Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 9 (26.2.1873)
- Date
- 1873-02-26
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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zu sein scheinen und Amerikas freier Boden bietet mehr Gewähr für die Entwickelung des Judenthums und der Juden, als das echt orientalisch entnervte, türkisch regierte Palästina. Redaction.) _ ^ocktei! tieft Novelle aus der Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Der Sturm zieht über das Land hin. Er beraubt die Eiche ihres Blätterschmuckes, ihrer Aeste und Zweige, aber der feste Stamm steht unverrückt und unerschütterlich, obgleich der Boden unter ihm zu zittern scheint. Wohl trauert da auch der Stamm, und weiß nicht, wozu er übrig geblieben nach dem verheerenden Sturm. Aber nach einiger Zeit kommt rote' der ein erlösender, befreiender Windhauch, Sturm — — — Frühlingssturm und neue, frische Zweige, grüne Blätter setzen sich an. Zage nicht, Eiche! Tage der Angst waren vorüber. Den Commerzienrath hatte, trotzdem er seit lange sich im Herzen von seiner Gatttn abgewendet hatte, ihr Tod dennoch tief erschüttert. Der fühlende Mensch trennt sich nie leicht von denjenigen, mit denen ihn die Lebensgemeinschaft verknüpft, denen er frohe, glückliche Stunden der Liebe verdankt, wenns — auch lange her ist. Die Verluste in seinem Geschäfte, der drohende Ruin seines Hattses im Zusammenhangs mit dem Tode seiner Gattin, hatten vollendet, was ftühere Schläge vorbereitet hatten. Er war lebensmüde und unfähig geworden zur Leitung seines Geschäftes in der stürmisch bewegten Zeit. Schon am Tage nach dem Tode seiner Frau hatte er Semmi rufen lassen. Dieser kam ihm zuvor. ״Herr Commerzienrath", hatte er gesagt, ״Sie hatten mich mit Ihrem Vertrauen beehrt und, wie Sie behaupten, habe ich noch ein anderes Interesse an dem glücklichen Fortbestände Ihres Hauses. Sie sind jetzt tief bettübt; überlassen Sie mir für einige Zeit die Leitung Ihrer Geschäfte. Ich glaube, das Schiss unversehrt aus dem Hafen und aus der Brandung bringen zu können; denn noch ist nicht Alles verloren. Ich werde tneine Schuldigkeit thun." Und so war es. Der Sturm zog vorüber. Die großen Verluste des Hauses waren Vielen unbekannt geblieben. Den Verlusten standen andrerseits wieder Gewinne gegenüber. Der Credit war nicht erschüttert, obwohl ein sehr großer Theil des Vermögens verloren war. Semmi griff entschieden ein und führte das Geschäft in einer Weise, als sei er dazu geboren, ein so großes Bankhaus zu leiten. Der Commerzienrath kümmerte sich kaum darum, obwohl er von Zeit zu Zeit still und anscheinend nachdenkend durch die Geschäftsräume ging. Dann, wenn er die rege und besonnene Thätigkeit Semmis gewahrte, verklärte für eine kurze Zeit ein heiteres Lächeln sein Gesicht und befriedigt zog er sich wieder zurück, um in dumpfem Hinbrüten seine Tage weiter zu verleben. Und Bertha? Sie war im Hause geblieben und hatte die Stelle der Commerzienräthin übernommen. Sie schien nur für eine Thätigkeit geboren, für die Verschönerung des Hauswesens. Sie schien nur eine Freude zu kennen: das Leben im Hause so heiter und gemüthlich zu machen, als in den stillgewordenen Räumen möglich. Ihr blühte ein Glück; — sie sah es wachsen und gedeihen. In einer von der Hauptstadt des Reiches weit ab, an der Grenze liegenden großen Provinzialstadt betreten wir ein im ״noblen Quartiere" liegendes Haus, das etwas abseits liegt und in seinem Aeußern recht respectabel aussieht. Im ersten Stocke dieses Hauses wohnt ein hoher Offizier. Wir finden den Herrn nicht zu Hause. Die Wohnräume haben ein eigenthümliches Gepräge. Man sieht herrliches, reiches Mobiliar, prachtvolle Vorhänge, ein pompöses, prunkvolles Staatszimmer. Aber leer und ungemüthlich sieht es dennoch aus und ein Hauch der Kälte geht hindurch, der uns frösteln macht. Wir betreten ein kleines Zimmer, das das freundlichste Aussehen im ganzen Wohnräume. hat. Es liegt ein Zauber der Heimlichkeit darüber; ein Schmuck, der herrlichste im Leben, ist seine Zierde. Eine junge Mutter kniet an der Wiege ihres Kindes. Neben ihr, den Kopf auf ihrem Schooße liegend, auf einem kleinen Schemelchen, sitzt ein älteres Kind, ein Knabe, schlafend. Die Mutter wiegt und singt leise; das Kind in der Wiege soll schlafen; das auf dem Schewelchen nicht erwachen. Aber ihr Gesang ist traurig und eintönig. Was soll die arme Mutter singen? Ihr Auge ist vom Weinen geröthet, ihr Angesicht ist blaß; ihre Kleider sind vornehm wohl, aber — sie schließen nicht mehr gut. Schlaff hängen jetzt ihre Arme herab. Sie wiegt und singt nicht mehr. Sie drückt einen Kuß auf die Stirne des blondlockigen Knaben auf ihren! Schooße und er erwacht. ״Mama, singe doch, du sangst eben so schön: Schlaf, Kindlein, schlaf; der Papa . . . ach, der Papa, wo ist der denn? ich habe ihn schon lange nicht gesehen." Schweig,!nein lieber Semmi, unsere Bertha erwacht sonst; sei ein guter Junge . . ." ״Ich bin ein guter Junge, nicht wahr, Mama? Komm, weine nicht; ich habe dir ja nicht wehe gethan. Wann kommt Papa wieder?" In diesem Augenblicke wird die Thüre des vorderen Zimmers leise geöffnet-so leise, auf den Zehen, schleicht ein Mann herein. Er will offenbar nicht gehört sein von der bei ihren Kindern weilenden Mutter. (Fortsetzung folgt.) h■ i a