Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 33 (18.8.1874)
- Date
- 1874-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579217--769-9579218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Vmkszeituug. L«ste8uag«n nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Drei» »iertelj-ihrlich 17J/a Lgr Herausgegebm von I. Klingenstein in Ingelheim. Inserate sind an Heinrich Fischer Sc Co. in Leipzig zu senden, prei» -er 3 zesp. Stile 8 Lgr. No. 33. Leipzig, den 18. August. 1874. Inhalt: Leitartikel: Die jüdischen Trauergeöräuche. Correspondenzen: Stuttgart, Brüssel. Rundschau: Rüdesheim, Elberfeld, Wien, Bukarest, Jassy, Paris. Unterrichts- und Erziehungswesen: Die rheinisch-westfälische Lehrer-Conferenz. Literarisches: Deutsche Lehr- und Wanderkarte. — Wandkarte von Palästina. Feuilleton: Zwei Orginal-Actenstücke im Urtexte. II. Anzeigen. Die jüäiseilen Trauergebräucüe. Als vor einigen Jahren die Frage über die Erhaltung der Gemeindeeinheit anfing an uns heranzutreten und Bedeutung zu gewinnen, da wurde von verschiedenen Seiten geltend gemacht, daß an einem Gegenstände die Trennung des Einzelnen von der Religionsgemeinde, wenn sie auch zuweilen beabsichtigt und sogar für kurze Zeit perfect würde, schließlich dennoch wieder scheitere: an der Beerdigungsfrage. Niemand wolle darauf verzichten, nach seinem Ableben ״bei seinen Välern" zu ruhen. Jeder wünsche mit seinen Angehörigen die Grabstätte zu theilen. Das ״jüdische" Begräbniß sei ein Mittel, die sich im Leben Zerstreuenden zusammen zu halten — diene also mit zur Erhaltung und zum Bestände der Religionsgemeinde. Das, was für die Einen der jüdische Friedhof ist, ist für die Anderen der Jomkippur, der heilige Versöhnungstag. Ein Stück Erinnerung, ein Gegenstand heiliger Scheu vereinigt er alljährlich die Zerstreuten Israels ... — In welcher Weise dies jedoch oft geschieht, haben wir in einigen vorzüglichen, wahrhaft drastischen Artikeln im ersten Jahrgange dieser Zeitschrift von einem der geschätztesten unserer Mitarbeiter gelesen. Wahrlich, in den allermeisten Fällen ist Dies und Jenes nur ein Stück bedeutungsloser Gewohnheit. Und wie bei. jenen, welche im Leben weitab von allem jüdischen Denken und Streben ihre Tage zubrachten, das jüdische Begräbniß die ״rituelle Leichenbestattung" durchaus ohne alle ethische Bedeutung ist, wie sie sämmtlich nicht daran denken können, einen Grund ihrer abergläubischen Furcht anzugeben, wie sie am wenigsten sagen können: ״Vereint, im Leben wie im Tode"; so haben diese gar keinen Begriff von der hochsittlichen Bedeutung des Versöhnungstages; schon um deswillen nicht, weil nach unserer festen Ueberzeugung der Jomkippur vereinsamt, herausgerissen aus der Mitte der Sabbathe und Festtage ganz zwecklos ist; weil er seine hohe Bedeutung erst gewinnt als Krone der Sabbathe und Festtage, als Mittelpunkt einer Reihe ernster und erhebender Festeszeiten, von welchen eine jede die Verkörperung einer Idee ist. Nur zusammengehalten geben diese Feste einen Blumenstrauß im geistigen Leben des Israeliten. Wir sind die Letzten, welche den prophetischen Satz קנה רצוץ לא ישבור ופשתה כהה לא יכבה ״Geknicktes Rohr zerbricht er nicht und glimmenden Flachs löscht er nicht aus" mißachten möchten. Dennoch stimmen wir mit ein in das bedeutungsschwere Wort des Profeffors Dr. Lazarus: ״Wir wollen keine Jomkippurjuden und keine Beerdigungsjuden." Wer nicht stets, in allen Be- Ziehungen des Lebens, das Bewußtsein in sich trägt, Jude zu sein; und wer sich nicht verpflichtet fühlt, sich auch durch sein ganzes Leben zu Juden und Judenthum zu halten, der hat seine Bedeutung als Jude für die Gesammtheit verloren. Aber merkwürdig ist es immerhin, daß in demselben Momente, in welchem die althergebrachte und nach der bisherigen Anschauung unzerstörbare Glaubens- und Lebensgemeinschaft der Juden durch Zerstörung der Gemeindeeinheit wirklich in Frage gestellt wird, anscheinend auch das letzte Bollwerk in Stücke zu gehen sich anschickt. Während nach der einen Seite hin die Leichenverbrennungsfanatiker an Zahl stets in Zunahme begriffen sind, wird von der anderen Seite, — vielleicht als Vorspiel, vielleicht in Folge der angeregten sanitätspolizeilichen Frage über die Gräberstätten das confessionelle Begräbnißwesen angegriffen. Wir weisen auf Belgien hin, über welches in diesem Blatte das Betreffende berichtet wird. Wer weiß, wie bald auch in Deutschland, für uns, die einmal in Fluß gebrachte Angelegenheit zu einer brennenden werden kann? Anzeichen hierzu lassen sich allüberall verspüren, insbesondere in linksrheinischen Städten, im Südwesten. Bald wird das Sprüchwort: ״der . . . kann sich begraben lassen" problematisch sein. Das letzte Bollwerk wird gebrochen . . . Das letzte Bollwerk! Es ist eine eigenthümliche Empfindüng, bei der Religion, die unser Seelenleben beherrschen soll, von einem Bollwerke und nun gar von einem letzten zu sprechen. Es wird dem denkenden Juden traurig zu Muthe und ist sicher eine höchst bedenkliche Erscheinung, daß der Aberglaube bleibt, wenn der Glaube geschwunden ist, daß die abergläubische Furcht auch diejenigen Juden beherrscht, welche sich von den bedeutungsvollsten religiösen Hebungen längst losgesagt haben, daß sie darum in Allem, was mit dem Tode zusammenhängt, eine Scheu bewahren, die dem religiösen Leben nimmermehr zu gute kömmt. Abergläubische Scheu hat mit der wahren Religiosität nichts zu schaffen, nie und nimmermehr. Wir wollen damit übrigens natürlich die Frage über die BegräbnißMten nicht tangiren. Wir führen sie nur als Beispiel an.