Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 45 (5.11.1873)
- Date
- 1873-11-05
- Page
- Seite 359 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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359 ein und das Schweigen des Mannes, dem er da gegenüber stand, war nicht geeignet, ihm Licht und Aufilärung in der Sache zu verschaffen. ״Reb Joine - Leben", sagte endlich David nach einer längeren Pause. ״Ich bitt Euch, macht Euch keinen Spaß mit mir! Sagt mir die Wahrheit." » ״Du Narr, was Du bist", sagte Reb Joine. ״Hast Du von mir schon viele Unwahrheiten gehört? Hab ich mir schon einmal aus Dir einen Spaß gemacht?" ״Also ist es wahr?" ״Was soll ich mit Dir thun, wenn Du es nicht glauben willst? Uebrigens, wenn Du Reb Perezens Tochter lieber nehmen willst, nimm Dir sie. Ich Hab nichts dagegen. Ich muß Dir nur sagen, daß ich Dich nicht mehr versteh." ״Reb Joine-Leben", schrie David, ״ich kann mir's ja gar nicht glauben. Ein solches Glück ist ja noch gar dagewesen, seitdem die Welt steht." ״Also willst Du Marjem Jittel's nehmen?" ״Wie heißt, ob ich sie nehmen will? Ich schenk tausend Reb Perezens Töchter für eine Marjem! Paketel, ein Spaß, Marjem! Ich weiß gar nicht, wie das möglich ist, daß sie mich nimmt? Sie ist ja werth, eine Prinzessin zu sein!" ״Das mein ich auch", sagte Reb Joine, ״aber Dich nimmt sie doch." Es gab keinen glücklicheren Menschen als David, nachdem ihm Reb Joine Alles genau erzählt, wie es gekommen t sei, wie die fromme Jittel mit ihm gesprochen und was sie ihm Alles gesagt habe, und wie es jetzt nur von ihm allein abhänge, ob er Ja sagen will oder nicht. Soll noch erzählt werden, daß er dieses Ja gesagt? Wozu brauchte er es erst noch zu sagen? Es dauerte nicht lange, so gab es einen Mann in der Gasse, der sich ärgerte und den Schadchen einen Esel schalt. Dieser Mann hieß Reb Perez. David und Marjem aber waren ein Paar und genossen dasjenige Glück, welches zwei gute Menschen, wie sie, einander zu bereiten so geschaffen sind. Vierte« Laxitck. Die Meinungen der Leute in der ״Gasse" waren getheilt. Einige lobten — andere tadelten die Wahl, welche David getroffen. Die Einen meinten, er habe ganz recht gethan, Marjem Jittels zu nehmen, wenn er auch hätte Reb Pere; Fleischmann's Tochter bekommen können. Ein gutes Weib — meinten sie — ist das größte Glück, welches ein Mann erreichen kann, und wenn er auch nicht viel zur Mitgift bekommen hat, auf ein paar Gulden mehr oder weniger kommt es nicht an. Wie ihm Gott bisher geholfen hat, wird er ihm auch weiter Helsen, und wie er sich als lediger Junge ernährt hat, wird er sich mit Gottes Hilfe auch im verheiratheren Stand ernähren, und wenn Gott wie bisher auch weiter Glück und Segen gibt, kann er gute Geschäfte machen, und kann auch so noch einmal zu Etwas kommen. — Die Anderen hingegen meinten: Nein! Ein Jung braucht sich nicht so wegzuwerfen. Ja, es ist Alles wahr! Marjem ist ein schön Madel, und ein fein Madel! Indessen aber Röchele Perezens ist auch kein Hundsfott, und wer sie bekommen wird, kann mit ihr zufrieden sein! Selbst aber, wenn Röchele weniger schön wär, als sie ist, darf man nicht vergessen, daß man heutzutag bei einer Partie auch auf das Geld sehen muß, und ein paar hundert Gulden mehr oder weniger ist kein Spaß, und man darf das nicht so auf die leichte Achsel nehmen' Das Geld ist rar und man verdient es schwer. Es ist Alles recht, ja! Wenn Gott Glück und Segen gibt, kann David einmal schon zu ein paar Gulden kommen, allein man darf sich auf kein Glück verlassen, man muß handeln mit Verstand. Für heut geht es ihm gut, man kann aber nicht wissen, wie es ihm weiter gehen wird, und wenn er dann ein paar Jahr verheirathet ist und ein paar Kinderlein hat, ist das doch eine ganz andere Sach, als wie wenn Einer ein lediger Jung ist, der für keinen zu sorgen hat, als wie für sich se!bst.! Wenn dann die Kinderlein unbeschrien aufwachsen, und inan hat nicht für sie, was sie brauchen, so ist das eine bittere Sach,! und so etwas muß sich ein ernster Jung, der nicht leichtsinnig j zu Werk gehen will, gehörig überlegen. Was hat man dann davon, ob das Weib ein bissele schöner ist, oder ein bissele!weniger schön. Wenn die Armuth über den Menschen kommt,! verliert sich leider die Schönheit, und wenn ein paar Volk einander noch so gern hat, sobald die Armuth an die Thür klopft, hört auch das Gernhaben auf; denn was zankt sich zwischen Mann und Weib? — Die Armuth! Wenn ein Jung keine andere Wahl hat, hör zu! was soll man thun? Keine Wahl ist auch eine Wahl. Sobald man nicht anders kann! Bevor man, Gott soll hüten, ledig bleibt und ein alter Jung wird, ist besser, er nimmt ein Madel ohne Geld! Wenn aber ein Jung die Wahl hat, wenn man ihm ein Madel antragt, wie Reb Perezens Tochter, wo er hätt tausend Gulden Münz baares Geld aufgezählt bekommen, so muß er zugreifen und darf keine Flausen machen! So einen Streich kann begehn ein Jung, der reich ist; ein gemeiner Jung darf kein Gusto haben; von einem gemeinen Jung ist das eine Narreschkeit! So lauteten die entgegengesetzten Urtheile der Leute über David und seine Partie. Indessen lebte dieser mit seinem lieben Weibe still, zufrieden und glücklich. (Fortsetzung folgt.)