Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 25 (23.6.1874)
- Date
- 1874-06-23
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 <■־: ז 1 : 4~ Markgraf Georg den ersten Juden im Marktflecken Fürth auf und sodann 1538 den zweiten. Durch Fürbitte der Markgräfin Anna zu Brandenburg suchten die ausgewiesenen Nürnberger Juden in der Stadt Windsheim Zufluchtsstätte; allein nicht einmal Herberge wurde ihnen gestattet. Frankfurt am Main hatte sie endlich aufgenommen. Wenige sind nach Prag gekommen. Die Häuser der Juden gingen, wie bereits gemeldet, als Eigenthum an die Stadt über, die Gebäude auf dem Friedhof wurden, nach Gundlings historischen Nachrichten, abgebrannt. Die Steine des Friedhofs wurden als Baumaterial verwendet, während der Ort selbst als Bauplatz an Bürger verkauft wurde, welche schon früher Häuser in dessen Nähe besaßen. Das schönste Judenhaus erwarb der aus Krakau eingewanderte und 1496 in Nürnberg als Bildhauer aufgenommene Bürger ״Veit Stoß", dessen Werke bekanntlich einen Weltruf erhielten und die noch heute die Bewunderung Aller auf sich ziehen. Nach erfolgtem Abzüge der Juden wurde zu Ostern 1499 decretirt, daß hinfüro keinem Juden mehr Geleit gegeben, noch erlaubt werden solle, in der Stadt Geschäfte zu machen, noch dieselbe überhaupt zu betreten. Späterhin ward den um Nürnberg wohnenden Juden > gestattet, sich an bestimmten Tagen in die Stadt zu begeben, um nothwendige Geschäfte abzumachen; sie durften das aber nur im Geleite von alten Hexen (?) (Obst- oder Fischweibern) thun, welche sie übrigens gehörig zu entschädigen hatten. Es wäre eine peinliche Arbeit, auf die traurigen Zustände der Nürnberger Juden während der düsteren Zeit der Kreuzzüge und auf die schrecklichen Epochen der falschen Anschuldigungen, wie Brunnenvergiftungen, Kinderraub rc. und! die harten, unmenschlichen Verfügungen, welche die ״Kammer-! knechte" so wuchtig traf und worin sie sich von ihren Leidens-1 genossen in Regensburg, Hannover, Wien, Breslau, Frankj furt rc. rc. wenig unterschieden, hier zurückzukommen. Es j widerstrebt, auf diese schaudervollen Ereignisse, auf den Wahn; des Mittelalters, welchem Tausende unschuldiger Menschen! erlagen, einem Zerrbilde in der Geschichte, dem ein unauslöschliches Schandmal aufgedrückt ist, aufs Neue hinzuweisen. 340 Jahre war den Israeliten die Stadt Nürnberg, ihre alte Heimath, als ständiger Aufenthaltsort verboten. Der Eintritt in die Cultur Europas von 1789 bis 1848 und von da bis zur Errichtung des neuen deutschen Reiches hat den alten Trauerschleier der Israeliten zerrissen. Nürnberg, unter anderen Städten Bayerns voran, hat den Jsraeliten die lange verschlossenen Thore geöffnet. Im Jahre 1848 vermochte Joseph Kohn aus Markt-Erlbach, welchen der Rath der Stadt als ״braven Mann" kannte, und der heute zu den ״Räthen der Stadt" zählt, die Erlaubniß zum einjährigen Aufenthalt in Nürnberg zu erhalten, worauf demselben im Jahre 1850 die Ansässigmachung gestattet wurde. Die im Jahre 1860 noch kaum zehn Familien zählende Gemeinde ist heute nahe an 600Gemeindeglieder herangewachsen. Anfangs mit dem Rabbinate Fürth vereinigt, hat seit zwei Jahren Nürnberg, einen besonderen Stadtrabbiner. Der neue Tempel, sicher einer der schönsten Deutschlands, geht in der nächsten Zeit seiner Vollendung entgegen. Zu einem jüdischen Richter am Stadtgerichte Nürnberg gesellen sich israelitische Rechtsanwälte von anerkanntem Rufe, unter welchem Herr Dr. Josephsthal als Mitglied der Synode zu Augsburg und als Vorsitzender der israelischen Gemeinde in weiteren Kreisen rühmlichst bekannt ist. Der Rechtsanwalt Dr. Frankenburger vertritt die Stadt Nürnberg als Abgeordneter des Landtags in München, wie auch im Reichstage zu Berlin, ein Zeichen des Vertrauens, das selbstredend ist. Auch die israelitischen Aerzte Nürnbergs, unter diesen ein Stabsarzt, machen ihrem Namen Ehre und sind in allen Kreisen anerkannt und hochgeachtet. Für eine israelitische Waisenversorgungsanstalt ist bereits ein wackerer Anfang durch Fundirung aus freiwilligen Beiträgen und Spenden gemacht. Der Gottesdienst im neuen Tempel wird, unter Beibehaltung des jüdisch Ehrwürdigen und Erhaltungswerthen, auch dem geläuterten Keschmacke Rechnung tragen und Einrichtungen der Neuzeit Raum gebend, umgestaltet und veredelt; Orgel und Chargesang werden eingeführt. Durch den beliebten und anerkannten Kanzelredner, Rabbiner 1)1°. Levin, wurde für die Gemeinde ein neues Gebetbuch, ״Gottesdienst des Herzens" ausgearbeitet, das einen festen Baustein zur Veredelung des Cultus bildet und sich durch vieles Schöne und die Andacht Fördernde vortheilhaft auszeichnet. So werden jetzt schon die gemeindlichen Einrichtungen Nürnbergs mit zu den besten in Deutschland gerechnet werden dürfen. Die Bürgerschulen und Studienanstalten werden von den israelitischen Schülern fleißig besucht. Der Religionsunterricht wird vom Rabbiner und einem besonderen Religionslehrer in mehreren Wochenstunden in den betreffenden Elasten selbst ertheilt. Nur an der Handelsschule fungirt ein Lehrer israelitischer Confession. Wir reihen den Wunsch an, daß die verjüngte Gemeinde in Nürnberg nach dem Worte: ״Größer wird die Ehre des zweiten Hauses als die des ersten sein", geistig immer mehr wachse und äußerlich gedeihe, daß ״Friede in ihren Mauern, Wohlfahrt in ihren Burgen wohne", daß sie mehr und mehr erstarke als עיר ואם בישראל, eine Mutterstadt im alten, doch ewig neuen, stets sich verjüngenden Israel. B—n.