Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 1 (1.1.1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuikket on. Bertha neigte sich vor. Ihr Blick traf Semmi, in dessen Auge bei diesem Blicke ein eigentümliches Aufleuchten sicht- Die Eocltter iUh Novelle aus jber Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Traurige Stunde:: sind's, die wir am Krankenbette verbringen. Langsam schleichen sie dahin. Von Furcht und Hoffnung ist das Herz stürmisch bewegt. Wir zählen die Pulsschläge, wir lauschen den Athemzügen und den abgerissenen Worten, die den Kampf der Seele bekunden . . . denn auch j die Seele ist krank, wenn der körperliche Organismus gestört! ist ... . s Wieder ein Schrei — . . . „Adele, bleiben Sie" . . . j dann wieder Alles stille. j Bertha öffnete leise das Fenster und stützte den Kopfl auf das Sims. Ganz unten brauste noch das Leben der! Großstadt; dort unten und hier oben der Kampf ums Leben;: hoffende und bebende, traurige und freudige Herzen ... | So waren Stunden vergangen. .Endlich ward der Athem des Kranken ruhiger, seine Züge heiterer. Der Arzt kam; er, gebot die sorgfältigste Ruhe. „Die Krisis ist vorüber, der j Kranke kann genesen, wenn jede Aufregung vermieden wird.: Die Gefahr war groß; der Schlag traf die Hinteren Kopf- | theile schwer; das Gehirn war tief erschüttert .... Wenn' er erwacht, wird er seine Geisteskräfte wieder gewonnen i haben . . . ." I Bertha setzte sich wieder am oberen Kopfende des Bettes. Sie wollte nicht die Erste sein, die er beim Erwachen erblickte. i Ein langer, langer Schlaf folgte. Endlich erwachte Semmi? und sah fragend um sich. Er sah die alte Wärterin. „Suse,! Sie hier? Ich war krank, bin es noch . . . Seit wann?"! „Schlafen Sie, Semmi, ruhen Sie ..."! „Ich habe keinen Schlaf, ich bin nicht müde . . . mir j ist so wohl; nur mein Kopf ist schwer .... doch Bilder aus meiner Krankheit ziehen an meinem Geiste vorüber . . . Liebliche, zarte Hände trockneten mir den Angstschweiß von der Stirne . . . Leuchtende Augen eines Engels bewachten mich ... das waren nicht Ihre Augen, Suse, so brav und gut die auch sind. Doch wie komme ich hierher? Ach, jetzt entsinne ich mich .... an jenem Abend .... ich ging den Beiden nach . . . Sie sprachen von ... die Räuber . . ich erhielt! einen Schlag! Suse, Suse, was ist hier im Hause geschehen,! seitdem ich krank geworden? Wo ist Adele? ..."! bar wurde .... „Die Augen des Engels in meinen Träumen," sagte er. „Seien Sie ruhig, Herr Marxsohn, der Arzt hat mir befohlen, jede Aufregung von Ihnen fern zu halten; Sie könnten sonst wieder krank werden; und Sie waren sehr hart und lang krank!" „Ja, aber sagen Sie mir, Bertha, was ist geschehen? Haben die beiden Verbrecher ihr Vorhaben ausgeführt? Ist Adele entflohen?" „Adele ist verreist. Aber jetzt seien Sie ruhig, sonst gehe ich fort mit Suse, damit ich Ihnen keine Antwort mehr zu geben habe, Sie bedürfen der Ruhe, ich darf Ihnen nicht antworten . . . ." Der Kranke sank in seine Kissen zurück. „Es waren nicht Adele's zarte Hände, die mir den Schweiß von der glühenden Stirne trockneten; es waren nicht ihre Augen, die mich durch meine Träume geleiteten. Es waren die Augen dieses Engels," murmelte er. Eine lange, bange Weile verstrich. Dann setzte sich Se:nmi wieder in seinem Bette auf. „O, wie danke ich Ihnen, daß Sie sich des Vereinsamten erbarmt, der nie von so zarten Händen liebevoll gepflegt zu werden hoffen durfte. Aber nun, Freundin, .... nicht wahr, ich darf Ihnen diesen Namen geben? — Nun sagen Sie mir auch, was hier im Hause geschehen ist! Sehen Sie, ich bin ja nicht krank; ich bin gesund, kerngesund. Doch mein Herz ist voll banger Sorge. Ich war einem Verbrechen auf der Spur, als man mich traf, hinterrücks auf den Kopf schlug, man wollte mich meuchlings tödten, denn man ahnte, daß ich zu viel gehört .... ich sage Ihnen später schon, wer es war. Aber jetzt . . . ." Erschöpft hielt er inne. „Beruhigen Sie sich und ich will Ihnen Alles erzählen. Nun ja, ich war schon seit vielen Wochen, als wir noch auf dem Lande waren, nicht mehr die Vertraute Adele's, aber doch ahnte ich, was kommen mußte. Und obgleich Sie uns von Unbekannten ins Haus gebracht, weil man Sie auf der Straße wie todt gefunden, ahnte ich doch bereits den Zusammenhang mit jenem Ereigniß, das unser Haus, besonders den Commerzienrath, in so tiefe Trauer versetzte, ohne daß ich jedoch Näheres erfahren konnte. — Denn am selben Abend wurde Adele, die vorgegeben hatte, einen kurzen Spaziergang machen zu wollen, vergeblich erwartet. Sie ist seither nicht wiedergekommen. Nieinand ahnt, wohin sie gerathen, Sie ist entflohen, spurlos verschwunden. * Neu eintretende Abonnenten erhalten die Zeitschrift vom An-! die Frau Commerzienräthin, scheint es zu sang der Novelle an gegen Einsendung von 10 Silbergroschen von! wissen, denn sie ist sehr ruhig . . . ." der Verlagshandlung von I. Fr. Hartknoch in Leipzig. | (Fortsetzung folgt )