Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 2 (8.1.1873)
- Date
- 1873-01-08
- Page
- Seite 15 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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r" Im Parterre des Hauses waren die Geschäftslokalitäten des Commerzienrathes. Hier saßen die jungen Leute; ganz oben, nahe bei der Thüre, die zu dem abgesonderten Zimmer des Principals führte, war Semmi sein Platz angewiesen worden, seitdem er wieder ins Geschäft eingetreten war. Der Commerzienrath hatte seit dieser Zeit auch nicht ein Wort mit ihm über seine Krankheit gesprochen. So oft er auch geschäftlich mit ihn verkehrte, — er hatte keine Frage über sein Befinden an ihn gerichtet. Das schmerzte Semmi, trotzden: eine nicht zu verkennende freundliche Gesinnung des Commerzienraths für ihn aus allen seinen Worten hervorleuchtete. Ich bin, dachte er dann immer, nichts als der wohlbesetzte Stuhl in seinem Comptoir. Was uns verbindet, ist das Geschüft. Wie konnte ich aber auch so thöricht sein, Anderes zu verlangen? Welches Anrecht habe ich auf andere Auszeichnung? Das find Schrullen, des Onkels Baruch . . . Es war an einem Hellen und freundlichen Märzmorgen; an einem jener Tage, die wie eine Verheißung des kommenden Frühlings unsere Herzen schwellen machen, wenn sie jung und voll glühender Hoffnungen find. In der Schreibstube des Commerzienrathes war Alles in bester Ordnung. Da standen die langen Reihen Pulte und man hörte keinen Athemzug — nur das Knistern der Federn. Der Commerzienrath hatte sich eben in das Geheimzimmer begeben, das hinter seinen Geschästslokalitäten lag und mit den Familienzimmern in Verbindung stand. Zu diesem Zimmer führte er stets den Schlüssel mit sich und er betrat es nur in seltenen Fällen. Die Glocke erklang bald nach seinem Eintritt und seine Frau erschien, in der elegantesten ״pariser" Morgen-Toilette. Der Commerzienrath war, das sah man auf den ersten Blick, in den letzten Wochen tief gebeugt worden. Aber seine Frau hatte sich nicht verändert. Das war immer noch die kugelrunde, vornehme Dame, mit den eisigen, harten Zügen. Es schien sogar fast, als wären diese Züge womöglich noch härter, hochmüthiger geworden. ״Du hast zum erstenmale seit langer Zeit diese Glocke wieder ertönen lassen, die mich früher öfters hierher berief in Dein Geheimkabinet. Was wünschest Du?" war die kalte Anrede der Commerzienräthin, mit welcher sie, ohne Gruß, eintrat. ״Es ist ein Wechsel eingetroffen, und ich möchte Dich fragen, ob ich ihn zahlen soll." ״Ein Wechsel? Und Du fragst mich? Was habe ich mit Deinen Wechseln zu schaffen? Von wem?" ״Von . . . unserem . . . vom Baron von Westheim . . . zwanzigtausend Thaler, einen kleineren, 5000 Thaler an Mayersohn zahlte ich bereits vor einigen Tagen . . . ohne mit Dir davon zu sprechen. Aber über diese größere Summe wollte ich mit Dir zuvor sprechen, Dich zu Rathe ziehen." — ״Wozu? Zahle! Es ist ja unser Kind und unser Schwiegersohn, für welche Du zahlst!" ״Unser Kind, unser Schwiegersohn!? Hast Du Dich so schnell abgefunden mit Deinem Unglücke, mit Deinem Gewissen?" ״Mein Unglück? Mein Gewissen? Ich habe meiner Pflicht genügt; Adele ist nicht mehr Jüdin; ich habe sie als Jüdin betrauert, wie das Gesetz vorschreibt, — als wäre sie gestorben. Sie ist jetzt nur noch meine Tochter, die so glücklich ist, den höchsten Ständen des Landes anzugehören, für die ich keine religiöse Verbindlichkeit mehr trage, weil sie einem anderen Glauben angehört. Sollte das ein Unglück für ihre Mutter sein? ״Armes, bethörtes Weib! So leicht hast Du es mit Deinem Gewissen? Hat Dein ״gesetzestreuer" Gewissensrath es Dir so ״eingerichtet?" Ach, Du hattest nie ein wahres Gefühl, weder für Deine Tochter, noch für das, was Du Deine Religion nanntest. Mich hat mein Gewissen anders belehrt. Doch lassen wir das . . . Das ists nicht, weshalb ich Dich rufen ließ. Darüber kann ich nicht mit Dir streiten. Auch nicht über Deine Begriffe von Glück und Unglück. Nur das: so kanns nicht fortgehm. Ich frage Dich, ob Du Nichts dagegen hast, wenn uns Dein vornehmer ״Schwiegersohn" zu Grunde richtet und in der erbärmlichsten Weise Dein ganzes, geträumtes Glück Schiffbruch leidet?! Denn das sage ich Dir: ich weiß jetzt, daß Baron von Westheim ein Spieler, ein Wüstling, ein schlechter Mensch — still, — ja, ein schlechter Mensch ist, dem es nur um unser Vermögen — nicht um unsere Tochter zu thun war. Daß sein kleines, armseliges pommer'sches Gütchen ungeheuer überschuldet ist und daß er uns in seinen Ruin hineinziehen wird, wenn wir ihm nicht Zügel anlegen, das wollte ich Dir sagen, damit Du es weißt. Ich aber — ich weiß nicht, wo jetzt meine Tochter weilt — ach, sie ist noch immer meine Tochter und wird es bleiben, obwohl ich jede Verbindung mit ihr meide, — — ich will nichts mit ihr und noch weniger mit ihm zu thun haben. Deshalb habe ich Dich rufen lassen . . . ." (Fortsetzung folgt.) Kerickitignng. In dem Artikel Landau in Nr. 13 d. Bl. wurden folgende Anmerkungen aufzunehmen vergessen: 1) Zu S. 101. Z. 12 von oben: ״Der Ausdruck Abba Schaul's כאלו פוגע בערוה sagt wohl dasselbe. Nur das scheint ihm noch nicht ganz fest zu stehen, ob das Kind als Bastard gelte." 2) Zu Z. 19 das. ״Die talmudische Annahme, daß die Weisen der Mischna Anfangs der Auffassung Abba Schaul's, später der der ״Gelehrten" (in d. Baraitha) gehuldigt, und es sich, wie gleich darauf auseinandergesetzt wird, nur darum drehe, ob die Worte: ״Ihr Schwager soll sie ehelichen" nur bedingt (לביצור) oder absolut (יזצוה) gelten, entstammt offenbar einer Zeit, welcher selbstständige, productive Geistesthätigkeit abhanden gekommen, und nur äußerer Autoritätsglaube und Buchstabendeutung noch in Geltung waren."