Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 27 (7.7.1874)
- Date
- 1874-07-07
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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215 schließt aber eine gründliche Discussion der Talmudstellen nach sprachlicher und logischer Seite nicht aus. Dabei hat der Eleve Gelegenheit, in der Schule neben der grauen Theorie auch die Praxis kennen zu lernen. Aehnlich wie an Universitäten kommen oft von Außen Anfragen in die Anstalt, welche sorgfältig discutirt und endgültig entschieden werden. Die hebräische Stylistik ist ebenfalls für das Verhältniß zu Algier von größter Wichtigkeit. Dort, wo das Hebräische größtentheils Umgangssprache ist, müssen natürlich alle Bescheide in dieser Sprache gegeben werden, und man weiß, daß der Consistorial-Rabbiner jährlich sogenannte Pastoralbriefe für ganz Frankreich erläßt: diese müssen mit Rücksicht auf Algier auch in hebräischer Sprache ausgegeben werden. Die Rhetorik und Homiletik ist natürlich die zweite Hauptdisciplin des Pariser Seminars. Eine Haussynagoge vereinigt alle Tage Lehrer und Schüler zum Gebet. In dieser Haussynagoge versuchen sich denn auch die reiferen Schüler in religiösen Vorträgen und Predigten. Die französisch-jüdische Homiletik hat ein eigenthümliches, an die katholischen mehr als an die jüdischen Kanzelredner erinnerndes Gepräge angenommen. An Beredtsamkeit und Eleganz fehlt es ihnen aber durchaus nicht, und zu den Vorträgen der Großrabbiner Isidor und Zadok Kahn sieht man oft das eleganteste auch nichtjüdische Publikum sich drängen. Die Lehrmittel der Anstalt sind den Verhältnissen angemessen. Die schöne Bibliothek verdankt ihren größten und werthvollsten Theil dem hochherzigen Herrn Albert Cohn, der sich dieser Anstalt über- Haupt mit großer Freundlichkeit annimmt. Türkei. Cvnstantinvpel. Wie der ״Chawazeleth" berichtet, hat die Feuersbrunst in dem jüdischen Quartier in Galata eine größere Ausdehnung genommen, als man zuerst glaubte. 44 Häuser und 22 Läden sind ganz eingeäschert und 685 Personen von unseren Glaubensgenossen sind vollständig obdachlos geworden. Das Gotteshaus und die in demViertel befindlichen Lehrhäuser nebst 11 Gesetzesrollen sind vom Feuer verzehrt worden, auch die reichhaltige Bibliothek wurde nicht verschont. Die erste Spende zur Linderung der schrecklichen Noth wiesen die Inhaber des Hauses Kamondo in Paris ihrem Verwalter hier in Summe von 5000 Fr. an. Vom Polizeiminister wurden sofort alle nöthigen Anstalten getroffen, um den Schutzlosen ein Obdach zu gewähren. Es wurden zu ihrer Aufnahme einstweilen Zelte aufgeschlagen, um sie einigermaßen vor dem Ungemach der veränderlichen Witterung zu schützen. Unterriiktsunä Erzietmng8wejen. Wien, 28. Juni. (Blinden-Jnstitut auf der Hohen Warte.) Der Handelsminister hat auf die Bitte des Curatoriums dieses israelitischen Instituts eine Nähmaschine nach dem System Howe demselben zur Verfügung gestellt, um das in Amerika und Dänemark bereits gelöste Problem, Blinde mittelst einer Nähmaschine nähen zu lehren, auch in Oesterreich heimisch zu machen. Am 25. d. M. beehrten, wie schon an einem früheren Tage, der Sections-Chef des Unterrichtsministeriums Herr. vr. Ficker, der Präsident der Polizei-Direction Herr Hofrath Marx, das Institut mit ihrem Besuche und besichtigten alle Räume des nach dem neuesten für Blinde bestehenden pädagogischen Grundsätzen gebauten und eingerichteten Hauses. Es folgte eine rasch improvisirte Prüfung der Zöglinge — deren jetzt 18, darunter 17 unentgeltlich, aufgenommen sind — im Turnen, Singen, Violin- und Clavierspiel, dann