Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 3 (20.1.1874)
- Date
- 1874-01-20
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Verklagte hatte nämlich im Laufe dieses Jahres eines Tages nach dem ersten Theile des Gottesdienstes in der Synagoge bekannt gemacht, daß ein gewisser B. fernerhin nicht mehr zu den ״Mitzwoth" (Ehrenämter bezüglich des Cultus) zuzulassen sei, da derselbe während mehrerer Jahr weder Cultuskosten bezahlt, noch die mit der ״Mitzwo" verbundenen gebräuchlichen Beiträge bezahlt Hütte. Von dem Verklagten wurde unter Vorlage eines Attestes des Rabbiners, daß der Synagogen- Vorsteher Strafmittel, wie das erwähnte, nach altem Herkommen zu verhängen befugt sei, geltend gemacht, daß durch die Entziehung der ״Mitzwo" der Kläger in seiner bürgerlichen Ehre nicht gekränkt worden sei; daß zu den ״Mitzwot" in den jüdischen Gemeinden nur die frömmeren Mitglieder herangezogen würden, und daß für einen Solchen, welcher nicht herangezogen würde, hierdurch kein Makel auf seine bürgerliche Ehre falle. Uebrigens sei auch die Bekanntmachung nur als eine Mittheilung an die Gemeindemitglieder zu betrachten und deshalb nach § 4 des genannten Gesetzes straflos. Dem Anträge auf Abweisung der Klage schloß sich das öffentliche Ministerium unter Annahme derselben Motive an. Es ist Freisprechung erfolgt. 10. Aus dem Münsterlande, 28. Dec., berichtet die ״W. Pr.-Z." in verbürgter Weise über eine in unserem Zeitalter sonst kaum glaubliche Judenhetze: In vorigem Jahre wurde in der Nähe des Dorfes Enniger (bei Beckum) ein Mädchen ermordet in der Angel (einem kleinen Flüßchen) gefunden. Der Thäter war nicht zu ermitteln. Mehrere Verdächtige wurden eingezogen, mußten aber aus Mangel an Beweis wieder entlassen werden. Da wurde plötzlich der Verdacht auf einen Juden gelenkt. Der hatte nämlich im Anfänge geäußert, er habe an dem betreffenden Abende, da er mit einem anderen Viehhändler vom Bahnhof Beckum nach Enniger gegangen, nach jener Richtung hin ein Jammern zu hören geglaubt, was ihm jedoch von seinem Begleiter in Abrede gestellt worden sei. Da sollte nun der Jude unbedingt den Mord begangen haben, ״denn (belehrten gewisse Leute von Enniger die Bauern) die Juden müssen Christenblut haben, insbesondere zu ihrer neuen Synagoge". Diese aus dem Rumpelkasten des Mittelalters hervorgeholte blödsinnige Anklage ward von jenen Herren überall zum Besten gegeben. Anfangs lachte man darüber, doch die Bauern wurden fanatisirt, glaubten und handelten danach. Durch verschiedene Aussagen kam der betreffende Jude auch vor den Untersuchungsrichter, und als er in Folge seines Alibi-Beweises sofort wieder entlassen wurde, da hieß es gar, der Jude habe den Richter bestochen, was von Jenem sofort zur Anzeige gebracht ward. Man chicanirte alle Juden des Dorfes, wo und wie man nur konnte, denn nach jener Anklage waren sie ja alle an der That betheiligt; vor Allem, hieß es, müsse die neue Synagoge (die sich die kleine Gemeinde mit schweren Opfern erbaut) zur Sühne und zu Ehren der Verstorbenen in eine Capelle umgewandelt werden. Endlich nahte der Namenstag der Verstorbenen (Elisabeth) — der sollte gehörig gefeiert werden. Die Erlaubniß dazu war vom Amtmann und Pastor eingeholt und ertheilt worden. In aller Stille wurden Vorbereitungen getroffen. Am Nachmittag vorher wurden Böllerschüsse gelöst, ohne daß die Uneingeweihten den Grund kannten; zum Glockengeläuts war die Erlaubniß versagt worden. Gegen Abend wurde es lebendiger im Dorfe, die Einwohner wurden zusammengetrommelt, und bald wimmelte es von Menschen; denn auch aus der Umgegend hatten sich Viele eingefunden. Nun gings im großen Zuge durchs Dorf, singend, lärmend und schießend. Zuerst zog man vor die Synagoge: Aufstellung, Schuß auf Schuß und dann ein Hagel von Steinen, daß die Fenster klirrten; allgemeiner Jubel folgte. Ein Kreuz wurde auf die Thür gemalt und auf die Wände ״St. Elisabeth-Capelle" geschrieben. Nach dieser Heldenthat gings vor die Judenhäuser: Gesang, Lärm, Schuß und Wurf wechselten ab. Besonders laut ging es vor dem Hause des betreffenden Juden her. Er war, die Dinge, die da kommen sollten, nicht ahnend, in ein Wirthshaus gegangen; man faßte ihn dort und hätte ihm den Garaus gemacht, hätte der Wirth ihn nicht den Wüthenden entrissen und auf seiner Stube versteckt. Die Polizei war wohl zu schwach, um den Brutalitäten Einhalt zu thun, doch war ein Amtmann und ein Pastor im Dorfe, deren Einfluß groß, und die gewiß mit einem Worte den Pöbel zur Ruhe hätten bringen können. Die Sache wurde zur Anzeige gebracht; da aber der Herr Amtmann sich ziemlich lässig zu zeigen schien, ging man zum Landrath. Der griff energisch ein, und an den folgenden Abenden ward mit Hülse einiger Gensd'armen weiteren Excesfen vorgebeugt; doch wiederholten sich Chicanen aller Art, wie Fenster-Einwerfen rc., fast täglich, insbesondere Sonntags. Es geht das Gerücht, zu Sylvester habe man wieder einen Haupt-Coup vor. 11. Die ״Archives israslites", die uns häufig Stoff zu unserer ״Rundschau" bietet, tritt mit ihrer heutigen Nummer ihr 35. Jahr an. Mit vollem Rechte kann das Blatt befriedigt und stolz auf eine Laufbahn zurückschauen, während welcher es ״die Sache des Fortschritts mit Mäßigung" in würdigster Weise vertreten hat. Wir wünschen ihr auf ihrem ferneren Wege, zum Heile Israels, Glück und Gedeihen. 12. Seit der Bekehrung des hl. Martin im Jahre 316(?) muß die jüdische Gemeinde zu Preßburg dem Kaiser von Oesterreich alljährlich am 11. November eine Anzahl Gänse in die Hofburg nach Wien bringen. Diesmal mußten die Juden mit ihren Gänsen nach Gödöllö, wo der Kaiser und die Kaiserin eben weilen, wandern. —Wäre es nicht an der Zeit, einen solchen demüthigenden Brauch alter Feudalzeit in Vergessenheit gerathen zu lassen?