Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 26 (25.6.1873)
- Date
- 1873-06-25
- Page
- Seite 207 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578678--234-9578685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
207 Feuikketon. David Einhand. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Zweites Eapitek. Schon am Sabbath nach dem Vorlesen des Wochenabschnittes aus der Thora ließ der Vorsteher durch den Schulsänger den Aufruf ergehen, daß morgen wegen der Abstellung eine Gemeindesitzung stattstnden werde, und die hierdurch hervorgebrachte Aufregung gab sich durch alle jene Symptome zu erkennen, die man nur bei außerordentlichen Veranlassungen wahrnahm. Ein gewisses Brummen und Summen, ein gewisses Flüstern und Köpfezusammenstecken, welches so lange dauert, bis die Thora wieder in die Bundeslade gehoben worden und das stille Gebet der achtzehn Segnungen begönnen hat. Am Sonntag Vormittag war die Gemeindesitzung. ״Nun alsdenn", begann der Vorsteher, nachdem er sich am oberen Ende des Tisches mit der vollen Wucht seiner schwer wiegenden Persönlichkeit niedergelassen hatte, ״nun alsdenn, wie werden wir das machen?" ״Was heißt, wie wir es machen werden?" fragte der Beisitzer Reb Perez, ״wie wir es alle Jahre gemacht haben, so werden wir es auch Heuer machen." ״Ja, Bruderleben!" sagte der Vorsteher, ״Du kannst leicht reden! Heuer und in früheren Jahren ist ein Unterschied!" ״Was für ein Unterschied?" ״Mein lieber Reb Perez, ich muß Dir sagen, ich weiß nicht, was ich thun soll!" ״Warum?" ״Kein einziger Lump in der Gass! Vor Zeiten, wenn die Rekrutirung ist gekommen, hat man gewußt, den und den wird man nehmen. Ist man gegangen und hat so einen Jungen, der ein Thunichtgut ist, bei Nacht ausgehoben und hat ihn eingesperrt; da ist man fertig gewesen und hat sich weiter keine Sorgen zu machen gebraucht. Voriges Jahr hat uns Reb Scholem Zizesbeißer aus der Klemm herausgeholfen, haben wir Cheskeln abgestellt, der den Kindern alleweil die Sünden verziehen hat. Aber Heuer, wie gesagt, es ist kein einziger Lump in der Gass!" ״Was soll man thun!" sagte Reb Perez, ״zwei Rekruten müssen wir haben! Als es sein muß, muß es sein!" ״Nun, das red ich ja", sagte der Vorsteher, ״das ist ja leider das Traurige! Ich möcht doch nicht yern ein' ordentlichen Jungen das weiße Frackel anthun. Im Ganzen haben wir Heuer fünf Neunzehnjährige, und von allen fünf ist keiner, der —" ״Und zwei wird es doch treffen müssen!" fiel ihm Reb Perez in die Rede. ״Gut! aber welchen? sag mir welchen?" fragte der Vorsteher, ״Moschele Krupp kann ich gar nicht zu der Com- Mission hineinführen. Wenn ich den auf Brünn hineinbring, schmeißen sie mich hinaus mitsammt ihm. Also den kann man gar nicht rechnen. Der zweite, der Rosenberger, ist ein Student und hat sein Zeugniß eingeschickt. Wenn ich den auch hineinführe, es nützt mir nichts; den befreien sie drinnen, weil er studiren thut. Den kann man also auch nicht rechnen. Der dritte, Mandel Zipperls, ist ein ehrlicher Jung, geht in Dorf und thut seine Mutter ernähren-" ״Und dann bist Du sein Vetter", sprach Reb Perez dazwischen. Der Vorsteher wurde roth vor Zorn bei dieser Anspielung, sprach aber weiter: ״Wenn man den Jungen abstellen möcht, so müßt Zipperl schnorren gehn. Von wannen sollt sie leben? Bleiben also nur noch die zwei übrig: Kalme Bräundels und David Finkels." ״Und die zwei werden es auch sein müssen", sagte Reb Perez entschieden. Der Vorsteher aber sagte: ״Du red'st, wie Du es verstehst. Möcht sich was thun mit Bräundel, wenn man ihr Kalme abstellen thät! Und den David? — leider eine Waise, es ist ihm doch erst neulich leider seine Mutter gestorben! Das Herz thut Einem weh, wenn man ihn ansieht! Ich sag Dir, es ist eine schwere Sach!" ״Schwer hin, schwer her!" sagte Reb Perez, ״sobald es muß sein, muß es sein!" Bisher hatten die anderen Beisitzer geschwiegen und die Verhandlung war lediglich zwischen dem Vorsteher und Reb Perez geführt worden. Nun aber hatten sich die beiden einander entgezenstehenden Ansichten in ihrer ganzen Schroffheit gezeigt und die anderen Beisitzer konnten nun mit ihrer Meinung nicht mehr zurückhalten; ein Theil derselben schlug sich auf die Seite des Vorstehers, ein anderer Theil auf die Seite des Beisitzers Reb Perez und so ging denn die Comödie los und sie schrieen alle durcheinander. ״Das geht nicht! Das geht nicht! Das kann nicht sein! Das darf nicht sein!" schrieen die Einen. ״Es geht nicht anders! Es kann nicht anders sein! Es muß sein! Wir müssen zwei Mann haben!" schrieen die Anderen, und sie schrieen hüben und drüben mit solcher Heftigkeit, daß fast Niemand mehr im Stande war, sein eigenes Wort zu hören. (Fortsetzung folgt.)