Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 8 (19.2.1873)
- Date
- 1873-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkszeitung. Wochenschrift o in Eemrmdr und Srhulr> S^nngsgr und , Lestekklmge» nehmen alle Postanstalten und »Ut. H-rausgegcbcn von I. Kling,nrlria in Ingelheim, bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt . Inserate sind an die Verlagshandlung von Joh. Friedr. Hartlnoch in Leipzig zu senden. Preis der 3gesp. Zeile 2 Ngr. No. 8. Leipzig, den 19. Februar. 1873. 3 n ft a f t : Professor Dr. Julius Fürst. — Correspondenzen: Dresden, Berlin, Ingelheim, Ober-Ingelheim, Aus dem Großherzogthum Hessen.— Rundschau. — Vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund. — Anzeigen. I^rolrssor J)r+ Julius Hurst starb in Leipzig Sonntag den 9. Februar, Morgens 3 Uhr. Die deutsche Judenheit hat einen ihrer hervorragendsten Gelehrten und tiefsten Denker verloren. Professor Dr. Julius Fürst ist todt! Mit ihm ist einer der wackersten Kämpen für den Fortschritt des Judenthums ins Grab gesunken, ein ganzer Mann, der, auf den Zinnen der Wissenschaft stehend, eine Leuchte war für' unser Auge und ein Licht auf unserem Wege. Es sei uns gestattet, einige Worte der Erinnerung an unsere geehrten Leser zu richten und als Kranz auf das ftische Grab des edlen und bescheidenen Mannes zu legen. War er ja ein ganzer, echter und wahrhaftiger Fürst, der ein unvergängliches Diadem getragen — כתר תורה — die Krone der Wissenschaft. Aus dem tiefen Schachte seines Geistes und aus dem immer neuen Schriftenthume des Orients hat er edles Erz hervorgeholt und mit feiner und geübter Feder verarbeitet; sowohl für den Gelehrten, der das Judenthum und die orientalische Wissenschaft kennen zu lernen bestrebt ist, als auch für das gebildete jüdische Volk, das die ewig sprudelnde Quelle seiner heiligen Lehre, die Bibel, mit freiem Blicke betrachten, sich belehren und erbauen will. Die Judenheit errichtet ihren hervorragenden Männern keine Denkmale von Erz und Stein. Aber im Tempel der Erinnerung klingt hell ihr Name und in unser Herz schließen wir die, so für uns gelebt und gewirkt, die uns durch ihr Wort und ihre Schriften weiter geführt haben in der Erkenntniß des Judenthums und seiner erhabenen Aufgabe. Die Denkmäler von Erz und Stein mögen schwinden; die aber der Vorsehung Sendboten waren an die Menschheit leben ewiglich; ihr Geist wirkt fort unter uns. Wir werden wohl später noch Einzelnes bringen, was uns ein Bild gibt von dem Lebenswege und der gesegneten Wirksamkeit des Verblichenen. Heute, in dem Momente, wo man ihn eben in Leipzig erst der Erde übergibt, rufen wir aus der Ferne ein schmerzliches: חבל על דאבדץ ולא משתכחין Fürst war am 12. Mai 1805 in einem Posen'schen Städtchen, Zerkowo geboren. Seine Jugend schien nicht dazu angethan, den freien geistigen Schaffenstrieb in ihm zu entwickeln, der ihn später und bis in sein Alter auszeichnete. Seine Jugend verbrachte er, wie fast alle Kinder damaliger Zeit, ausschließlich mit dem Thorastudium und unser Fürst galt schon in seinem 13. Lebensjahre für einen ״Charis". Hat diese einseitige Geistesbildung den später nach wissenschaftlicher Erkenntniß strebenden Kindern jener Zeit geschadet? Ihnen wohl, denn sie hatten mit unsäglichen Mühen und Beschwerden zu kämpfen, um sich zur Höhe der Wissenschaft, zum Verständniß der lichtvollen Gegenwart durchzuarbeiten. Aber das Judenthum wurde mit Licht befruchtet gerade von vielen derjenigen Männer, die diesen dornenvollen Pfad in ihrer Jugend wandelten und erst im späteren Lebensalter der Wissenschaft und systematischen Studien sich zuwandten. Sie hatten eine Energie, eine Geistesschärfe, Liebe zum Judenthume und Trieb zum Fortschreiten zugleich, wie sie leider zumeist den Kindern unserer Zeit, denen die Pfade zum Studium geebnet sind, ab-