Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 50 (15.12.1874)
- Date
- 1874-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Volk Bestellungen , . nehmen^^ll^Postanstalten und Herausgegeben von I. Kliageaftein in Jngelherm. preis vierteljährlich!!1k Agr. Inserate sind an Heinrich Fischer & Co. in Leipzig zu senden. Preis der 3 gesp. Zeile 2 Agr. No. S0. Leipzig, den lg. Decrmber. 1874. Anhalt: Leitartikel: Zu Chanuka-—Auffindung der Steinmesser Josua's. — Die Allianz. Correspondenzen: Leipzig, Dresden, Frankfurt a. M.,-Aus dem Osterlande, Aus Baden, Alzey, Aus der preußischen Provinz. Rundschau: Berlin, Straßburg, Graudenz, Pest, Paris. Vermischtes. Anzeigen. Am Eünnukm. Das Chanuka-Fest gehört zu den bedeutungsvollsten und schönsten unserer Religion und wird am wenigsten so aufgefaßt und gefeiert. Das kommt daher, weil man so lange nur die Formen, aber nicht den Geist der Religion gepflegt hat. Die Wenigsten im Volke wissen dem Feste eine geistige Bedeutung unterzulegen. Sie kennen nur die Chanuka-Legende, das Wunder vom heiligen Oelkrüglein; darauf stützt sich für sie die ganze Feier. Zur Erinnerung daran zünden sie die Lichter an, weil es so geboten und herkömmlich ist, nicht einmal weil sie an das Wunder glauben. Solche Verhältnisse können keine begeisterte Feier erzeugen. Man weiß nichteinmal, daß jene Legende nach Art biblischer und orientalischer Gleichnisse den historischen Inhalt und die geistige Bedeutung des Festes symbolisch darstellt, nämlich: den Kampf der erleuchteten und begeisterten Makkabäer für die Wahrheit und den Bestand der jüdischen Religion, wie die Zahl der Kämpfer_ anfänglich gering war, allmälig wuchs und ausharrte, bis die dem Erlöschen nahe Gottesflamme den ganzen Leuchter, d. h. ganz Israel, welches Träger des religiösen Lichts ist, wieder erleuchtete. Man hat in jüngster Zeit viel gethan, die geistige Bedeutung des Festes zum Bewußtsein zu bringen und die Feier des Festes zu heben. Vergebens! Die Einen verhalten sich gleichgültig gegen die formelle Feier des Festes, die Andern gegen deflen geistige Bedeutung. So ist es ja überhaupt im religiösen Leben Israels. Man steht gleichsam wie der Prophet Ezechiel auf einem Todtenfelde und fragt: Herr, werden diese todten Gebeine wieder leben? Rufe den Geist an, spricht der Herr, daß dieser sie anwehe, und sie werden leben. Man hat den Geist angerufen, und doch leben sie nicht. Ist es nicht der rechte Geist, den man angerufen hat, oder war es nicht der rechte Prophet, von dem er angerufen wurde? . Nicht einmal die von Emil Lehmann eingeleitete Chanuka-Literatur zur Verdrängung der christlichen Weihnachtsfeier hat Beachtung gefunden. Das vorjährige ^uch ״Zu Chanuka" wurde angefeindet, nicht gekauft und erhielt keine diesjährige Nachfolge. Das Chanuka-Fest naht heran, aber es bleibt unbeachtet, man fährt fort, in jüdischen Kreisen die christliche Weihnachtsfeier vorzubereiten. Das Chanukafest versetzt uns also in die Zeit, wo Israel mit Geisteskraft und Waffengewalt gegen den das Judsnthum bedrohenden Helenismus ankämpfen mußte, gegen griechischen Götzendienst, griechische Lebensanschauung und Unsitte, griechische Philosophie und Genußsucht. Dagegen kämpften viele hagiographische und apokryphische Bücher mit den Waffen des Geistes und die Makkabäer mit den Waffen der Gewalt. Der Kampf hat in Israel nie aufgehört. Der Erzvater Jakob wurde schon dafür berufen und deshalb mit^dem Namen ״Israel" d. h. Gotteskämpfer bezeichnet, um ihm und seinen Nachkommen den Kampf für Gott und Wahrheit, Recht und Sittlichkeit aufzugeben gegen den Geist der Nacht und Finsterniß, gegen Verblendung des Geistes und Verirrung des Lebens, gegen Aber- und Unglauben, gegen Lüge und Gewaltthat, gegen Lieb- und Sittenlosigkeit. Der Kampf ist noch nicht zu Ende, der Sieg noch nicht erfochten. Israel muß noch immer auf der Warte stehen, es bedarf noch immer der Bereitschaft zum Kampfe und der Mahnung dazu. Ist da die Chanukafeier überflüssig geworden? Die Zeit der Anfechtung ist noch nicht vorüber. An die Stelle des bedrohlichen Griechenthums ist das gefährlichere Christenthum getreten, welches, dem Judenthum entsprossen, auch Elemente des griechischen Heidenthums in sich vereinigt. Es besitzt ebenfalls die politische Macht, um Gewalt zu üben an den Widerstrebenden und Andersgläubigen, und bietet durch wissenschaftliche und Kunstbildung, wie durch äußern Lebensgenuß und äußerliche Lebensstellung für die schwachen Menschen Reize genug dar, die zum Abfall verlocken können. Die Gleichstellung des Juden im politischen wie socialen Leben ist zwar dem Principe nach erkämpft, der Praxis nach aber durchaus noch nicht durchgeführt. Sie stößt nicht nur im Staat wie Verkehr überall auf Widerstand und Hindernisse, es fehlt sogar nicht an Beispielen offenbarer Princip- Verletzung, unleugbarer Ausschließung und Zurücksetzung; ja in manchen Staaten und bei einzelnen Völkern begegnen wir noch absichtlicher Unterdrückung und Verfolgung der Juden. Die Humanitätsideen des Judenthums haben auch unter christlichen Völkern an Macht und Ausbreitung gewonnen, denn sie sind auch dem Urchristenthum immanent; aber der diesen Ideen feindliche Geist der christlichen Kirche wirkt selbst da, wo ihre hirarchische Herrschaft gebrochen ist, noch zu sehr nach, als daß sie sofort zur vollen Herrschaft gelangen könnten. Können wir auch auf den allmäligen Sieg des Rechts und der Wahrheit vertrauen, so dürfen wir doch im Kampfe für denselben um so weniger Nachlassen, als auch die Kirche auf'L