Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1873-11-19 · 47 (19.11.1873) · p. Seite 370

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
47 (19.11.1873)
Date
1873-11-19
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9588641-9578452-9578867--418-9578869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

370 Wittwen und Kinder der in Zake ermordeten Israeliten. — Der Ausschuß fordert erst genauere Berichte. 7) Am 14. Sept. legte eine Deputation des Centralausschusses bei dem in Paris anwesenden Fürsten Milan von Serbien Fürbitte ein für die serbischen Juden. Der Fürst verschanzte sich hinter die Constitutionalität seines Landes, welche ihm nicht gestatte, ohne die Kammern an der bestehenden Gesetzgebung etwas zu ändern, hinter die geringe Zahl der Juden in Serbien, die nur 5 bis 6000 betrüge und hinter die heftige Opposition, welche eine Emancipation der Juden in Serbien Hervorrufen würde. Er sei in Paris nur als Privatmann, seiner Gesundheit wegen, und könne keine andere Verbindlichkeit übernehmen, als die, daß er bei seiner Rückkehr mit seiner Regierung die Frage von neuem studiren und dann zusehen wolle, was zu thun sei. — Nun, der Mann scheint mindestens aufrichtiger zu sein, als die persische Majestät; vielleicht hält er auch, was er verspricht. 8) Hr. Scovasso, italienischer Consul zu Tanger, und Hr. Tissot, ftanzösischer Gesandter in Marocco, theilten beide dem Ausschüsse mit, daß sie gegen Verfolgung und Mißhandlung der maroccanischen Juden energische Schritte thun. — In Tetuan hat der Tod des Kaisers von Marocco unter den dortigen Juden große Besorgnisse erregt. Das Betragen des spanischen Consuls, Don Stamon Lon, bei dieser Gelegenheit ist über alles Lob erhaben; er erlangte vom Gouverneur de« Befehl, daß die Wachen zum Schutze des Judenviertels vervierfacht wurden und überzeugte sich jeden Abend persönlich von den getroffenen Sicherheitsmaßregeln. — An den neuen Kaiser werden der Centralausschuß und der Rath der englischjüdischen Gesellschaft eine Adresse richten. Eorresjstvnäenz. Akzeg, 6. November. Man kann das Material für das Schnorrerthum nicht reichlich genug sammeln. Ueberall wird man Erfahrungen machen, deren Verbreitung endlich zu gemeinsamen Schritten gegen die Schnorrer anregen wird. Den ״Frommen" zu Trotz ist hier von keiner Mizwah mehr die Rede, wenn wir unsere Glaubensgenossen zu Faullenzern und Betrügern groß ziehen. Die Unterstützung wird da zur Sünde. Aus D. (Rheinhessen) forderte jüngst ein junger Mensch Unterstützung zur Uebersiedelung nach Amerika, die er auf Grund seiner Papiere erhielt. Man schöpfte indeß Verdachts da von dort der Bettler viele ausziehen, welche zum Theil bereits wegen Fälschung und Betrugs mit dem Strafgesetzbuch in Berührung kamen. Die Erkundigungen bei dem Agenten und Bürgermeister wiesen in der That auch hier wieder die Papiere als gefälscht nach. Die Unterstützung wurde unter Androhung gerichtlicher Verfolgung zurückgefordert und zurückerstattet, wobei man erfuhr, daß diese Leute Arbeit und rechtlichen Erwerb von der Hand weisen. Die Polen weisen kleine Gaben frech und unter Verwünschungen zurück, da jungen, arbeitsfähigen Leuten principiell nur wenig, für den nächsten Bedarf aber ausreichend gegeben wird. Auch christliche Reisende gaben sich wiederholt für Juden aus, um die Caffe in Anspruch zu nehmen. Wir legen wiederholt und dringend die Bildung von Provinzial-Verbänden zur Abwehr des Bettels ans Herz. Die größeren Städte mögen die Sache in die Hand nehmen, da diese das Schnorrerthum immer noch zu einem lohnenden Geschäfte machen. Aus 8ül!äeutfcklkunä, 5. Nov. Makower's Schrift über die Verhältnisse der Juden in Preußen hat auch für die süddeutschen Juden Bedeutung. Wir heben ein Zwiefaches hervor. Zunächst die Statistik. Da ist es doch bedeutsam, wie unbedeutend, verschwindend klein die Zahl und Anhänger der separatistischen Gemeinden des großen, norddeutschen Vaterlandes sind. In Süddeutschland ist ihre Zahl noch viel geringer. Ueberall herrscht also die resormatorische Richtung vor. Da kann man wirklich sagen: Viel Geschrei um Nichts? Sollte man doch nach der Aufregung, welche im orthodoxen Lager herrscht, glauben, daß der größte Theil Israels auf ihrer Seite sei, und daß die Anforderungen, welche dort gestellt werden, auf unabweislichem Rechte beruhen. Es ist eben die kleine, aber mächtige Partei auf religiösem Gebiete. Woher kommt denn ihre Macht? Nur von der Unthätigkeit und dem Jndifferentismus der Anderen. Unkraut wuchert, — denn ohne Pflege vergeht nicht blos die Saat, sondern Unkraut nimmt das ganze Feld ein. Und wie sehr vernachlässigt der Jndifferentismus alle Pflege der Religion! Die wenigstens Ein Mal im Jahre an den hohen Feiertagen am Gottesdienste theilnehmen, gelten heute noch als religiös. Aber es kommen jetzt Beispiele vor, daß auch Roschhaschana und Jom Kippur das jüdische Herz nicht mehr berühren; man vermiethet für wenige Gulden seine Synagogenstühle, und bleibt selbst dem Gotteshause fern und fremd. Wenn die preußischen Kirchengesetze bei uns eingeführt werden, wird man sie gar verkaufenum mit dem Judenthum brechen zu können, ohne ein anderes Bekenntniß annehmen zu müssen: Die Erfahrung hat gelehrt, daß Predigt und Gesang nicht die einzigen Rettungsanker des Judenthums und die Hauptzugmittel für die Synagoge׳ sind; Unterricht und Erziehung, Schule und Haus sind vielbedeutsamere Factoren Aber so bedeutsam diese sind, so reichen sie doch nicht aus. Die Synagoge erhält und ergänzt, was Schule und Haus aufgebaut; wo diese aber kein Fundament gelegt, baut die Synagoge ohne Halt und Bestand. Schule und Haus sind daher von der größten Wichtigkeit, aber man irrt, wenn man glaubt, daß die Synagoge, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.