Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 38 (22.9.1874)
- Date
- 1874-09-22
- Page
- Seite 305 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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305 befragen, woher Jesus seine erhabene Moralsätze genommen hat. — Eine leidenschaftliche Scene bringt uns wieder mit eimgen der Hauptpersonen, diesmal in Meadows Hause, zusammen. Wilhelm soll auf der Stelle, wo er sich unbefugt eingedrängt, wegen Schulden verhaftet werden. Da tritt Jsaac Levi in gebietender Haltung ins Zimmer. ״Thoren!" ruft er höhnisch, ,',diese Streiche galten für aufgewärmt, ehe England eine Nation geworden." Levi bezahlt die Schuld und Wilhelm ist wieder frei. Allein Levi hat ein zweites Geschäft hier abzuwickeln, das Meadows mehr persönlich angeht. Dieser hatte das Haus, worin besagte Scene spielte, fast. völlig als sein Eigenthum betrachtet, weil es schien, als ob die daraus lastende Hypothekenschuld verfallen würde. Levi hat Capital und Zinsen mitgebracht und kündigt jetzt seinerseits dem Gegner die Wohnung auf. Maß für Maß. — ״Am nächsten Liebfrauentag werden Sie aus die Straße geworfen werden. Ha, Frauenanbeter, am Liebsrauentag! Zahn für Zahn!" Diese stete Hervorhebung der sogenannten jüdischen Rache ist ein entstellender Makel in dem sonst so groß und kühn angelegten Volksepos. Wie ist es möglich, daß ein Mann, von so vornehmer Weltanschauung, voll von so edler Wärme für das Wahre und Rechte, wie Charles Neade, den alten grundlosen Vorwurf wiederhole, der sich auf die stets erneute ׳Mißdeutung von Exodus 21, 24. 25. stützt? —- In der That, Auge um Auge!-Da ja schon der Nachsatz, V. 26. 27. gegen die buchstäbliche Vollziehung redet; da ja aus der Geschichte des jüdischen Staates kein einziges Beispiel von solchem Kannibalismus vorliegt, da doch die Milde des jüdischen Strafrechts selbst von den Gegnern anerkannt wird. Wir können Neade nicht mit den vorsätzlichen Verleumdern des jüdischen Alterthums zusammen werfen; bei ihn: haben wir uns den Fehler psychologisch, aus einer Art von Jdiosynkrasie zu erklären. Er scheint aus einer entschuldbaren Tendenz gehandelt zu haben; indem er nach seiner Weise die edlen Elemente des Judenthums den edlen Elementen des Christenthums gegenüberstellte, lag ihm, als einem begeisterten Protestanten, daran, das letztere mit größerem Glanze leuchten zu lassen. Er wollte dem Christenthum die bessere Theorie wahren, da er doch in der Praxis so viel ״Unchristliches" einräumen mußte. — In demselben Sinne macht er aus Susanns, eine allerliebste. Missionärin, welche dem alten Levi lauter nagelneue Wahrheiten aus den Evangelien mittheilt. Er fallt dabei alle Augenblicke aus der Rolle und gerätst in die sonderbarsten Anachronismen. Der erfahrene, welt- und; schriftkundige Jude muß natürlich diese Lehren neu finden! und begierig darauf lauschen. Allein abgesehen von dieser; tendenziösen Abirrung ist die sänftigende Gewalt edler Weibi lichkeit trefflich dargestellt.! Susann«. ״....Ich will jetzt nach ihrem Hause gehen! ...Und werden Sie mir zeigen, wo Lea zu sitzen pflegte?...! Und wo Sara und Rahel so gerne spielten? Levi. Ach, ich könnte keinem Andern diese heiligen Orte zeigen; Ihnen will ich sie erschließen. Susann«. Und werden Sie für eine Weile diesen unglücklichen Streit vergessen und auf mich hören? Levi. Gewiß höre ich auf Sie: schon jetzt klingt Ihre Stimme meinem Ohr wie der Wind, der zwischen den Cedern Libanons seufzt, wie die Woge, die nächtlich den Sand Galliläas bespült. Susann«. Es ist nur die schwache Stimme eines thörichten Weibes, das Sie liebt und ehrt . . .! Levi. Kommen Sie mit mir, Susanna — ein guter Name, Ihr habt ihn von den: verachteten Volke. Kommen! Sie, gleich dem Frieden, selbst nach meiner Wohnung. Sie!kennen nicht die Tücke der Welt, so wie ich; aber Sie können j mich jene höhere Weisheit lehren, welche die thörichte Leiden- , schaff bändigt und die Seele läutert."