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Jüdische Volkszeitung · 1873-10-21 · 43 (21.10.1873) · p. Seite 343

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
43 (21.10.1873)
Date
1873-10-21
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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Und klagen laut an die Zerstörung, Die uns das Abendland gebracht, Als man, dem Kreuze zur Verehrung, Uns zu Kreuzträgern hat gemacht. O Mauer, düstre Abendmauer, Stets thränenfeuchter Klageort! Heut strömt dir zu ein Strom von Trauer, Aus Ost und West, aus Süd und Nord. Ich sei're mit Euch, theure Brüder! Mich treibt hinaus die Trauerpflicht; Hier sind gleichgültige Gemüther, Und meinen Schmerz verstehn sie nicht. Hinaus in's Freie muß ich wallen, Wo ich, allein mit meinem Gram, Die Klage laß zu Gott erschallen, Daß Zion er die Krone nahm! — II. Doch als hinaus ich kam in's Freie Und sah die Herrlichkeit ringsum Und eine unnennbare Weihe Ruhn auf der Schöpfung Heiligthum; Und Hab die Berge hoch geschauet Und den kristallenen Palast, Den Du, Allmächtiger, gebauet Zum Thronsitz Deines Lichtes hast; Und aus der Klarheit mich die Sonne Durchglüht mit ihrem Lebensstrahl, Und Wonne, sel'ge Himmelswonne Lag auf dem tiefen, grünen Thal; Und alle Quellen rauschten Psalmen, Der Wildbach brauste mächtig drein, Und tausend Lichter in den Halmen Hell leuchteten wie Kerzenschein — Ein Gottesdienst, wie keiner wieder, Ein Gotteshaus, wie Jacob sah, Als Schauer faßten seine Glieder, Er rief: ״in Wahrheit! Gott ist da" — Da, Brüder, fühlt' ich mich genesen, Daß die gedrückte Brust sich hob Und ich im Chor frohlebger Wesen Mitsang des Weltbaumeisters Lob; Da, Brüder, meine theuren Brüder, Schmolz auch der weiche Zionsschmerz, Als mich ein Strahl, ein gottdurchglühter, Emportrug feiernd himmelwärts. Ich sprach: ist Das nicht Gottes Tempel, ״Der Inbegriff der Herrlichkeit"? Dies Haus, trägt es nicht Gottes Stempel Und seinen Namen hochgeweiht? Den Tempel, wer kann ihn zerstören? Wo ist die Gluth, die ihn versehrt? Des Meisters Ruhm wird nie aufhören, So lang ihn dies Gebäude ehrt. O hehre Andacht! heil'ger Frieden! Vom Schmerzenstag hier keine Spur! — Nicht Trauer-, Jubelzioniden Schalln aus der heiligen Natur. III. Doch glaube nicht, daß ich vermessen Mich Denen undankbar gesellt, Jerusalem, die dein vergessen, Die du gelehrt den Herrn der Welt! — Zion, kein Sohnesherz schlägt treuer Als das in dieser Brust pulsirt, Und drinnen glüht's von jenem Feuer, Worin einst Gott sein Haus aufführt. Und in der Zukunft heil'gem Strahle Seh ich's auf deinen Höhen stehn, Klar nach dem Menschheits-Ideale, Wie einst Jesaia es gesehn — ״Hoch über alle Berg auf Erden Und über Hügel hoch und hehr, Und einig zu ihm strömen werden Die Völker all, ein leuchtend Meer, Und werden lernen Gottes Pfade" Und folgen treu versöhnt der Spur Der einigenden Bundeslade — Denn Einheit gibt die Eine nur. Kein Kreuz wird jenen Tempel drücken, Kein Halbmond leiht ihm Dämmerschein; Zwei Tafeln werden hoch ihn schmücken — Was Allen ist, wird ewig feint — So trennt von Allem Euch, was trennet, Verneinet Alles, was verneint! — Die Ihr den Einzigen bekennet, Auf, rüstet Euch — die Zeit erscheint, Da Halbmond sich ergänzt zur Fülle, Das Kreuz sich kreuzen wird zum Stern; Rein strahlt die Wahrheit ohne Hülle, Allmenschheit ehrt den Weltenherrn. (Schluß folgt.)

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