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Jüdische Volkszeitung · 1874-05-12 · 19 (12.5.1874) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
19 (12.5.1874)
Date
1874-05-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Volkszeitung. Wochenschrift tiir tlc Bereitungen nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich IV j.! Ngr. m Ermmndr und St nugogr und Htdru. HerausgegeLen von I. Mngrnstsm in Ingelheim, bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt". Inserate sind an die Verlagshandlitng von Joh. Friedr. Hartknoch in Leipzig zu senden. Preis der 3gesp. Zeile 2 Ngr. No. 19. Leipzig, den 12. Mai. 1874. Jnüilt: Das Humane im Judenthume. — Aus dem Monats-Bericht der ״Allianz". — Correspondenzen: Fürth, Brünn. — Rundschau. — Feuilleton: Baron Frank der Kabbalist in Offenbach (Fortsetzung). — Anzeigen. Das Oumane im Iuäentdum. Mit Beziehung auf Carl S choll's gleichlautenden Artikel in ״Es werde Licht!" Nr. 5. Unseren geehrten Lesern ist sicher jene eigenthümliche Monographie unseres größten deutschen Dichters, Schillers ״Sendung Moses" nicht unbekannt, worin derselbe die einseitige Geschichtsauffassung seiner Zeit in dem bekannten Ausspruche manifestirte: ״Die Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation kann das erhabene Verdienst ihres Gesetzgebers nicht vertilgen"-— ״als ein unreines und gemeines Gefäß, worin aber etwas sehr Kostbares aufbewahrt worden, müssen wir sie schätzen . . ." Jüdische Verehrer des großen Dichters — und welcher Deutsche sollte es nicht sein! — haben vielleicht mit Schmerz den Stachel in diesen Ausdrücken gefühlt, — mit Unrecht! Schiller war ein erhabener Dichter, ein edler und großer Mensch aber kein Geschichtsforscher mit dem Blicke für das Ganze, Große, Umfassende in der Geschichte, wie sie die Gegenwart kennt. Er spürte in dem Herzen des einzelnen Menschen den leisesten Hauch der Empfindung. Hier verknüpfte er Ursache und Wirkung zu dem großen Drama des Lebens, in welchem jeder einzelne Zug mit Naturnothwendigkeit den anderen zur Folge hat. Aber im Herzen der Gesammtheit die Beziehungen zwischen Gesetzgeber und Volk und umgekehrt wie Ursache und Wirkung zu erkennen, die Naturnothwendigfeit klarzulegen, wie ein solches Volk gerade einen solchen Gesetzgeber haben mußte; wie das Gesetz nur der Pulsschlag des Volksherzens, die Aeußerung seines innersten Lebens ist; wie ein Volk den Standpunkt seiner Cultur eben durch seine Gesetze manifestirt — das zu verstehen, war ihm seiner Zeit nicht gegeben. Er kannte die Juden in ihrer allerdings traurigen äußeren Erscheinung seiner Zeit, er kannte aber nicht das geheime Leben und Weben in ihnen, in ihren Häusern und Familien; er wußte nicht, daß die herrlichen, die wahren Gesetze Moses damals wie noch heute von ihnen treu befolgt würden, und das war die Wurzel seines ungerechten, harten Ausspruchs, seiner Verkennung. Und ist nicht bis auf unsere Zeit ein Auf- und Abwogen in der Beurtheilung des jüdischen Volkes und seiner Religion bemerkbar geblieben, trotz der weitgehendsten Forschungen und der tieferen, historischen Erkenntniß, trotzdem weitaus der größte Theil der Juden aus seiner Jsolirung herausgetreten und mit voller Seele eingetreten ist ins Vaterland, und sein Theil nimmt und gibt in dem geistigen Leben und Bewegen der gesammten Menschheit und der einzelnen Völker? Und doch haben wir Verketzerung und Verleumdung des Judenthums und der Judenheit noch Tag für Tag; und inmitten dieser Zerr- und Wahngebilde erscheint nur zuweilen ein fteundliches, edles Menschengesicht, mit dem wir uns verwandt fühlen und zu dem wir sagen können: ״Als das Christenthum eine Religion des Hasses war und durch Krieg und Streit um die Religion, durch den traurigsten abscheulichsten Fanatismus, das heilige Urbild der Religion besudelte, — da nannte es unseren Gott einen Gott der Rache. Als man uns in beispielloser Weise mißhandelte, unsere Personen und unser mit blutigem Schweiße errungenes Vermögen vogelfrei erklärte für jeden Getauften — da waren wir die Wucherer. Als man uns unsere Kinder entriß, um

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