Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 41 (13.10.1874)
- Date
- 1874-10-13
- Page
- Seite 327 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579291--849-9579298- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
321 0 M se, die jüdischen Schulverhältnisse auszusprechen, können dagegen nicht verhehlen, daß wir mit dem öffentlichen Gottesdienst in jüngerer Zeit nicht ganz einverstanden sind. Obschon die hiesige Gemeinde eine neue, prachtvolle Synagoge und in dem Rabbiner Herrn Dr. Rosenthal einen guten Prediger besitzt, so wird eben der liturgische Theil des Gottesdienstes seit dem vor einem halben Jahre von hier erfolgten Abgänge des Herrn Cantor Singer in einer das Gehör nicht gerade ergötzenden Weise ausgeführt, da dem gegenwärtigen Vorbeter jedes musikalische Geschick abgeht. Unwillkürlich mußte sich während einer circa achtjährigen Function des Herrn Singer, vermöge seines gutverständlichen Vortrages, seiner klangvollen Stimme und des kunstgerechten Chorgesanges in den Synagogenbesuchern eine Geschmacksrichtung entwickeln, die mit dem alten Singsang in keinerlei Verwandtschaft steht. In Würdigung dieser Situation hat der Cultusvorstand für die Wiederbesetzung der Cantorstelle durch eine tüchtige musikalische Kraft ein sehr anständiges Fixum bestimmt, und wird der bereits engagirte Cantor am 1. November d. I. ins Amt treten. Ueber seine Persönlichkeit und Leistungen werden wir seiner Zeit Bericht erstatten. r. . s. Wangen bei Radolfzell in Baden, den 7. Oct. Ich kann nicht unterlassen, auch Ihnen, Herr Redacteur, und den werthen Lesern Ihrer Zeitung die schmerzliche Trauerkunde zu überbringen, daß leider einer der edelsten Männer unserer Gemeinde, Herr S. I. Wolf, Altvorsteher und Bezirksältester dahier, am 30. v. M. (יום ג׳ דח ה םוכות) in seinem 72ten Lebensjahre nach nur 2tägiger Krankheit in ein besseres Jenseits abgerufen wurde. Deffen sterbliche Hülle wurde am Rüsttage zum Schlußfeste הושענא רבה dem Schooße der Erde übergeben. נפלה.עשרה ראשנו muß ich unwillkürlich mit dem Propheten Jermias ausrusen: ״Die Krone ist uns vom Haupte gefallen." Der Verewigte bekleidete während 28 Jahre das Vorsteheramt dahier und vor etwa 3 Jahren noch wurde er vom Synagogenbezirk Gailingen zu dessen Bezirksältesten erwählt. Seine ausgezeichneten Fähigkeiten und Kenntnisse sowohl im hebräischen als im profanen Wissen, seine ungeheuchelte erleuchtete Frömmigkeit, seine so oft bethätigte Mildthätigkeit gegen Arme und Nothleidende ohne Unterschied des Bekenntnisses, seine Nächsten- und Friedensliebe gegen Hoch und Nieder, gegen Arm und Reich, stehen als mustergiltig da und bevorzugten ihn zu den Aemtern, welche man vertrauensvoll in seine Hände legte und welche Posten er mit größter Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit verwaltete. Ach, was haben die Armen, Hülflosen und Kranken an ihm verloren, Allen war er ein helfender und tröstender Vater, ein nimmerrastender Wohlthäter ohne Gleichen, mit vollen Händen theilte er Gaben aus, sein edles Herz, das aus seinen Augen sprach, konnte keine Thränen fließen sehen, und wie viele Thränen trocknete er. Fast sein ganzes Vermögen opferte dieser edle Mann im Dienste der Mildthätigkeit auf und unverdrossen wirkte er all sein Leben lang zu Nutz und Frommen seiner Mitmenschen. Wie ist er mit der ganzen Innigkeit seines Herzens, mit der ganzen Fülle seines Jchs eingetreten für das Judenthum, für alle religiösen Interessen. Zugleich war er ein eifriger