Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 34 (20.8.1873)
- Date
- 1873-08-20
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578750--306-9578757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
271 Kinder hast, daß Deine Kinder auch aufwachsen, daß sie mit jedem Tag älter werden und daß an sie auch einmal die Reihe kommen wird. Ich möcht Dich erinnern, daß wir Alle nur sündige Menschen sind und daß Du, der Du heute da frisch und gesund sitzen thust, nicht wissen kannst, ob Du zu jener Zeit, wo eines Deiner Kinder einen Fürsprecher brauchen wird, ein solcher Fürsprecher wirst sein können! Ich wünsch Dir nichts Böses, Reb Perez, Gott soll hüten! Aber ich sag das nur, weil ich seh, wie weit sich ein Mensch vergessen kann, wenn er nicht an Gott denkt; unterdessen das Alles ist bei Dir keine Einwendung. So will ich mit Dir reden in Deiner Sprache, in der Sprache, die Du verstehst, das heißt: mit Ziffern. Du hast da eine Rechnung aufgestellt. Nach dieser Rechnung sind achthundert und zwanzig Gulden eingegangen. Gut! Nun frag ich, ob der Vorsteher es denn nicht eben so gut wissen muß, wie Du, wie viel Geld er zu der Rekrutirung braucht. Wenn er es aber weiß und hat dennoch von Davio nicht mehr verlangt, als hundert Gulden, so weiß er bestimmt, daß er mit neunhundert und zwanzig Gulden Münz ausreicht; wenn Du aber trotzdem darauf bestehst, es müssen durchaus zwölfhundert sein, so wird man in der Gaff müssen ansangen zu glauben, daß dasjenige, was Du da vor einer Weil von Bräundel hast anhören müssen, nicht ganz s ohne Grund ist. Ich mach Dir keinen Vorwurf, Gott soll ' hüten, ich will Niemanden nicht verdächtigen, aber auffallend muß es sein, daß Du mehr Geld haben willst, als der Vorsteher braucht, denn was das Geld anbelangt, halt ich mich an den Ausspruch des Vorstehers, verstehst Du? Und weiter habe ich nichts zu reden." ״Reb Joine", sprach der Vorsteher, ״was Du gesagt hast, ist ganz richtig, aber was Reb Perez gesagt hat, ist leider auch ganz richtig und ich muß eingestehen, daß ich in der Geschwidigkeit die Rechnung nicht so gut gemacht Hab, wie er." ״Nun hörst Du's von ihm selber, Reb Joine", lachte Reb Perez triumphirend, ״nun kannst Du Dich an die Rechnung vom Vorsteher halten, gib nur Achtung, daß Du nicht fällst." Reb Joine schwieg, der Vorsteher aber sagte: ״Unterdessen, weil ich den Ausspruch einmal gethan Hab, so mein ich, soll es auch dabei bleiben; nehmen wir von David Finkels hundert Gulden und was noch fehlt, die zweihundert und achtzig nehmen wir aus der Gemeindekasse." ״Oho!" sagte Reb Perez, ״was fällt Dir da ein? Fürs Erste hat die Gemeinde kein überflüssig Geld. Die Gemeinde hat genug Lasten auf sich und kann zu diesen nicht noch neue auf sich nehmen. Haben wir denn nicht beschlossen, ein neues Badhaus zu bauen? Und haben wir uns nicht vorgenommen, die Weiberschul umbauen zu lassen? Und wißt Ihr, was diese Bausachen kosten werden? Das wird in die vielen Tausende hineingehn! Ihr müßt den Architekten hören. Ich Hab gesprochen mit ihm die vorige Woch. Der wird Euch was auftrompeten, daß es Euch grün und gelb vor die Augen kommen wird. Die Gemeinde wird sich müssen Geld ausleihen von dem Landes-Massasond, wenn wir nicht wollen zwei Leut herumschicken ״schnorren" in der Welt. Wir haben kein Geld hinauszuwerfen! Wir können nicht so großerisch reden! Wir müssen karg sein mit dem Geld, wir müssen jeden Kreuzer zusammenhalten. Zweihundert und achtzig Gulden, ein Spaß! Und dann zweiteus: wie kann man zweihundert und achtzig Gulden aus der Ge.neinvekasse hergeben zu einem Zweck, der bei der Steuer-Repartition nicht in Rechnung gekommen ist? Hat man denn bei der Steuer- Repartirung extra Gelder für Rekrutirungssachen hereingenommen oder darf man sie vielleicht gar hereinnehmen? Getraut sich einer von uns eine solche Ausgabe aus die Rechnung zu setzen und dem Amt gegenüber zu verantworten?" Alle sahen verblüfft den Sprecher an, denn seine Einwürfe waren in der That sehr gegründet. ״Seht Ihr, wie Ihr mich Alle anguckt", fuhr Reb Perez fort, ״seht Ihr, was Ihr jetzt für Gesichter macht, wie eine Kuh beim neuen Thor. Kopf muß man haben." ״Ein Stückel Herz aber wenn man hat, schadt just auch j nichts", sagte Reb Joine Glück. ״Wo kommt man aber hin damit?" ftagte Reb Perez, ״wer nicht seinen Verstand beisammen hat, begeht Narreschkeiten und wenn ich jetzt da nicht sitzen möcht, hält die Gemeinde jetzt eine der größten Narrreschkeiten begangen. Einem Anderen helfen ist recht — aber nur, wenn es Einem nicht selber schaden thut. Man darf nur sich selber nicht vergessen." (Fortsetzung folgt.) Kur gFMgrn Arurhtung. In Folge der verspäteten Aussendung des Aufrufs nehme ich Beiträge zu dem Buche ״Zu Chanukka" noch bis Ende d. Mts. und falls sie bis dahin nach Aufschrift, Inhalt und Umfang wenigstens mir angezeigt werden auch noch im September an. Dresden, den 15. August 1873. Adv. Emil Lehmann. Briefkasten -er Redaction. Herrn vr. E. T. in K. M. Ihrem Wunsche willfahrend, bitte ich Sie, mir Ersatz in B. anzudeuten: üoer H. vertrauliche Mittheilungen zu machen und meiner ferner freundlich eingedenk zu sein.— Herrn Julius R. in K. Ihre interessante Einsendung habe ich der geeigneten Stelle zur Verhandlung übergeben. Bericht in diesem Blatte folgt später. Besten Dank und Gruß.