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Jüdische Volkszeitung · 1874-03-24 · 12 (24.3.1874) · p. Seite 95

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
12 (24.3.1874)
Date
1874-03-24
Page
Seite 95 (sequence 7)
Language
German
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95 j ל6י Fragen unserer Zeit: Er spricht, wie er denkt und fühlt! Das ist leider keim Empfehlungsbrief in unserer Zeit und die Worte, die er in einer Vision als Einleitungsgedicht sich von seinem Genius sagen läßt, — sie sind leider nur zu wahr. Es wäre nur zu wünschen, daß der geehrte Redner mit seinen Gaben Maß hielt, der Klarheit mehr auch in Worten sich befleißigte, Fremdworte vermeiden würde. Die Texte sind vortrefflich gewählt, die Ideen sind gut, die Ausführung würde gewinnen, wenn der Redner immer bei seinem Thema bliebe, nicht von seiner Phantasie allzureichen Gebrauch machte. Das sind keine Lehren, die wir uns einem solchen Redner zu geben erlauben würden — es sind Wünsche, die sich um zum Heile der Gesammtheit bei einem so gesinnungstüchtigen Redner aufdrängen. Wir schließen mit seiner Vision: ״Vergebens streut man nicht der Wahrheit Saaten, Vergebens nicht ertönt der Wahrheit Wort, Und wenn auch Tausende im Schlamme waten Und vor dem Mammon knieen, ihrem Hort — Es leben noch, die in den lichten Pfaden Des Edlen treulich wandeln hier und dort. Drum laß von keinem Geist Dich beirren: Oft will ein Geist den Sterblichen verwirren. - Haben wir nicht Grund, uns über solche Erscheinungen zu freuen? — Unsere Leser entschuldigen eine kurze Notiz, die eigentlich nicht recht hierher gehört, die wir aber doch uns hier anzufügen erlauben, wo wir von gesinnungtüchtigen jungen Theologen frechen. Wir brachten unlängst aus Leipzig die Nachricht,Herr Dr. Wiener als Prediger nach.Manchester berufen worden. Wir fügten jener Mittheilung aus leicht erklärlichen, discretionären Gründen kein Wort bei, wie sehr schmerzlich uns auch jene Berufung in eine englische Gemeinde war, die gleichsam eine Brücke nach Amerika uns dünkt —(sein Vorgänger Dr. Gotthelf, ein Deutscher, vormals Lehrer in der Rheinprovinz, ein vorzüglicher Redner, ist jetzt 2ter Prediger am Tempel der Emanuelgemeinde in Newyork.) Wir hatten in kurzem persönlichem und längerem schriftlichen Verkehr Gelegenheit, die Gediegenheit dieses wahr- Haft vorzüglichen jungen Mannes hochschätzen zu lernen. Mit heiligem Ernste, wie er bei jungen Männem selten ist, ergriff er seinen Beruf. Umfassende Kenntnisse, vorzügliche Begabung auch zur schriftstellerischen Wirksamkeit zeichnete ihn aus. Gibt es für einen solchen Mann mit entschiedener Gesinnung keinen gesegneten Wirkungskreis im großen deutschen Vaterland mit seinen mehr als 1000 jüdischen Gemeinden? Haben wir Ueberfluß an solchen Kräften, so reichgearteten Naturen, die in sich Beruf fühlen zum schwierigen und undankbaren Berufe eines — Reform-Rabbiners, daß wir ihn übers Meer ziehen ließen? Wir mußten uns einmal darüber anssprechen; es ist der Abschiedsruf, den wir dem Freunde nachsenden ins ftemde Land! Vielleicht kommt die Zeit, wo wir ihn, der immer einer der Unfern bleiben wird, wieder begrüßen im gesegneten Berufe — im deutschen Vaterland. FeuiUeton. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische Erzählung von I. (Fortsetzung.) Die Rabbinen und die Sabbathianer waren stets im Kampfe. Die geheimen und offenen Anhänger des Lügen- Propheten zu Smyrna mißachteten nicht allein die Gebote des Talmuds, sondern auch die der Thora; sie verleiteten zu Unsittlichkeiten, die ja sehr oft im Gefolge der Exstase und Ueberreizung sind. Scheuten sich ja die Bekenner der Lehre Sabbathai's nicht, zu einer anderen Religion überzutreten — zum Christenthum oder Muhamedanismus — wie es ihnen gerade paßte; eine Wandlung, die ja der Stifter der Secte, wenn man ihn so nennen will, selbst gemacht hatte, als er den Turban nahm. Warum sollten die Rabbinen nicht ihre ganze Macht ausbieten, diesem verderblichen Unsinn zu steuern? Die Aufregung unter den Rabbaniten des Umkreises, in welchem sich Schor mit seiner Tochter, ihrem Bräutigam Jankiew Leibowicz und seinen übrigen Anhängern zur Zeit aufhielt, war aufs Aeußerste gestiegen. Die Rabbinen konnten diese öffentliche Auflehnung gegen ihr Ansehen und ihre Rechte nicht länger dulden. Sie konnten nicht mit ansehen, wie Aberwitz viele Genoffen der frommen Gemeinden ergriff, wie die zügellosen Ausschweifungen die Jugend anzog und die Sittlichkeit zu schädigen drohte. Und Manche unter ihnen setzten Fanatismus gegen Fanatismus! Belehrung fluchtete nicht; so sollte Gewalt helfen. Wir hatten angedeutet, wie Schreien und Stampfen aus dem Hofe herauf bis in das Zimmer Jankiew's hörbar wurde. Es waren Rabbaniten, die mit einer Schaar getreuer Anhänger eingedrungen waren, um den alten Betrüger und seine schmucke Tochter, insbesondere aber den jungen Jankiew zu ergreifen und den Gerichten als Aufwiegler und Apostaten, als Verführer der Jugend zu gerechter Strafe zu überliefern. Jankiew war auch bereits zu einer traurigen Berühmtheit gelangt; noch war er nicht der anerkannte Führer und Messias; seine überspannten Vorträge hatten wohl manchen der Anhänger des alten Schor zu der Ahnung verleitet, daß in ihm der Geist Sabbathai's wieder auferstanden sein könnte. Er hatte es an Anspielungen dieser Art nicht fehlen lasten; es schien auch mit der Ueberlieferung übereinzustimmen, nach welcher der Gemahl der Matronita der längst Ersehnte, der Messias und heilige Herr sein mußte. Aber Jankiew selbst glaubte die Zeit noch nicht gekommen, in welcher er offen hervortreten könnte und dürfte. Er wollte warten. . , . (Fortsetzung folgt.)

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