Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 36 (3.9.1873)
- Date
- 1873-09-03
- Page
- Seite 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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287 Feuilleton. David Einhand. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Drittes Eapitek. David fühlte sich im innersten Herzen erleichtert. Die Assentirung war vorüber und er war frei. Frei! — Man kann sich heut zu Tage nicht leicht eine Vorstellung davon machen, was das zu jener Zeit, in der unsere Geschichte spielt, in der ״Gasse" bedeutete. Nur diejenigen, welche in den beschränkten Verhältnissen der abgesperrten ״Gasse", auf welcher der Druck der damaligen Staatseinrichtungen mit doppelter Schwere gelastet, geboren und erzogen worden, werden sich mit dem Erzähler dieser Begebenheiten noch zurückversetzen können, in jene Zeit, in der es für jüdische Eltern, namentlich aber für eine jüdische Mutter, nur noch Ein Unglück gab, das sie tiefer und schmerzlicher berührte, als den Sohn zu den Soldaten abgesührt zu sehen, nämlich der Abfall des Sohnes von dem Glauben seiner Väter. David fühlte sich erleichtert, er war frei; es war ihm ein Stein vom Herzen gefallen, seiner sterbenden Mutter letzte Sorge war beseitigt, seiner sterbenden Mutter letzter Wunsch war erfüllt. Sie lag nun freilich draußen auf dem ״guten Ort" in kühler Erde, losgelöst von allen Erdenbanden, ihr Herz hatte ausgeschlagen, sie wußte und fühlte nichts mehr von dem, was man auf dieser Erde Sorgen und Wünsche nennt; gleichwohl fühlte der trauernde Sohn sich unaussprechlich beseligt bei den: Gedanken, daß es so gekommen sei, wie die sterbende Mutter es heiß und innig von Gott erfleht, und diese Wonne empfand er mehr noch der todten Mutter wegen, als um seiner selbst willen. Noch ein anderer Wunsch war ihm inzwischen in Erfüllung gegangen. Er konnte seiner Mutter einen Grabstein setzen lassen, ohne das von ihr ererbte Loos zu verkaufen. Reb Joine Glück hatte nämlich mehr Geld eingesammelt, als er bei der Gemeinde für Davids Besteiung zu erlegen hatte. Das Geld, welches übrig blieb, gab er dem Sohne Fintels, da er es für ihn gesammelt, als dessen rechtmäßiges Eigenthum, und David, kaum in den Besitz dieses Geldes gelangt, hatte nichts Eiligeres zu thun, als hinaufzugehen nach Nikolsburg, um bei dem Grabsteinstecher eine ״Mazewoh" für seine Mutter zu bestellen. Die Mazewoh wurde gestochen und auf das Grab der Mutter gesetzt. Wenn David nun ins Dorf hinaus ging oder vom Dorfe heimkehrte, so blickte ihm über die niedere Einfassungsmauer des ״guten Ortes" der frische Grabstein seiner Mutter entgegen und er konnte sich sagen: Dort liegt sie! Dort, wo der Stein steht, ruht sie aus die gute Mutter von den Mühen und Plagen, die sie gehabt hat hier auf dieser Welt! Auf David ruhte der Segen Gottes. Der Handel, den er trieb, war zwar ein unansehnlicher, geringfügiger, aber es ging ihm gut darin, er hatte Glück bei jeder kleinen Unternehmung und gewann nach und nach ein paar Groschen. Die Leute in der ״Gasse" fingen an, es zu bemerken und sie sagten: Mit David muß der Prophet Eliah in dem Dorf herumgehen! Es kann gar nicht anders sein! Wenn er Messing in die Hand nimmt, wird Gold daraus! — Die fromme Jittel aber sagte: David genießt den ״Sechus" (das Verdienst) von seiner Mutter! Die fromme Jittel gönnte dem Sohne ihrer verstorbenen Nachbarin gerne den Segen, womit ihn der Himmel zu beschenken schien; noch mehr aber freute sich hierüber aus innerstem Herzen ihre Tochter Marjem, denn sie war dem traurigen Manne gar gut, sie hatte offene Augen, die es ebenso wohl sahen, wie Reb Perez Fleischmann, der Gemeinderaths-Beisitzer, daß David ein schöner Jung sei; sie hatte aber auch ein Auge für das, was Reb Perez Fleischmann nicht sah, gar nicht sehen konnte, nämlich für die guten Eigenschaften seines Gemüthes. Wenn David kein so schüchterner Mensch gewesen wäre, hätte er die Neigung des lieblichen Mädchens an mancherlei unscheinbaren Zügen bemerken müssen, die einem Andern, als ihm, sicherlich nicht entgangen sein würden. Er lebte aber so zurückgezogen, so ganz seinem inneren Sinnen und Trachten hingegeben, er fühlte sich so klein und so niedrig, so jedem Anderen untergeordnet, daß ihm alles Andere in der Welt eher eingefallen wäre, als der Gedanke, daß irgend ein Mensch sich herablassen sollte zu berücksichtigen, daß auch er da sei, geschweige, daß die schöne Marjem sich herablassen sollte, zu ihm eine Neigung zu fühlen. Die schöne Marjem war nach seiner Meinung ein Mädchen, welches würdig war, nicht etwa dxn reichsten Jungen in der ״Gasse" zu bekommen, sondern von einem wunderbaren Prinzen abgeholt und eingeführt zu werden als Königin in ein großes Schloß aus lauter glänzendem Gold, so wie man es in Geschichten erzählen hören kann. Wäre Marjem weniger klug und verständig gewesen, so hätte sie sich beleidigt gefühlt, von dem Manne, dem sie so gerne ihr Herz geschenkt hätte, in gar keiner Weise beachtet zu werden. Sie war aber eben so klug wie schön, und das bescheidene und anspruchslose Wesen des Mannes gewann ihm ihr ganzes Herz nur desto mehr. Der denkt noch alleweil an seine tobte Mutter — sagte sie sich — und ich kann mir nicht einbilden, daß er mit seinem großen Schmerz im Herzen an mich denken oder mich beachten soll! Aber wer ein solcher Sohn ist, wie er, der wird einmal auch ein guter Mann sein zu seinem Weib, und diejenige, die ihn bekommen wird, kann sich glücklich schützen. (Fortsetzung folgt.)