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Jüdische Volkszeitung · 1873-03-19 · 12 (19.3.1873) · p. Seite 95

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
12 (19.3.1873)
Date
1873-03-19
Page
Seite 95 (sequence 7)
Language
German
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V*' - •ל* .*A <*«■*,־ ■♦-מ•*.**«*.; - --nyjff fratr*’׳ ׳■^־.-Ut.*׳ 95 laufen und Kinder säugen sollte. Nun sagt der Talmud wohl auch ״das Weib gehört zum Spinnrocken", nichtsdestoweniger ist es wahr, daß, sobald eine Frau Muth hatte, sie als Dichterin, Königin, Prophetin alle Achtung und Anerkennung hatte. Wo immer, auch in weiblichen Kreisen, das Talent sich ausbilden konnte, da ward ihm freier Spielraum zum Handeln gegönnt. Die nach Gleichberechtigung und Freiheit strebenden Frauen mögen immer auf die Bibel sich berufen. Tolltetlle§ ^ommerLienrntke^ Novelle aus der Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Das war ein glänzendes Schauspiel, das sich den Augen der Beschauerin darbot. Früher wäre es ihr nicht neu gewesen. Aber jetzt! Einen Augenblick stand sie still vor der hellerleuchteten Pforte, in der man das bunte Gewühl übersehen konnte. An ihrer Erinnerung zogen die Zeiten vorüber, in welchen ihr alles Glück ihres Lebens zwischen den Wänden eines fürstlichen Ballsaales sich zu vereinigen schien! ״Hoffähig" sein, zu den Großen des Landes gezählt werden; als Eine der ihrigen an den berauschenden Genüssen theilnehmen Zu dürfen, glänzen und gefeiert werden durch Jugend, Schönheit, Anmuth und Reichthum: was konnte es Höheres geben? So dachte sie damals. Und jetzt?! All ihr Glück lag zu Hause im kleinen Bette, in der einfachen Wiege; und selbst in diesem Augenblicke zitterte ihr Herz und bereute sie fast, aus jenen Räumen entflohen zu sein, die unschuldigen Kinder für einige Stunden allein gelassen zu haben. Sie zitterte bei diesem Gedanken. Was suchte sie hier? Die Schmerzen, die seit lange an ihrem Herzen nagten, durch Gewißheit zur tödtenden Verzweiflung reifen zu lassen? ״Ich muß; es muß ein Ende haben." Muthig überschritt sie die Schwelle. Adele war auch jetzt eine schöne, fast imposante Gestalt. Es konnte nicht verfehlen, daß ihr plötzliches Erscheinen in diesen Kreisen einiges Aufsehen erregte, trotzdem der Ballsaal überfüllt war von Masken aller Art. Mancher galante Cavalier reichte ihr den Arm. Sie wies sie Alle von sich. Man zerbrach sich den Kopf, wer wohl diese stolze Erscheinung mit denr hoch getragenen Haupte und dem kostbaren Schmucke sei. Sie schritt kühn durch die Reihen. Viele waren zugegen, die ihr nicht unbekannt waren; aber Niemand, dem sie hätte Vertrauen schenken können. Sie kannte sie jetzt, diese gleißnerischen Gestalten, geschminkt, innerlich hohl, nur von einer Triebfeder bewegt — der Selbstsucht. Den, den sie suchte, fand sie nicht. Er war. nicht im Tanzsaale und auch die berüchtigte Sängerin nicht, die er heute hier eingeführt. Nochmals durchschritt sie die weiten Säle in verzweifelnder Angst. Wo mochte er sein? Da gewahrte sie eine geöffnete, in einer Nische angebrachte Thüre, vor der die meisten Anwesenden in fast ehrfurchtsvoller Scheu zurückwichen. Sie trat näher und schaute hinein. Fast wäre sie entsetzt zurückgeprallt. Es war ein eigenthümliches Bild, das sich ihr bot. Es war ihr nicht j neu und dennoch fühlte sie ein schmerzliches Aufzucken des!Herzens. In der Mitte des matt erleuchteten Raumes stand! ein Spieltisch, um welchen sich einige Gruppen bevorzugter,! unmaskirter Zuschauer gruppirt hatten. Am Tische selbst! saß der Erbprinz, ihm zur Seite die Sängerin Lucinde; in I ihren Augen glühte ein unheimliches Feuer. Sie hatte nur j Blicke, Zündende, leidenschaftliche Blicke für den Prinzen,! während ihr Ritter, der Gemahl Adele's, unbeachtet in einer! Nische lehnte, zuweilen ein Goldstück auf den Tisch legte und seinerseits wieder Blicke auf die Gruppe am Tische warf, in welchen alle Geister der Unterwelt um die Wette stritten: Leidenschaft für das buhlerische Weib an der Seite des Prinzen, Eifersucht, Rache, Geldgier — denn ganze Haufen Gold fielen in den Schooß des buhlerischen Weibes, das die Bankhalterin war und der stolze Prinz schien mit besonderem Wohlgefallen die Rollen zu verlieren, die ihm ein hinter ihm stehender Kammerherr zusteckte. Wie lange Adele an der Thüre stehen mochte, wußte sie kaum. Sie war versunken in dies Bild, das ihr die Verkörperung ihres Jammers schien. Da berührte eine Hand leise ihre Schulter. Aufgeschreckt wie aus einem wüsten Traume blickte sie um. ״Frau von Westheim", sagte eine ihr anscheinend gänzlich unbekannte, in einem einfachen Domino verhüllte Gestalt zu ihr, ״Sie wünschen wohl Ihren Herrn Gemahl unbemerkt zu treffen und zu sprechen?" ״Ja", hauchte sie leise, ohne zu bedenken, daß sie damit sich an einen Unbekannten verrathen hatte, während sie sich doch vorgenommen hatte, gänzlich unbekannt bleiben zu wollen. ״Warten Sie einen Augenblick." Die Gestalt war wieder verschwunden. Nach einigen Minuten tauchte derselbe Domino hinter dem prinzlichen Kammerherrn wieder auf und sagte diesem leise einige Worte ins Ohr. Gleich darauf sprach der Kammerherr leise und angelegentlich mit dem Prinzen, dessen Gesicht nun statt des bisherigen leichtsinnigen Lächelns ärgerlich auffchaute. Er stieß die Goldrollen, die der Kammerherr ihm darbot, zurück, stand auf und verließ ohne Gruß das Zimmer. Im selben Augenblicke schon war auch der Baron von Westheim neben der ihm verwundert und fast verächtlich ins Auge schauenden Sängerin. (Fortsetzung folgt.)

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