Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 1873-1874
- Issue
- 18 (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10555104-9578369-9578440--76-9578444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
76 wachsen, ein lebendiges Glied der religiösen Genossenschaft zu sein, seinen speciell jüdisch-religiösen Pflichten genügen zu können? Und dann: welche Zeit, Mittel und Wege stehen uns zu Gebote, um das in der ersten Frage angedeutete Ziel zu erreichen? In dieser ersten Frage stehen wir auf einem Boden, welcher vielleicht in einigen Dingen von den Anschauungen unserer Gesinnungsgenossen auf religiösem Gebiete im Allgemeinen abweicht. Der Jude muß vor Allem seine Geschichte, die Geschichte der religiösen Entwickelung des Judenthums, von ihrem Urbeginne an bis auf unsere Zeit kennen. Die Gründe hierfür sind so oft schon erläutert worden, es ist an und für sich so selbstverständlich, daß wir hier wohl mit Recht darüber hinweg gehen können, weil wir uns in dieser Beziehung der Uebereinstimmung Aller, insbesondere aber unserer Gesinnungsgenossen überzeugt halten dürfen. Wie die nationale Bildung überall ihre erste Grundlage in der Geschichte und dem gleichsam einen Theil der Geschichte, die Verkörperung der geistigen Entwickelung bildenden Schriftthums findet, so auch die religiöse innerhalb des Judenthums, dessen Aufgabe in ihr sich am lebendigsten ausspricht. Die Geschichte des Judenthums birgt die lebendigsten und erhabensten Zeugnisse für den Beruf desselben; und diesen erkennen zu lehren ist doch sicherlich die erste Aufgabe des Religionsunterrichts. Dann muß dem Juden die Religionslehre klar vorgeführt werden. Hier stehen wir vielleicht zu einer Ansicht, die mit derjenigen Anderer nicht übereinstimmt. Wir meinen: die Schule bedarf keiner philosophischen Begründung dieser Religionslehre. Eine einfache, faßliche Darstellung, wie sie fast ein jedes der vielen Religionsbücher bietet, reicht vollkommen hin. Der Vorzug des Judenthums ist ja die Einfachheit und Vernünftigkeit seiner Lehre. Seine Hauptlehre — der einzige und unendliche Gott — kann und soll in der Schule nicht der Gegenstand demonstrativer Beweisführung sein. — Wer zu viel beweist, beweist gar nichts. — Der Gebote sind es so wenige, sie sind mit dem sittlich-religiösen Leben und mit der Geschichte so eng verknüpft, daß für das, was man systematischen Religionsunterricht nennt, nur ein geringer Aufwand von Zeit und Kraft nothwendig ist. Man spricht zuweilen von der „Sittenlehre" und will diese zu einem besonderen Gegenstände des Unterrichts, insbesondere in interconfessionellen Lehranstalten machen. Uns dünkt, das wäre eine Phrase, wie so manche andere. Die Sittlichkeit ist im Menschenherzen so tief begründet; sie ist ebenso Gegenstand jedes bildenden Unterrichts in der Schule, daß es durchaus unnütz ist, sie zu einem besonderen Unterrichtsgegenstande, überhaupt viel Worte darüber zu machen. Leben und Beispiel, geistige Klarheit und Kraft sind die besten Quellen der Sittlichkeit. Wohl ist sie die Blüthe des religiösen Lebens und in der Religion begründet, aber mit vielen Worten demonstriren wollen, daß man nicht lügen, nicht morden, nicht unkeusch leben, seinen Nächsten beistehen und sein Leben heiligen soll, halten wir — mit Verlaub zu reden — für pädagogische Charlatanerie. Der wichtigste Gegenstand des jüdischen Religionsunterrichts bleibt unter allen Bedingungen die Kenntniß der heiligen Schrift; und zwar, so weit dies nur irgend möglich ist, in der Ursprache. Wir haben über den letzteren Gegenstand, die Kenntniß des Hebräischen, schon oft und in der verschiedensten Weise gesprochen und geschrieben. Wir haben, entgegen den Anschauungen Anderer, das Hebräische als obligatorisch für den jüdischen Religionsunterricht aufgefaßt und erklärt. Wir bleiben auch darin unseren früheren Anschauungen getreu und der Fortschritt des Lebens hat uns nicht überzeugen können, daß für den Juden irgendwie die Kenntniß des Hebräischen entbehrlich wäre. Wir beschränken uns den Verhältnissen entsprechend auf ein bescheidenes Maß. Allein, so lange die Hauptbestandteile unseres Gottesdienstes hebräisch verbleiben — und das wird, so glauben wir, so lange der Fall sein, als das Judenthum eine selbstständige Religion bildet —, so lange ferner die Bibel der Mittelpunkt des religiösen Lebens ist und ihre Kenntniß dieses fördert und stützt, — und das wird stets der Fall sein — so lange müssen jüdische Kinder im Hebräischen unterrichtet werden. Können wir uns keine Religion ohne Gotteshaus, kein Judenthum ohne Synagoge denken, so wissen wir auch nicht, was ein Religionsunterricht ohne Hebräisch bedeuten soll, da dies allein zur lebendigen Theilnahme am Gottesdienste befähigt. (Fortsetzung folgt.) Literarisches. Lajescharim Tehilla „Des braven Mannes Lob und Preis". Allegorisches Drama in 3 Acten von Mofis Chajim Luzatto. Aus dem Hebräischen übersetzt von vr. Simon Sachs. Berlin 1874. — Das bekannte Hochzeitscarmen L.'s liegt uns hier in wohlgelungener metrischer Uebertragung vor. Die Druckfehler entschuldigt der Uebersetzer selbst, aber ein Sprachfehler ist es, „obsiegt" (s. Prolog) transitiv wie „besiegt" zu gebrauchen. Eine Biographie L.'s und eine Erklärung der Allegorien sind beigefügt. Die Definition von Allegorie selbst aber ist mangelhaft. Der Uebersetzer ist übrigens als fruchtbarer und selbstständiger dramatischer und dramaturgischer Schriftsteller bekannt. Es existiren 22 verschiedene Dramas von ihm, auf welche wir besonders Liebhaber- und Haustheater aufmerksam machen. Sie sind vom Dichter selbst zu beziehen (Berlin, Universitätsstraße 5). vr. R. i Herausgeber und verantwortlicher Redacteur I. Klingenstein in Ingelheim. —Verlag von Johann Friedrich Hartknoch inLeipzig. Druck von Heinrich Fischer & Co. in Leipzig. 11