Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 35 (27.8.1873)
- Date
- 1873-08-27
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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279 weiß, daß das geschrieben steht: es steht aber auch geschrieben: Eine jede Sache in ihrer Zeit! Wir haben jetzt nicht die Zeit, Wohlthaten auszuüben, wo uns selber das Wasser bis an den Hals geht. Wir können dem Rabbi, der für das Jahr wegen der theuren Zeiten einen Theuerungsbeitrag verlangt, keinen bewilligen." ״Wir möchten es gern", fiel ihm Reb Joine ins Wort, ״wenn Du nicht dagegen gewesen wärst. Warum, wer außer Dir hat denn etwas dagegen einzuwenden gehabt?" ״Laßt mich ausreden, Reb Joine", fuhr Reb Perez fort, ״wir können, sag ich, dem Rabbi keinen Theuerungsbeitrag bewilligen, wir müssen froh sein, wenn wir dem Rabbi, dem Schulsinger und dem Gemeindediener, wenn der Monat herum ist, den Gehalt auszahlen können und ihn nicht schuldig zu bleiben brauchen. Fragt nur den Casfier, wie es mit den Einzahlungen der Steuern steht, ob Alles gehörig eingeht, ob er keine Rückstände zu verzeichnen hat, und Ihr werdet es Alle von ihm hören. Packt Euch aber dann nur selber bei der Nas an! Das ist keine Kunst, mit dem Maul ein guter Mensch zu sein! Alle, wie Ihr da seid, möcht Jhr einwilligen, was einer von Euch nur verlangen thut, wenn es aber dann zum Zahlen kommt, ist keiner gleich bei der Hand. Gescheiter aber ist es, man besinnt sich früher und sagt es dann gleich frei heraus: Das kann nicht sein! Zu was braucht man sich ein Blatt vor das Maul zu nehmen? Ich sag es darum offen und grad heraus. Ich bin allezeit ein grader Bund Rettig gewesen. Wir haben kein Geld zu Wohlthaten, wir müssen handeln, wie es recht ist!" ״Und ist es recht gehandelt", fragte Reb Joine Glück, ״daß man einen armen Jungen in einer solchen Lage, wie die jetzige, soll stecken lassen?" ״Warum?" fragte Reb Perez. ״Wo ist das Unrecht? Die Rekrutirung ist einmal ein Gesetz vom Kaiser. Wir haben das Gesetz nicht gemacht, wir müssen es blos befolgen. Wenn Einer sich nicht helfen kann, was können wir dafür? Und was wird gar da mehr sein, wenn' David Finkels wird ein Soldat werden? Die Welt wird darüber nicht zu Grunde gehn! Es ist schon all sein Lebtag mancher Jung aus der Gasse zum Militär gekommen, hat seine paar Jahr gedient, und ist dann doch noch ein ordentlicher Familienvater in der Gemeinde geworden." ״Also, was sagst Du dazu? fragte Reb Joine den Vorsteh er. ״Bruder-Leben!" antwortete dieser, ich möcht dem Jungen gern helfen! So fürwahr soll ich einst in das richtige ״Ganeden" (Paradies) hineinkommen, wie ich es ernst und gut mit ihm meinen thu, und damit Du sehen sollst, daß es wahr ist, geb ich aus meiner Tasch heraus fünfzig Gulden, wenn ich ihm damit helfen kann; dann aber fehlen Dir zu Deinen Hundert, die Du hergeben willst, noch immer zweihundert und dreißig; denn was Reb Perez vorgebracht hat, ist leider Alles ganz richtig." ״Nun", sagte Reb Joine Glück, ״will ich Euch weisen, daß ich Reb Perezen genau kennen thu, und daß ich auf alle die Sachen, die er daher geredt hat, bin vorbereitet gewesen. Ich muß Euch jetzt, weil Ihr da Alle beisammen seid, ein Bekenntniß machen. Ihr habt mich in der letzten Zeit öfter gesehen mit einem Bogen Papier von Haus zu Haus herumgehn und Geld einsammeln. Ich Hab Euch eingeredt, daß es für eine verschämte arme Wittwe ist, die ich nicht nennen will. Ich muß es Euch jetzt sagen, ich Hab Euch gefoppt, ich Hab das Geld nicht für eine arme Wittwe, sondern für ein arm ״Joßem" (Waise), ich Hab es für einen Rekruten, kurz ich Hab es für David eingesammelt und Gott hat mir geholfen, und ich Hab das Geld, was ich brauch, zusammen gebracht. Will einer von Euch sein Geld, was er mir gegeben hat, zurück haben?" ״Nein! nein! nein!" ließen sich mehrere Stimmen vernehmen. ״Ich dank Euch Allen und Gott wird es Euch zahlen — und hier ist das Geld!" Mit diesen Worten nahm Reb Joine Glück seine Brieftasche heraus und legte die ganze verlangte Summe auf den Tisch. ״Wenn Du das Geld beisammen hast", fragte Reb Perez, ״warum hast Du es nicht gleich niedergelegt? Was hast Du mich so lang reden lassen?" ״Das will ich Dir sagen", antwortete Reb Joine, ״ich Hab der Gemeinde nur ein Bissele weisen gewollt, was Du für ein Mensch bist." Mit diesen Worten entfernte sich Reb Joine Glück. Die nöthigen zwölfhundert Gulden waren nun beisammen, die Sitzung war zu Ende, die Gemeindemitglieder verließen die Gemeindestube und begaben sich nach Haufe. (Fortsetzung folgt.) Aur gelMgrn Armhtrrng. In Folge der verspäteten Aussendung des Aufrufs nehme ich Beiträge zu dem Buche ״Zu Chanukka" noch bis Ende d. Mts. und falls sie bis dahin nach Aufschrift, Inhalt und Umfang wenigstens mir angezeigt werden auch noch im September an. Dresden, den 15. August 1873. Adv. Emil Lehmann.