! Seit Jsaac Levi derart die erste Rate der Vergeltung j an seinen Feind heim gezahlt, hören wir für längere Zeit nicht! wieder von ihm. In Australien finden wir unseren alten Freund! unerwartet wieder. Die Goldcolonie braucht einen Banquier. 1 In einer Stadt von Zelten, unter zehntausend leichten Woh-!nungen, hebt sich sein leinenes Dach. Dort steht er mit seinen; Gehilfen am Eingänge, wägt mit gerechter, aber genauer Waage : das zugebrachte Gold und kauft es von den glücklichen Findern.! Auch hier imponirt er durch die gediegene Sicherheit seines j Wesens. Bei einein Lynch-Tribunal offenbart sich sein ungebeugter Rechtssinn im schönsten Lichte. Ein Gauner, Namens Walker, hatte einem der Goldgräber seine Grube verkauft, nachdem er sie zur Täuschung mit Kupfer und dergleichen belegt. Der Betrüger wird gebunden herbeigeschleppt; die erhitzten Leidenschaften der gesammten Goldgräbergemeinde! dringen aus ein warnendes Exempel der Lynchjustiz. Das! Gericht ist gebildet und Levi wird als Sachverständiger vor-! geladen, um den Goldstaub — das corpus delicti — zu untersuchen. Er weigert sich zu kommen. Man schleppte ihn unter furchtbaren Drohungen herbei. ״Eine Probe, alter Mann; prüfe dieses Gold!" — ״Der alte Jude warf seine Augen umher, nahm die Scene vollständig in sich auf, und bot mit einem Muthe, den wohl wenig Jüngere gezeigt hätten, dem wüthenden Haufen die Spitze. Ich will euch keine Probe geben. Ich wasche meine Hände von euren rasenden Leidenschaften, von euerer Nachäffung der Gerechtigkeit, ihr Männer Belials!" Ein Augenblick des Schweigens, des Staunens; — darauf ein Geheul der Wuth, und ein Dutzend Messer blitzen! in der Luft. — Der Richter (Robinson) erhob sich schnell! und rief mit einer furchtbaren Stimme, welche den Tumult für einen Augenblick beherrschte: ״Nieder mit den Messern! Ich hänge den Ersten, der in ineinem Gerichtshof eine Waffe zückt." Und während der'augenblicklichen Pause, die folgte, rief er aus: ״Er hat mir eine Probe gegeben. Eilt und bringt die Flasche mit Säure von seinem Tisch...." ״Junger Mann", sagte Levi feierlich, ״gießen Sie nichts aus, daß nicht der Himmel Ihre Seele eines Tages ebenso scharf prüfe. Wer sind Sie, daß Sie Ihren Bruder richteir?" Der alte Mann hat unter den Banditen des Lagers eine Partei gegen sich heraufbeschworen unb wird auf einem kurzen Gange in der Nähe der Mine von einer zahlreichen Schaar mörderisch angefallen. Er war verloren, wenn Georg ihm nicht mit Löwenmuthe zu Hilfe kam. Crawley, Meadows' Sendbote, der inzwischen angekommen, ist unter den Angreifenden. Diese barbarische Behandlung bestimmt Jsaac zu dem raschen Entschluß, die Mine zu verlassen. Levi (zu Nathan, seinem Gehülfen). Brich die Zelte ab, sammle unsere Geführten und laß uns gehen. Je m. (ein Goldgräber). Wie, Sie wollen uns verlassen? Levi. Ja, junger Mann, noch in dieser Stunde... Jem. Ja, aber wenn Sie gehen, wer kaust dann unseren Goldstaub? Levi. Die christlichen Kaufleute (mit-gleichgültiger Miene). Jem. Aber, das sind solche — — Juden. Ich wollte sagen, ich — ich meinte — so —- % ■ I ri ^rC