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Jüdische Volkszeitung · 1873-04-16 · 16 (16.4.1873) · p. Seite 127

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
16 (16.4.1873)
Date
1873-04-16
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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127 heiten übertragen. Der gefürchtete, anscheinend so nahe Riftn des Hauses war durch die geschickte Leitung Semmi's glücklich vorübergegangen und das Geschäft genoß wieder den alten Ruf und Credit, obwohl und vielleicht gerade weil sich der junge Leiter desselben von allen schwindelhaften Unternehmungen fern hielt, die in den letzten Jahren eine verhängnißvolle Ausdehnung gewonnen hatten. Vom alten Baruch hatte Semmi erfahren, in welchen verwandtschaftlichen Beziehungen er zum Commerzienrath stand und er glaubte nun auch ein Recht zu haben, sich als Vertreter des Hauses zu betrachten. Mit Bertha zusammen — und das war ein seliges Zusammenwirken, — versuchte er die Apathie des Commerzienraths zu bannen, aber vergeblich. Nur einmal noch gelang es ihm; es war ein seliger, feierlicher Moment. Semmi hatte ihm die Bücher vorgelegt und ihm bewiesen, daß das alte Haus Rödersohn noch feststehe. Dann bat er, in dasselbe als Theilhaber eintreten, es ferner leiten zu dürfen — und — um die Hand Bertha's. Der Commerzienrath fügte ihre Hände zusammen und als an dem Tage der nur im engsten Kreise gefeierten Verbindung der alte Baruch selig und vergnügt eintraf, — er hatte für immer sein liebes grünes Häuschen verlassen, denn die alte taube Magd war gestorben, — da deutete Herr Rödersohn mit ruhigem Lächeln zum Himmel und sprach: Wir sind versöhnt! Rödersohn & Comp., wie das Haus nun hieß, war hochgeachtet auf der Börse; aber in der ״großen" Gesellschaft, in welcher dasselbe früher eine verhängnißvolle Rolle gespielt hatte, ward es kaum erwähnt. Sprach man hier ja einmal davon, so war es Spott über die einfache, fast altväterliche Führung des jungen, reichen Chefs und über die jüdischen Sabbathe und Festtage, die streng gefeiert wurden jetzt da, wo früher jedes Gedenken der jüdischen Abstammung strenge verpönt war. Adele wurde nicht erwähnt beim Commerzienrath bis Zu dem Abende, an welchem Semmi sie vom Tode errettefe und ins Haus brachte. Sie hatte noch am selben Tage, wo Herr von Westheim sie so gräßlich mißhandelt hatte, wie wir früher erzählt haben, sein Haus mit ihren Kindern verlassen. Nur den angeketteten Schmuck hatte sie gerettet. Sie war Tag und Nacht gereist, um in ihrer Vaterstadt anzukommen. Sie hatte Kunde bekommen von den Verhältnissen im Hause ihres Vaters und wollte darum Semmi ihre Kinder empfehlen. Das war der Inhalt des Briefes, den sie alsbald bei ihrer Ankunft im Hotel schrieb. Sie selbst wollte nie mehr vor das Angesicht ihrer Angehörigen treten. Semmi ahnte, was Vorgehen sollte; der Gedanke daran stieg schnell genug in ihm auf, daß er noch rechtzeitig, wenn auch im letzten entscheidenden Momente, erscheinen konnte. Adele und ihre Kinder waren nun im väterlichen Hause, das wohl durch die Kinder etwas lebendiger wurde. In den Räumen jedoch, in welchen sich Adele mit ihrem Vater bewegte, war es womöglich noch stiller geworden. Adele war in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft sehr krank gewesen. Sie erholte sich zwar wieder — aber sie war nur noch der Schatten ihrer selbst. Vornehme Gäste aus einer entfernten Stadt, welche im Sommer ein frequentes Bad besuchten, sahen dort an den Spieltischen einen routinirten Croupier mit äußerst eleganten Manieren, aber verlebtem, durch Leidenschaften aller Art verwüstetem Gesichte. Man erzählte sich, daß der Mann früher ein bekannter adeliger Officier und Günstling der hohen Gesellschaft, der Gatte einer steinreichen Jüdin gewesen, die ihn aber wegen seines wüsten Lebens und seiner Untreue verlassen habe. Der routinirte Croupier schämte sich jedoch nicht bei diesen Gerüchten, von welchen er Kunde erhielt. War er nicht sein ganzes Leben eigentlich ״Croupier" gewesen in seinem Thun und Streben? Warum also jetzt schämen? Eines Tages war er jedoch verschwunden. Eine Pistolenkugel hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Er hatte betrogen im Spiel und die Polizei war ihm auf den Fersen. Früheren Genossen war dies doch zu arg, und sie eigentlich waren es, die ihn verfolgten. Auch der inzwischen alt gewordene Graf von Stolzenfurth war unter den zweideutigen Gestalten, welche das Bad unsicher machten; doch konnte ihn die Polizei nicht fassen und darum drang er in den Baron, das Opfer zu werden, das die öffentliche Aufmerksamkeit ablenkte. Eines Morgens trat Adele, bleich und mit Thränen im Auge, in das Comptoir, ein Zeitungsblatt in der Hand. Semmi trat ihr entgegen. ״Ich weiß schon, was Du willst, Adele; doch — sieh dort Deine holden Kinder. Sie haben nie ihren Vater gekannt; sie sollen nichts von ihm erfahren, ihn nie vermissen. Laß mich für ihre Zukunft sorgen. Es ist ja leicht, denn Dein Vater besitzt großes Vermögen. Erhole Dich; in einigen Tagen werdet Ihr aufs Landgut gehen, das Du so lange nicht gesehen hast. Dein Vater muß hin und Bertha mit den Kindern werden Euch begleiten. Sieh", und ein glückliches Lächeln umspielte die schönen, ernsten Züge, ״dort kommt sie eben in den Hof, meinen Bernhard auf dem Arm, den dicken Burschen. Wie sich Deine Kinder mit ihnen freuen! Mit der Mutter und dem Kinde! .... Und da kommt auch der alte Baruch. Komm, sei zufrieden, damit Du glücklich bist im herrlichen Landhause, während ich hier bleibe! Erst zu den Feiertagen komme ich zu Euch!" Adele wandte sich; aus ihren Augen ftelen Thränen. ״Und dieser Mann hatte mich einst geliebt! Und ich?"-

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