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Jüdische Volkszeitung · 1874-06-30 · 26 (30.6.1874) · p. Seite 207

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
26 (30.6.1874)
Date
1874-06-30
Page
Seite 207 (sequence 7)
Language
German
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207 neuen Friedhofe mit allen gegen eine Stimme angenommen, und endlich der einstimmige Beschluß gefaßt, auf das Recht, den israelischen Friedhof 35 Jahre nach Schließung desselben als städtisches Eigenthum zu requiriren, zu verzichten. Feuikketon. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische Erzählung von I. (Fortsetzung.) Zwei Jahre sind seit jener Nacht vergangen. In Podolien, in Polen allüberall finden wir jetzt Frank; nicht mehr den alten Jankiew, sondern einen großen Herrn, mit zahlreichen Anhängern und starkem Gefolge anerkannt, von ausgesuchter Pracht und einem märchenhaften, fürstlichen Luxus umgeben. Er hatte nach Podolien ein schwaches, junges Mädchen mitgebracht als seine Frau. Seine Mutter, die ihm bis nach Salonichi gefolgt war und mit herzzerreißenden Worten seine Buße, Rückkehr in die jüdische Gemeinschaft von ihm verlangte, konnte nichts bei ihm ausrichten. ״Er gehorchte einer Stimme von oben" — sagte er. In Wahrheit gehorchte er einem ihm selbst nur theilweise bekannten, geheimnißvollen Wesen, von dem er, der so Viele irre leitete, geleitet wurde an unsichtbaren, aber starken Fäden; dem er ganz angehörte, weil ihn nicht nur eine immer noch verzehrende Leidenschaft an dies Wesen fesselte, obwohl er sie seither nicht mehr gesehen hatte, sondern auch all der fürstliche Reichthum, der ihn umgab, von ihr herstammte. Als er etwa ein halbes Jahr in Podolien verweilte, war einmals eines Nachts eine merkbare Aufregung im Palaste. Man sah die weiblichen Dienstboten hin- und herrennen. Vor dem Palaste in einer Nische eines gerade gegenüberstehenden Hauses stand eine uns bekannte Gestalt —Ruschka — die den Palast eben verlassen hatte und — lächelte. ״Dort in Moskau die hohe, schöne fürstliche Frau in tiefster und geheimnißvollster Zurückgezogenheit, die ihr Kind von ihrem Herzen reißen muß, weil sie es vor der Welt nicht anerkennen darf — und hier das unschuldige einfältige Juden- Mädchen, das das Wochenbett mit rauschendem Lärm spielt, das Kind einer Anderen, die sie nicht kennt, an ihren Busen legend — als eigenes Kind! Dies Kind — die Enkelin der mächtigsten Kaiser der Welt — vielleicht bald die Tochter einer Kaiserin — nun die angenommene und anerkannte Tochter des abtrünnigen Juden, der trotz der durch sein ganzes Wesen ausgesprochenen Heuchelei, trotz der brennenden Leidenschaft im Herzen, das Kind derjenigen, die er liebt, das Kind eines anderen Mannes als sein eigenes Kind erziehen wird — getrieben von Gold und Genußsucht. Und noch mehr! Meine Herrin, jetzt ganz russische Großfürstin, in der alle Leidenschaften und Laster dieses stolzen und hochgeborenen Geschlechts zu Tage treten, ist jetzt des noch vor Kurzem so heißgeliebten Mannes müde — und wäre dieser kräftige und heißblütige, durch sein excentrisches Thun und Denken reizende Jude bei ihr in Moskau und Petersburg — wer weiß, was daraus entstehen könnte?! — Doch", — unterbrach sie sich jetzt — ״sie hat trotz alledem edel gehandelt gegen mich und — ich werde ihr darum auch die Treue bewahren und io handeln, wie sie es wünscht. Was kümmert mich ihr sonstiges Thun. Die Käisertochter, die so viel gelitten hat, mag nun auch ihren Vergnügungen leben; ich kann nichts dagegen thun." Wir wissen jetzt, was Geheimnißvolles im Palaste verhandelt wurde. Am anderen Morgen war die Kunde davon, daß dem ״Herrn" eine Tochter geboren worden, im Orte bereits bekannt. Und die Anhänger aus der Nähe und Ferne kamen herbei, um das Wunder an Schönheit und Zartheit, die Tochter des ״heiligen Herrn", die ״heilige Matronita" ״Eva" in der Wiege zu sehen und zu bewundern. Und sie brachten reiche Geschenke mit an Gold und Silber und Kostbarkeiten aller Art und segneten den heiligen Herrn Frank, der jetzt anerkannt war von allen geheimen Anhängern Sabbathai Zwi's als dessen ״wiedergeborener Geist", als dessen Nachfolger. Und überallhin wunderten seine Propheten und Anhänger und warben für den heiligen König und bald sammelten sich um ihn eine Schaar von Anhängern als ״heilige Leibwache", mit welchen er einen förmlichen Hof hielt. Auch der alte Schor, von dem im Anfänge unserer Erzählung die Rede war, gesellte sich ihm nun wieder zu, und dessen Tochter Chaja — die ihre Rache nicht aufgegeben hatte — und ein wüstes zügelloses Leben führt; Rabbinen und Laien bewarben sich um seine Gunst und bearbeiteten seine Lehre, — seinen Aberwitz — und er machte mit ihnen und seinem überaus starken Gefolge Rundreisen, wie ein echter König und Messias. Er war bald nicht mehr blos der König, der Messias — sondern die fleischgewordene Gottheit, welche angebetet wurve.*) Er war längst in Salonichi zum Muhamedanismus übergetreten. Jetzt, wo es für ihn und seine Partei rathsam erschien, in den ״Schoß der Kirche einzugehen", ließ er sich mit zwanzig seiner Anhänger vom Bischof in Kamieuinc taufen. Und von dieser Zeit an — seine edle Mutter war gestorben — haßte er die Juden und verklagte sie bei den bischöflichen Gerichten und verlangte mit ihnen wegen religiöser Lehren zu dispu- Liren, um sie in die Enge zu treiben. Solche Disputationen zwischen den treugebliebenen Juden und seinen Anhängern, die die Dreieinigkeit anerkannten — ihr Messias war die zweite, seine Tochter Eva die dritte Person — haben wirklich stattgefunden und viel Unheil angerichtet. (Schluß folgt.) ־) Historisch.

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