Förderer der jüdischen Literatur. Bei seiner tiefen Religösität war er doch dem besonnenen Fortschritt nicht verschlossen, was Sie schon daraus vernehmen können, daß er ein eifriger Leser und Freund der ״Jüdischen Volkszeitung" war. Namentlich hat er sich bei Gründung der ״Achawa" durch Absetzen von Jahrbüchern u. s. w. vielfältig betheiligt und Ihnen, Herr Redacteur, dürfte der treffliche Character des Entschlafenen, mit dem sie bisher zeitweise durch Correspondenz nahe getreten waren, nicht fremd geblieben sein. (Ja wohl, wir verlieren in ihm einen der trefflichsten Freunde und liebsten Correspondenten. Redaction.) Möge sein Geist in unserer Gemeinde stets fort und fort leben und sein Beispiel in uns Nachahmung flnden. ת׳נ׳צ׳ב׳ה. S. Ohnhaus, Hauptlehrer. K u n ä s cü a u. Deutschland. Bromberg, 22. September. Vor mehreren Tagen verschwand aus der hiesigen Garnison ein Musketier (Israelit) von der 28. Comp, des 21. Infanterie-Regiments. Man glaubte allgemein, derselbe sei desertirt. Darin hatte man sich geirrt, er ist nicht desertirt, sondern hatte sich das Leben genommen, indem er sich in den Bromberger Canal an der 8. Schleuse ertränkte. Dort ist sein Leichnam von Flössern gestern gefunden worden. Der Unglückliche, der in seinem Civilverhältnisse Uhrmacher war, soll aus verletztem Ehrgefühl, (er hatte eine Strafe zu verbüßen gehabt) sich das Leben genommen haben. Schneidemühl. Am 16. September fand hier die Abiturientenprüfung statt, zu welcher diesmal auch der jüdische Religionslehrer, Rabbiner Brann, eingeladen war. Wetzlar. Dem hiesigen israelitischen Prediger wurde auf seine Petition an das Haus der Abgeordneten um Befreiung von der Communalsteuer die Entschuldigung, daß die Petitionscommission beschlossen habe, dem Hause zu empfehlen, die Petition zur Erörterung in pleno für nicht geeignet zu erklären, da der Rechtsweg unverschränkt sei. Der Petent hat sich daher wiederholt an das Abgeordnetenhaus gewendet, und nachgewiesen, daß der Rechtsweg verschränkt sei, indem das Gesetz in Preußen keine israelitischen Geistlichen, sondern nur ״jüdische Cultusbeamte" kennt. Besonders ist hervorgehoben, daß die seit Jahrtausenden bestehende jüdische Consession in Preußen noch nicht einmal so viel Rechte besitze, als Religionsgesellschaften, deren Entstehung ganz neuen Datums ist. (Jsr.) Königsberg, 5. Oct. Auf Antrag der juristischen Facultät zu Königsberg hat der Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten die im § 65 der Statuten derselben enthaltene Vorschrift, daß wer sich bei ihr um den Doctorgrad bewerben will, sich zur christlichen Religion bekennen muß, aufgehoben und zugleich bestimmt, daß bei dem bei der juristischen Promotion zu leistenden Doctor-Eide es dem Doctoranden freigestellt bleiben soll, ob er am Schluß den Worten ״Ita me deus adjuvet“ eine besondere, seinem religiösen Bekenntniß entsprechende Befähigungs-Formel in lateinischer Sprache beifügen wolle. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien. Die Leser dieses Blattes haben wohl alle die Nachricht von der glücklichen Rückkehr der österreich. Nordpolfahrer vernommen, aber vielen dürfte es unbekannt sein, daß der Oberarzt der Expedition, Herr 1)1־. Kepes, ein Glaubensgenösse ist, der sich durch seine wissenschaftlichen Sammlungen große Berühmtheit erworben, und überall, wohin die Mitglieder der Expedition kamen, mit großer Auszeichnung empfangen wurde. Frankreich. Paris. Durch die lobenswerthe Bemühung des Rabbiner