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Jüdische Volkszeitung · 1874-02-24 · 8 (24.2.1874) · p. Seite 63

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
8 (24.2.1874)
Date
1874-02-24
Page
Seite 63 (sequence 7)
Language
German
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63 Sollte sie zu den ״betrogenen Betrügern" gehören? Sollte sie nicht mehr, wie bisher, den Schwindel erkennen und als Geschäft betrachten? Oder sollte sie gar ihn mehr und mehr überragen, sich die Leitung ״des Geschäfts" aneignen wollen? Er kannte sie wohl und ihre unbesiegbare grobe Sinnlichkeit, die sie in allen Handlungen und zu jeder Zeit leitete; er schaute sich um im Kreise der Anwesenden, um vielleicht den Gegenstand der außerordentlichen Aufregung Chajas wahrzunehmen. Richtig, das ists! Jener junge Mann mit den energischen Gesichtszügen und dem wunderbar von den übrigen Anwesenden vortheilhaft abstechenden Aeußeren, zu dem sie sich eben in einer mehr als koketten Bewegung hinneigte — er war neu in diesem Kreise; und wahrlich, er schien der Mann, der seine Tochter entflammen konnte! Aber das lag nicht in seinem Plane, konnte ihn vielmehr durchkreuzen. Das mußte er zu verhindern streben! Wenn aber der Starrsinn seiner Tochter nicht gebeugt werden konnte? Wenn der junge Mann sich vielleicht in den Schlingen seiner Tochter gefiel? Dann mußte er ganz gewonnen werden — ja, dann ist er der wiederauferstandene Messias, der zweite Sabbatai Zwi. Die Aufregung aller Anwesenden hatte mit der Exstase Chajas gleichen Schritt gehalten. Wie sie jetzt, den Oberkörper fast entblößt, vor dem jungen Manne stand und ihn stieren Blickes unverwandt anschaute, kam eine steigende Bewegung in die Menge. Einige fingen an zu singen, in die Hände zu schlagen, zu Hüpfen und endlich entwickelte sich eine Art eigenthümlichen Tanzes um den heiligen Herrn und seine Tochter, der immer wilder, ausgelassener, tobender wurde. — Eine ungeheure Verwirrung entstand, an der nur der oft von uns erwähnte junge Mann an seiner blinden Mutter Hand, und etwa die Kranken, Lahmen und Blinden und einige Frauen sich nicht betheiligten. Wie Rasende geberdeten sie sich und die Matronita selbst ging Allen voran, bildete den sichtbaren! Mittelpunkt. — Das war — Gottesdienst, der Anhänger Sabbatai Zwi's, Verehrung ״des Heiligen", wie sie schon sehr oft vorgekommen. Wir lassen den Schleier sinken über dies Zerrbild, über die Folgen der Geistesverwirrung, die die praktische Kabbala in den Geistern angerichtet. — Was indessen zwischen Chaja und dem Jüngling, dem sie in diesem Augenblicke eine Neigung zugewandt, die sie ganz gefangen nahm, verhandelt wurde, wird sich im Laufe unserer Geschichte zeigen. Der Jüngling aber hieß Leibel Jankiewicz. Der ״Heilige" hatte durch Erhebung seiner Hände dem wirren Durcheinander ein Ende gemacht. Chaja war verschwunden, nicht ohne Leibel einen beredten Blick beim Abschiede zuzuwerfen, der diesen sonst so starken Menschen erbeben machte. Leibel Jankiewicz ergriff wieder die Hand seiner Mutter, die er fahren gelassen hatte, um sich aus dem Gehöfte auf die Straße hinaus zu retten. Schweigend schritt er neben seiner Mutter hin. Er flüchtete gleichsam. Seine Augen glühten, seine Stirne brannte. Das Mutterherz schlug, obgleich das Mutterauge geschlossen war. Die Mutter, bisher fast der ausschließliche Umgang ihres Sohnes, fühlte, daß in dem Herzen ihres Sohnes irgend etwas Neues, Ungeahntes und vielleicht auch Unfaßbares vorginge, was er ihr nicht zugestehen wollte. Die Matronita! Sollte sie den anscheinend kalten Sinn ihres Sohnes gefangen genommen haben? Jankiewicz Mutter war keine gewöhnliche Frau; Leibel kein gewöhnlicher Sohn. Dies Mutterherz kannte nur das eine Gefühl, ihren Sohn glücklich zu wissen. Und sie wußte, wie viel dazu gehörte! Unbegränzter Wissenstrieb und glühender Ehrgeiz schienen bisher die Triebfedern seines Daseins. Vielleicht schlief auch eine rege Genußsucht in dem überaus kräs- Ligen jungen Manne, die nur bisher keinen würdigen Gegenstand seiner Neigung gefunden hatte. Die Mutter wußte, daß die Charaktereigenthümlichkeiten ihres Sohnes gerade nicht die edelsten waren: aber das Mutterherz findet für Alles Berechtigung und Entschuldigung. Und dieser Sohn war ja ihr Einziger, ihre Stütze nach dem Tode ihres Mannes und ihrer Erblindung. Und neben allen Charaktereigenthümlichkeiten bewahrte er dabei für seine Mutter eine so rührende Liebe und Hingebung, eine grenzenlose Ehrfurcht, daß sie dem, der Leibel kannte, ganz eigenthümlich schien. Jedes Menschenherz birgt ja seine Geheimnisse, sein eigenthümliches Fühlen und Walten. Lange gingen Mutter und Sohn stille neben einander hin. Jetzt erhob die Mutter das gewöhnlich gesenkte Haupt, als lausche sie den Athemzügen des Sohnes und mit einer Stimme, in welcher die ganze Muttersorge sich aussprach, sagte sie das eine Wort: ״Leibel!" ״Mutter!" antwortete dieser. ״Wohin gehen wir?" ״Nach Hause!" ״Und?" ״Wir werden wieder hierher zurückkehren und immer hier bleiben." Die Mutter senkte wieder ihr Haupt. Sie schwieg. (Fortsetzung folgt.) Briefkastell -er Re-action. Lieber B. in N. Die genannten Artikel sind erwünscht. Ich bitte! — N. werde nochmals befürworten, demnächst. — Druckfehler-Berichtigung. In Nr. 6, im Arttkel ״Der zweite Feiertag", 1. S., 2. Sp. 4. Z. v. u., soll ״Vitalfragen" statt ״Titelfragen" gelesen werden.

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