ein Kantor ohne besondere Stimmmittel vorbetet? — Und bei all' diesen nicht wcgzulenguenden und allgemein befamtten Thatsachen entblödet sich nicht „der jüdische Kantor" in einer seiner neuesten Nummern einen Leitartikel zu veröffentlichen, betitelt: „Der Kantor als Hoher- *) Allzutiäufiger Gebrauch vvu Freindwörteru ist immer ein Beweis dafür, dap tmttt itt der den ticken Sprache fremd ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.