Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 48 (1.12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- Seite 386 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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386 Dienste, die unser Vater hochgestellten Personen erwiesen hatte, konnten uns die Wege bahnen, — aber das, was unserem Vater möglich war, konnte uns nicht gelingen. Die Zeiten waren andere geworden. Mein Bruder liebte ein herrliches christliches Mädchen, die Tochter eines alten fürstlichen Hauses, mit welchem mein Vater eng verbunden war, — die Liebe gab den Ausschlag; sie führte ihn zum Taufdecken, nachdem der Vater und die Mutter tobt waren und er riß mich mit sich fort, der ich damals noch kein eigenes Urtheil hatte. O, hätten wir es nicht gethan! D-, L., mein Bruder und ich — wie oft sind wir an einem Jahrzeittage unserer Eltern beieinander gesessen — und weinten. Die Frauen haben sich leichter drein gefunden; sie entschädigen sich durch Gebet in den — Kirchen. Sie werden christlich bigott. Wir -wir beten nicht in der Kirche. — — Mein Bruder hatte das Opfer umsonst gebracht. Er hatte geglaubt, die Taufe lösche Alles aus — er wurde, als er um die Hand seiner Geliebten anhielt, von der hochadligen Familie mit Hohn zurückgewiesen. Er hat ein armes, ebenfalls adliches, braves Mädchen geheirathet und könnte glücklich sein. Ach, er ist es dennoch nicht, trotz dieses engelgleichen Mädchens, das Sie eben gesehen haben, das er seine Tochter nennt, die eine erstaunliche Vorliebe für Juden und Judenthum hat — — —" Und ich?. Ich wagte kaum zu athmen. Der arme Bittsteller konnte die ihm gleichsam aufgedrungene Beichte seines hohen Borgesetzten nicht unterbrechen. Die Stimme desselben war fast und wenn es dem alten, ehrwürdigen Adler so geht und Z. Frankel so ging, zwei Männer, die gewiß nicht zu den Himmelsstürmern gehören und nie eine andere Richtung in Lehre und Leben erkannten, als die der Orthodoxie — können und dürfen wir ״gewöhnlichen Menschen" uns beklagen? — (Anm. des Correspondenten.) zu einem Schluchzen geworden. Nach einer Weile, während der man die Fliegen an der Wand summen hörte, fuhr der Mann, den ich jetzt bemitleidete, während ich ihn bisher nur fürchten gelernt hatte, mit flüsternder, bewegter Stimme fort: ״Ich liebte auch ein armes, jüdisches Mädchen aus der Judengasse zu O.— Es war eine jener herrlichen Gestalten, wie sie den Maler als Rebekka und Esther zum Modell dienen; fein und züchtig, eben so edel als einfach. Ich hatte sie eingeführt in die Bildung der Zeit, — sie hing an mir mit einer Innigkeit, mit rührender Liebe und Hingebung; sie war eine entfernte Verwandte unseres Hauses; — als wir getauft waren, wagte sie kein Wort mehr mit mir zu sprechen. Sie wich mir aus. Einmal begegnete ich ihr — sie schauderte, als ich sie ansprechen wollte und floh gleichsam wie entsetzt. Ich glaubte, sie leise ״Verräther" sagen zu hören. — Ich bin einsam geblieben während meines ganzen, äußerlich so sehr vom Glück begünstigten Lebens. In den Kreisen, in welchen ich mich, vermöge meines Berufes, bewege, kann ich nie heimisch werden . . . ." Wieder stockte er eine Weile. Dann sprach er leise, fast schluchzend: ״Lieber Freund! Thun Sie mir einen Gefallen; bleiben Sie heute hier — gehen Sie in die Synagoge und sagen Sie — Kaddisch für meinen Vater, für den Vater eines Getauften und legen Sie das, was ich Ihnen hier gebe, in die jüdische Almosencasse an der Synagogenthüre, in meinem Namen. Das dürfen Sie und wollen Sie?!" ■» * ■& Ich that nach seinem Willen. — Es ist eine einfache, wahre Geschichte, die ich hier erzähle, nachdem viele Jahre seitdem verflossen. Der Mann und alle die, welche damals mit ohne das Jahrzeit seines Vaters feierten, sind todt. Wer — sagt Kaddisch für die Getauften? Verlag von Johann Friedrich Hartknoch in Leipzig. Ein jüdisches Hausun- Volksbuch unter Mitwirkung befreundeter Gelehrten und zum ßeficu lies vom [leuiffi-israefitififmi ®emeiudeßnufl zu fiegtiimleiulcii Beamten-Anterflützlmgsvereins herausgegeben von Erciil Lelimannn״ Rechtsanwalt tu Dresden. Cartonmrt in elegantem illnstrirtem Farbendruckumschlag mit Leinwandrücken. Preis 1 Thlr* 10 JSTgr• Gegen Einsendung des Betrags liefert die Verlagshandlung das Buch franco. In Bad Homburg ist ein mit allen modernen Anforderungen versehenes Hotel nebst Garten, bestehend außer Speise-Saal und Nebenzimmer für ca. 100 Gedecke, aus zehn schönen Zimmern in zwei Etagen, Gas, Wasserleitung und Waterclosets rc. ä nur fl. 1500 pro anno zu vermiethen oder zu verpachten. Da unser schöner Kurort von zahlreichen Glaubensgenossen besucht wnfc viele im Hotel wohnen möchten, würde ein Israelit, gediegener Wirth, im Besitze einigen Vermögens zur Ausstattung des Hotel's Caution oder Vorzahlung wird nicht verlangt — sicherlich eine;gute Existenz finden. 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