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Jüdische Volkszeitung · 1874-09-08 · 36 (8.9.1874) · p. Seite 289

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
36 (8.9.1874)
Date
1874-09-08
Page
Seite 289 (sequence 9)
Language
German
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Handelshäusern, wohlhabenden Advocaten re. meist als Dr. Kohn und mit Berufung auf sein Zeugniß in Beträgen von 5 bis 10 fl. im Ganzen 160 fl. sammelte, wobei ihm zur Angabe der Adressen Margulies als Führer diente. Bei der Geliebten Fränkel's, Christina Hartmann, die er als Dienstmädchen in Deutschland kennen gelernt und unter dem Versprechen, sie zu heirathen, mit sich genommen hatte, fand sich gleichfalls ein gefälschtes Zeugniß, in welchem sie als die Wittwe Bertha Friedländer, die mit zwei Kindern unverdient der größten Noth preisgegeben sei, dem Mitleid empfohlen wurde. Sie hatte, mit diesem Zeugniß ausgerüstet, von Anfang bis Mitte März ca. 70 fl. gesammelt. Viel weniger Klarheit ergab die Untersuchung über die Person des dritten Angeklagten, bei welchem ein gefälschtes Zeugniß und ein hebräisches Siegel, sowie ein auf den Namen des Schneiders Salomon Lewin lautender Paß aufgefunden wurde, den der Verhaftete von einem Kameraden zum Aufbewahren erhalten haben will. Merkwürdigerweise wurde aber eine Photographie des angeblichen Margulies, die man in die Heimathsgemeinde des Salomon Lewin schickte, dort als das Porträt des Letzteren, eines mit Zurücklassung eines Weibes und zweier Kinder entschwundenen Schneiders, agnoscirt. Trotzdeni beharrt der hier Jnhaftirte darauf, nicht der Salomon Lewin, sondern der Lewy Margulies aus Lemberg zu sein, wofür wieder der Umstand zu sprechen scheint, daß auch in Lemberg ein Schneider Lewy Margulies existirte und vor mehreren Jahrey mit Zurücklassung von Weib und Kind verschwand. Den wahren Sachverhalt zu erforschen, wird Sache der Polizei sein, welcher Margulies (oder Lewin) nach Verbüßung seiner strafgerichtlichen Haft übergeben werden wird; der Polizei fällt auch die Aufgabe zu, den Vierten der ursprünglich! Verhafteten, Hersch Margulies, bei welchem sich keine falschen Documente und auch sonst keine Anzeichen eines verübten Betruges vorfanden, als Vagabunden kostenfrei in seine Heimath zurück zu befördern. Bei der nach zweimaliger Vertagung heute endlich zu Ende geführten Verhandlung stellte Fränkel in Abrede, daß der Annahme eines falschen Namens irgend welche betrügerische Absicht zu Grunde liege; der Talmud berechtige ihn, die Hilfe seiner Brüder in Anspruch zu nehmen. Zur heutigen Verhandlung erschien ganz unerwartet eine neue Anklägerin, die in Russisch-Polen zurückgebliebene Frau Fränkel's, die eigens mit ihrer Mutter hierhergereist war, um gegen ihren Mann aufzutreten. Nach längerer Verhandlung mit der mehr als begriffsstützigen Frau, die trotz der ungebetenen Bemühung eines von ihr mitgebrachten ״jüdischen Dolmetsch", die deutschen Fragen in's Polnisch-Jüdische zu übersetzen, keine an sie gerichtete Frage aufzufassen vermochte, brachte man endlich aus ihr heraus, daß ihr gar nichts an dem Manne, noch an seiner Abstrafung wegen Ehebruchs gelegen sei, sondern lediglich daran, von ihm für sich und die Kinder Geld zu erhalten. Fränkel erklärte sich berest, ihr das ganze ihm bei der Ver- Haftung abgenommene Geld, ca. 70 fl. zu überlassen. Auf die Geliebte Fränkel's, die Mitangeklagte Christine Hartmann, die in den nächsten Tagen ihrer Entbindung