Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 14 (7.4.1874)
- Date
- 1874-04-07
- Page
- Seite 111 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579046--604-9579053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
111 lange wolltest, um Deine Herkunft vergessen zu machen — aber, wir werden uns Wiedersehen, und dann — Rache für meine betrogene Liebe." Wolken von dichter, glanzloser Farbe hingen über dem Schiffe, das über das schwarze Meer langsam dahin schwebte. Man schien gleichsam durch Wolken zu fahren, und die auf dem Verdecke sich aushielten, hüllten sich fest in die winterliche Kleidung und doch drang die Feuchtigkeit bis auf den Leib, so daß die an das wärmere Klima Gewöhnten vor Kälte schauerten. Zuiveilen drang die Sonne einen Augenblick durch die Wolken und beleuchtete die dunklen Waffermassen, aber die durchsichtige Bläue der südlichen Meere erhielten sie nicht. Die Reisenden hielten sich in ihren Cajüten, die, eng und unfreundlich, die Stimmung drückten, wie die unaufhörlichen Nebel. Das waren nicht die prachtvollen, vergoldeten Cajüten der Dampsboote in unserer Zeit. — An einem Maste lehnte ein junger Mann. Sein Blick schweifte über die Wassermassen nach der Gegend, von wo das Schiff hergekommen war, wo die Ufer längst verschwunden waren, wenn sie nicht schon die Wolken verhüllt hätten. Sein brennendes Auge, das zuweilen tiefdunkel war wie das umgebende Meereswasfer, zuweilen feurig aufblitzte, wie die minutenlang sichtbare Sonne, schien die Wolken durchdringen zu wollen. Suchte es dieHeimath? Dachte es seiner Lieben? Armer Wanderer, was Du suchst, ist unerreichbar dem sterblich Gebornen. Du jagst dem Glücke nach, träumst Ungeheures. Wer so sucht, wer schwärmerisch den Boden der Thatsachen aufgibt, um Utopien nachzugehen, den belehre das trügerische Meer. Ruhig und unbewegt scheinen seine Fluthen. Aber trügerisch ist diese Ruhe! Und das Schiff, vom Sturm getrieben, zerschellt in unbekannten Fernen, an verborgenen Klippen und versinkt in Untiefen. ״-Mutter!" ertönten seine Lippen leise; ״Mutter, o wäre ich noch friedlich bei Dir am heimischen Herde, bei meinen Büchern und Schriften, wie in vergangenen Jahren. Du wolltest mein Glück gründen — ich, ich jage Träumen nach. Ich habe Alles verlassen; Mutter, Heimath, Braut, die gesicherte Zukunft und selbst die Religion meiner Väter sind mir fremd geworden. Was suche ich? ״Was ich suche? Ich suche das Glück. Die Bücher haben mich der Religion entfremdet, und die Religion hat mir Heimath und Mutter geraubt. O, ich weiß, daß Dein Herz noch für Deinen Sohn schlägt, süße Erzeugerin meines Lebens! Aber die Gedanken und Träume Deines Sohnes haben ihn Deinem Empfinden fremd gemacht. ״Ich muß nach dem Höchsten streben. Was ist das Höchste? Die Menschen sollen es suchen? Im höchsten Himmel werden die Loose vertheilt: so sagt der Sohar! ״Die Menschen sollen mich verehren; ich will erfüllen, was im Sohar steht! Ich will sie hinführen — das Reich der Zukunft gründen. ״Womit? Welche Hülfsmittel stehen mir zu Gebote? -Ich habe nichts-Ich weiß es noch nicht; aber das Geschick wird mich leiten auf der Bahn. Nur das ist wahr . . . wahr? Was ist wahr?" (Fortsetzung folgt.) An den Nedacteur der ״Md. Wolkszeitung" Herrn Llingenstein in Ober-Ingelheiw. Kirchheim, 15 März 1874. Durch befreundete Hand wurde mir ein Artikel Ihres geschätzten Blattes, in welchem einer Ihrer Correspondenten den Charakter meines Schwagers, des früheren Institutsdireetors und nunmehrigen Rabbiners Hirsch, herabwürdigt, zugeschickt. Da nun gerade das Benehmen desselben gegen mich dem erwähnten Herrn den Stoff lieferte, so ersuche ich Sie hiermit, gestützt auf das deutsche Preßgesetz, um folgende Berichtigrlng *): Nachdem im August des Jahres 1866 die Cholera leider in unserer Familie so schreckliche Opfer gefordert, wurde dadurch meinem Schwager der Aufenthalt in Miltenberg so verleidet, daß alle Ueberredungen und Offerten denselben nicht zur Aenderung seines Vorhabens, die Anstalt nach einem anderen Orte zu transferiren, bestimmen konnten. Durch die dadurch nothwendig gewordene Trennung ist allerdings das ganze Inventar der Anstalt in den Besitz des erwähnten Schwagers in der Weise übergegangen, daß derselbe sowohl sämmtliche Bücher als Möbel, selbst die defectesten Gegenstände nach dem Ankaufspreise übernommen hat. Auch in jeder anderen Beziehung hat sich mein Schwager in der edelsten, uneigennützigsten Weise gegen mich benommen, und wenn mir derselbe nicht die größte Discretion zur Pflicht gemacht hätte, so könnte ich durch das Ermähnen vieler Facta das vollkommenste Gegentheil von Allem, was in besagtem Artikel behauptet wird, ganz schlagend beweisen. Unter ausgezeichneter Hochachtung verharrt Ihre ergebene __ Minna Hirsch. *) Das deutsche Preßgesetz verlangt, daß unwahre Thatsachen durch den Betroffenen selbst berichtigt werden können, aber rächt, daß Dritte, Unberufene. Mittheilungen machen, welche die L-ache selbst, um die es sich doch eigentlich handelt, durchaus nicht entkräften. Uebrigens weiß Frau Minna Hirsch wohl heute nicht mehr, was damals sie selbst gesprochen und aller Welt in Miltenberg bekannt war. Das könnte durch Zeugen erhärtet werden, wenn die Betroffenen es wünschen. Der Correspondent. (Das schließt jedoch nicht aus. daß sich mittlerweile die Verhältnisse hier und dort geändert haben und wir glauben darum zu der Bitte berechtigt zu sein, den Gegenstand, zu dessen Klarlegung wir nicht berufen sind, da jeneCorrespondcnz keine strafbare Mittheilung enthält, ferner in diesem Blatte nicht mehr zu erwähnen. Redaction.)