im Lesen und Schreiben, Typendruck, Geographie, - Naturgeschichte und in der Werkstatt für Seilerei, Korbflechterei, Strohdeckenarbeit, Weberei, Stickerei, Häkeln rc. Herr Präsident Marx folgte mit gespannter Aufmerksamkeit den Uebungen und verließ die Anstalt, zu den nach so kurzem Bestände schon erzielten Erfolgen Glück wünschend, nach zweistündigem Aufenthalte. Einen Tag nach seinem Besuche richtete er an den Präses des Instituts, Hrn. Dr. L. A. Frankl, ein in den wärmsten Ausdrücken abgefaßtes Anerkennungsschreiben, dem eine großmüthige Spende für die Zöglinge beilag. Wir erfahren bei dieser Gelegenheit, daß in Oesterreich allein 1200 blinde Juden statistisch nachgewissen sind und fügen noch bei, daß der Unterrichtsminister vr. v. Stremayr auf die Bitte des Präsidiums des ״Ersten europäischen Blindenlehrer-Congresses" im Interesse der Blinden, deren sich über eine Million auf der Erde, in der österreichischen Monarchie allein 29,506 befinden, den Congreßbericht an die europäischen und außereuropäischen Ministerien gesendet hat, und sind bereits von denselben an den Congreß- Präsidenten Vr.L. A. Frankl zahlreiche anerkennende Beglückwünschungen zu dem Erfolge des Congresses, der aus vier Welttheilen von 102 Fachmännern beschickt war, eingegangen, ebenso Dankschreiben von Kaiser Wilhelm unter Verleihung des Kronenordens, und Kaiser Alexander, der Königin von England und Königin von Württemberg, welche Letztere die oberste Schutzfrau des Blinven-Jnstitutes in Stuttgart ist, von den Königen von Bayern, Dänemark, unter Verleihung des Dänebrogordens, Schweden, Italien, Belgien, Holland, von den Großherzogen von Weimar, Baden, Hessen, vom Präsidenten des Bundesrathes der Schweiz rc. In allen diesen Zuschriften ist die Hoffnung ausgesprochen, daß das Loos der unglücklichen Blinden fortan einer besseren Zukunft zugeführt werden wird. Der nächste Congreß wird im; Jahre 1876 in Dresden, wo bekanntlich das größte deutsche Blinden-Jnstitut sich befindet, stattsinden. Soeben wurde Vr.L. A. Frankl vom Gemeinderathe der Stadt Wien mit Stimmeneinhelligkeit zum Schulrathe derselben gewählt. (Wir werden auf den Bericht über den Blindencongreß und auf die ״Geschichte des israelitischen Blinden-Jnstituts auf der hohen Warte bei Wien" nächstens zurückkommen. Red.) In der Provinz Posen wurden die höheren Lehranstalten im Jahre 1872 von 5848 Schülern besucht, und Zwar 1892 Polen, 2679 Deutschen, 1271 Juden. Da nun die Provinz ca. 800,000 Polen, ca. 600,000 christliche Deutsche, ca. 100,000 jüdische Deutsche zählt, so kommen danach auf 1000 Polen 21/2, auf 1000 christliche Deutsche 41j2, auf 1000 Juden 12 8/4 Schüler höherer Lehranstalten. Einnahme äer Acüawa im Mai 18?4. I. Spenden. Durch Hrn. Vogel in Altenkunstadt von einer Dame fl. 1. 45., von Hm. Max Pertzel fl. 1. 45.—• Von Hrn. Louis Maas in Frankfurt zum Andenken an den Sterbetag seiner sel. Frau 16. April 1823 fl. 10. — Von Hrn. Jsaac Hecht in Frankfurt a. M. fl. 15. — N. N. fl. 5. — Von Herrn Herrmann Sieger in Frankfurt fl. 5. — Durch Hrn. Meyer Katz in Steinbach gesammelt bei einer Gesellschaft fl. 2. — Von Hrn. E. Nathan in Worms gesammelt bei der Hochzeit des Hm. Moses Klippstein in Großumstadt mit Frl. Helene Weil von Gernsheim fl. 3. 18. — Von Hrn. G. Reuß in Ottensoos gesammelt bei der Hochzeit des Hrn. Jac. Boskowiß in Floß mit Frl. Sabina Späth von Ottensoos fl. 5. 53. — Von Hm. Louis Neuberger in Frankfurt am Todestage seiner sel. Frau fl. 10. — Unge* nannt fl. 5. — Von Hrn. Baruch Bonn in Frankfurt fl. 15. — Von Frau Sophie Beer in Frankfurt am Todestage ihres