entgegensieht, machte die Vernehmung von dessen rechtmäßiger Frau einen peinlichen Eindruck und erpreßte ihr bittere Thränen. Die Aussagen der zwei persönlich erschienenen Zeugen! und die nur verlesenen stimmen darin überein, daß nur Mitleid sie zu dem Almosen bestimmte. Der Gerichtshof, unter Vorsitz des Landesgerichtsraths Wissiagg, erkannte indeß Fränkel und Christine Hartmann des j Betruges schuldig, weil dieses Mitleid eben durch ihre falschen Angaben und Vorspiegelungen erregt worden sei, und verurtheilte Beide wegen Betruges und Vagabondage zu je drei Monaten Kerkers und Landesverweisung, Lewy Margulies (oder Salomon Lewin) wegen Vagabondage zu acht Tagen Arrests. (N. Fr. Pr.) M o r t a v a. Der Judenknabe Mortara, dessen Raub durch die päpstliche Behörde einst in ganz Europa besprochen ward, ist im Laufe der Zeit ein junger Mann und Augustinermönch geworden und hat neulich, wie wir bereits vor einigen Tagen berichteten, das erstemal öffentlich gepredigt. Diesen Anlaß benützt die ״Gazzetta d'Jtalia", um Einiges von den Schicksalen Mortara's zu erzählen. Erblieb von 1858, in welchem Jahre er seiner Familie entrissen ward, bis zum October 1870 stets in Rom. Die päpstliche Regierung ließ ihm eine sorgfaltige Erziehung geben und ernannte ihn noch in zartem Jünglingsalter zum lateranensischen Canonicus. Bis 1867 hatte er mit seiner Familie nicht den geringsten Verkehr. Nach dem Gefechte von Mentana trat der Vater, der auf eine baldige Besetzung Roms hoffen mochte, in Briefwechsel mit seinem -Sohne, den die päpstlichen Behörden gnädigst erlaubten. Die Briefe des jungen Mannes verriethen Bildung und schlossen stetsmit der Aufforderung an seine Familie, sich zum Christenthume zu bekehren. Die Briefe wurden natürlich, ehe sie abgingen, immer erst von den Vorgesetzten des jungen Mortara gelesen. Nach der Einnahme Roms durch die italienischen Truppen begab sich der Vater in die neue Hauptstadt Italiens, um den Sohn wieder zu holen. Aber zwölf Jahre pfäffischer Erziehung hatten diesen mürbe gemacht, und er wollte nichts! mehr von seinem Vater wissen. Der alte Mortara wendete sich nun an die Regierung und bat Lamarmora um Hilfe. Der General gab ihm gute Worte, fand es aber aus Rücksicht für die Clericalen, ״die man nicht erbittern dürfe", gerathen, nicht einzuschreiten. Bald darauf schrieb der junge Mortara von Bologna aus einen Brief an seine Eltern, worin er ihnen anzeigte, daß er fest im christlichen Glauben verharre und sich deshalb nicht mit seiner Familie vereinigen könne. Er ging dann nach Belgien, und Lamarmora war froh, durch die Entfernung des jungen Menschen der ganzen verdrießlichen Sache überhoben zu sein. In Belgien lernte Mortara (Sohn) gründlich Französisch, vollendete seine Studien und trat kürzlich in den Augustinerorden. Seine erste Predigt hat großen Beifall gefunden, und aus Anlaß derselben richtete er einen Brief an Pius IX., worin er diesem seine Dankbarkeit aussprach, was den Papst ganz außerordentlich gefreut haben soll. Der junge, vielversprechende Mönch wird wahrscheinlich als Missionsprediger Verwendung flnden, und man prophezeit ihm eine große Zukunft. Ob er speciell zur Judenbekehrung verwendet werden soll, darüber schweigt die ״Gazzetta d'Jtalia". (N. Fr. Pr.) Briefkasten der Redaktion. Herrn Lehrer I. O. in O. Ihre Einsendung kann zu unserem Bedauern keine Verwendung finden, weil wir Predigten grundsätzlich nie aufnehmen.

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