Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 6 (5.2.1873)
- Date
- 1873-02-05
- Page
- Seite 47 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578498--054-9578505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
47 sinnlicher Natur entstammten diesem Hochmuthe, dieser Sucht, vornehm zu thun und mit Vornehmen umzugehen. Das ein- Zige Glück ihres Lebens glaubte sie im Umgänge mit den Menschen zu finden, die sie als die Götter dieser Welt betrachtete; und wie wurde sie von diesen betrogen und zu Grunde gerichtet! Selbst die Liebe zu ihrem Kinde, die heiligste, tiefste und allgemeinste Regung des Menschenherzens — ־bic Mutterliebe — stand bei ihr nur im zweiten Grade, sie wollte ihre Adele vor Allem recht vornehm wissen, um selbst mit emporzusteigen zu der erträumten Höhe. Das war es besonders, was ihr Adele werth machte. Sie galt ihr nicht so niel, als der Adelsbrief ihres Mannes. Sie glaubte, das! höchste Glück für sie und sich selbst erreicht zu haben; und jetzt — entdeckte sie, wie sie selbst in ihrem erträumten Glücke j entsetzlich hintergangen worden. Ihre Träume zerstoben — j ihre Lebenskraft war vernichtet. i Schon Wochen fühlte sie, daß der Tod nahte; und doch! lebte sie gleichmäßig dahin, wie seit jenem Tage, als ihr! Gatte mit ihr gesprochen. Sie hätte selbst die Mittheilung! von dem tiefen Falle, der ihrem Hause bevorstand, mit jenem' Gleichmuthe, mit der Gefühllosigkeit, die dem Wahnsinn, dem Gei-! stestode gleicht, entgegengenommen. Aber es sollte anders kommen.; Seit einer Stunde ging der Commerzienrath Hände-! ringend in seinem Geheimcabinette auf und ab. Schmerzj liche Seufzer drangen über seine bleichen, bebenden Lippen.! ״Das Haus Rödersohn ist gefallen," waren die einzigen, Worte, die er zuweilen, wie im Fieberwahnsinne ausstieß. Jetzt ließ er Semmi zu sich bescheiden, der biefert. Raum noch nie betreten hatte. Zagend ging Semmi S über die Schwelle. Er hatte eine Ahnung von dem, was be-! Vorstand, denn sein Heller Blick hatte ihn in die gewagten! ״Das ist allerdings ein schwerer Schlag. Aber . . ״Aber," erwiderte der Commerzienrath, noch bevor Semmi ausgesprochen, ״ich habe einen großen Theil dieser Actien an mich gebracht und bin, wie Sie wissen, noch in anderer Weise mit dem Hause liirt. Und dabei sind in dieser Woche noch weitere Verluste über mich und mein Haus gekommen wie Raubthiere, die unversehens einbrechen, .... das Haus Rödersohn ist gefallen . . . ." Semmi war erstarrt. ״Semmi," sprach der Commerzienrath, ״kommen Sie her." Es war das erste Mal, daß er Semmi so vertraulich anredete und dieser trat näher. ״Semmi, Sie haben in meinem Geschäfte 50,000 Thaler; hier sind sie!" Und er wollte sein Portefeuille öffnen. ״Sie und — Bertha sollen Nichts verlieren . . . Die Zinsen von vielen Jahren verlieren Sie freilich . . ." Der Schrecken Semmi's steigerte sich. Er fürchtete, der Commerzienrath rede irre, oder wolle ihn zu einer Unredlichkeit verleiten. Er zog die Hand zurück. ״Herr Commerzienrath!" ״Semmi, erschrick nicht! Ja, mein Sohn, ich weiß, was Du denkst; aber jetzt ist es nicht Zeit zu Erklärungen. Ich sage Dir, diese 50,000 Thaler sind Dein freies Eigenthum, woran Du vollberechtigt bist; es ist das Eigenthum Deiner Mutter . . ." ״Meiner Mutter?" ״Nun ja, Deiner Mutter . . . aber ich habe jetzt keine Zeit, mit Dir ferner zu sprechen. Nimm — ich muß Bertha berufen und ihr auch das Vermögen ihrer Eltern geben, das fast ebenso viel ist. Früher war das nichts in meinem Geschäfte; jetzt ist es viel, sehr viel! Aber Ihr sollt nicht in und verkehrten Speculationen seines Principals eingeweiht. Doch wußte er nicht, wie schwer die Verluste sich belaufen konnten und wie weit sie das Gleichgewicht des Hauses stören mochten. Noch weniger ahnte er, in welchen Beziehungen er selbst zur Sache stand und was seine Berufung in das Geheimcabinet des Commerzienrathes zu bedeuten habe. ״Herr Marxsohn," redete ihn der Commerzienrath bei seinem Eintritte an, ״ich habe Sie rufen lassen, weil ich zu Ihnen und Ihrem guten Willen und Ihrer Einsicht großes und unbedingtes Vertrauen habe ... ich werde Ihnen später noch weiter den Grund meines Vertrauens erläutern . . . .; eine schwere Stunde steht meinem Hause bevor; lesen Sie diese Depesche . . ." Semmi las und erbleichte. ״Das Haus Davis & Lingh in London gefallen, die zwei Banken und die Eisenbahn- Actiengesellschaft ausgelöst, die Actien derselben sind vollständig werthlos; es herrscht auf der Börse in Folge dessen vollständige Panik ..." den Ruin meines Hauses hineingezogen werden." ״Sie wollten Bertha hierher berufen, in Ihr Geheimzimmer?" ״Nun ja!" ״Warten Sie einen Augenblick." Semmi stürzte zur Thüre hinaus. Nach einigen Minuten kehrte er wieder herein, Bertha an der Hand führend. ״Bertha," sagte Simmi fast athernlos, ״der Herr Commerzienrath, Ihr Onkel, hat mir eben ein schweres Geheimniß offenbart, das Sie und mich betrifft — insbesondere aber ihn, den Herrn Commerzienrath, Ihren Onkel. Es ist für Ihren Onkel eine große, eine schreckliche Gefahr im Anzuge, aus der wir ihn retten können; ja, wir, Bertha! Sie und ich! Wollen Sie mir beistehen?" ״Und wenns inein Leben kosten sollte, Semmi; Alles, was Sie wollen." Semmi schaute mit stolzem Entzücken in die, das, was hier vorging, fast nicht begreifenden Augen des Commerzienraths. (Fortsetzung folgt.)