Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 1873-1874
- Issue
- 5 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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schen Vorlesung eingeladen, so habe ich solches nur im Interesse der Schule, in Ihrem Interesse gethan, um Ihnen einen Einblick in die Erziehungskunst zu gewähren, damit Sie sich immer mehr für Schulangelegenheiten interessiren mögen und Ihre elterliche Erziehung, die Sie Ihren Kindern angedeihen lassen müssen, in positiver und negativer Weise modificiren können. — Die Schulfrage ist heute eine der wichtigeren. Was früher bloß Sache pädagogischer Zeitschriften gewesen, ist heute Sache der politischen Presse. Lesen Sie die Berichte, wie man aller - wärts mit der größten Energie darangeht, die Schule zu heben, sie zu befreien sucht von mittelalterlichen Institutionen, welche sich ihrer freien Organisation hindernd in den Weg gestellt; denn man hat angefangen die Wahrheit des Satzes: „Bildung gibt Macht" einzusehen und zur freien Entwickelung und dem Wohlstände eines braven Bürgerstandes kann nur durch eine gut organisirte Volksschule der Grund gelegt werden. Ich will nun, um auf die Sache zurückzukommen, durchaus nicht gesagt haben, daß besonders Sie, verehrte Eltern meiner Schüler! kein Interesse für die Schule hätten; nein, scheuen Sie doch weder Kosten noch Opfer, Ihren Kindern eine ordentliche Schulbildung angedeihen zu lassen; aber es frägt sich: haben Sie auch in allen Theilen das wahre Interesse im Auge? Sehen Sie, damit allein, daß Sie Ihre Kinder der Schule übergeben, kann noch nicht alle Bildung erreicht werden, denn zu einer wahren Bildung gehört mehr als Kenntnisse, auch Anstand, Sitte und der Tugenden so viele, deren Pflanzstätte eigentlich das Haus, die Familie sein sollte. Haus und Schule sollten mehr Hand in Hand gehen und sich gegenseitig helfen. Wenn es aber, wie hier Sitte ist, daß man nicht einmal den jährlichen Schulprüfungen beiwohnt, so kann das richtige Interesse noch nicht vollständig vorhanden sein. Je mehr das Interesse für Schule wächst, desto mehr wird sich auch die häusliche Erziehung veredeln und das wird nicht wenig zur Hebung der Schule beitragen. Ja, sehen Sic, bevor das Kind noch einmal die Schule betreten, kann schon Vieles gutgemacht oder verdorben sein. Dieses Ihnen klar zu thun, dazu möchte ich mir auf eine kurze Zeit Ihre gütige Aufmerksamkeit erbitten. Ein bedeutender Pädagoge — freilich ein Franzose, was uns Deutschen aber von jeher einerlei gewesen, ob das Gute in That und Wort, vom In- oder Auslande gekommen, es fand immer seine Anerkennung — hat behauptet, daß von Geburt alle Menschen von gleicher Intelligenz seien, das hieße: alle kämen mit gleichen geistigen Anlagen und Fähigkeiten zur Welt. Wenn ich den Satz auch nicht in seinem ganzen Umfange für wahr anerkennen kann, denn es gibt entschieden auch Dummköpfe von Geburt, so bleibt doch so viel gewiß, daß auch Dummköpfe erzogen werden, d. h. durch falsche, mangelhafte Erziehung können auch die geistigen Fähigkeiten abgestumpft, vernachlässigt, verdorben werden. Die Naturgemäßeste Erziehung der Kinder wäre eigentlich Sache der Eltern, wie auch Pestalozzi, ein Stern erster Größe an Europens Pädagogenhimmel, eine eigentliche Erziehungsmethode: wie Mütter ihre Kinder erziehen sollen, aufgestellt hat. Denn betrachtet man die minder geistig begabten Wesen: Wer lehrt dem jungen Vogel die Melodei'n? Wer der Spinne das Netz weben? —Die Alten. Die Alten machen es vor — die Jungen machen es nach, so lange bis sie ihre Kunst in höchster Vollendung, daß kein Mensch sie nachzuahmen im Stande wäre, inne haben. Nun ist freilich der Mensch ein freieres Geschöpf und verlangt demgemäß eine ganz andere Einwirkung, wenn er seine Bestimmung erreichen soll, als bloße Nachahmung; allein so viel ist gewiß, daß den Eltern am meisten daran gelegen sein muß, wenn ihre Kinder geistig gestärkt, ihr Wille gekräftigt und gefestigt werde. Denn auf wen füllt am Ende, wenn die Erziehung gelungen ist, ein größerer Theil des Dankes, vielleicht auch der Ehre in der öffentlichen Meinung, als auf sie? Kennen sie ja die Individualität der Kinder, die beider Erziehung von großer Wichtigkeit ist, am besten. — Das „Bewußtsein der Abhängigkeit der hülflosen Geschöpfe von ihnen, welches kein anderer mit den Eltern, als höchstens die Amme im ersten Jahre, in dem Grade theilen kann, verstärkt das Interesse, das sie an ihnen nehmen. Das väterliche Haus, die Familie scheint überdies der angemessenste Boden, in welchem das' Kind heraufwachsen kann, gleich einer jungen Pflanze, der jede zu frühe Versetzung nachtheilig würde, vielleicht selbst da, wo der fremde Boden der bessere wäre. Nur da ist es möglich, solche Eindrücke zu bekommen, nur da können solche Gefühle geweckt werden, von welchen zu wünschen ist, daß sie in einer jeden menschlichen Brust eine gewisse Stärke gewinnen. Elternliebe, Geschwisterliebe, Sinn für häusliches Glück, frohe Theilnahme an Familienscenen — lauter Empfindungen, welche die Keime des allgemeinen Humanitätsgefühls enthalten. Kinder, welche der Zufall, oder die Bequemlichkeit, vielleicht auch nur die irrende Einsicht ihrer Eltern, zu frühe aus dem Hause unter fremde Menschen verstößt, hören vor der Zeit auf, Kinder zu sein, kindlich zu empfinden, sich kindlich anzuschließen, selbst kindlich zu fehlen, ohne deshalb besser als andere zu sein." (Niemayer.) Doch ich glaube nicht, daß je die Zeit kommen wird, wo die Mütter uns Lehrern Concurrenz machen werden; fehlen ihnen doch dazu Zeit, Geduld, und, was noch mehr sagen will, pädagogische und psychologische Kenntnisse. So ist es aber auch meinerseits nicht gemeint; ich habe nur hier die Erziehung im Auge — der Unterricht muß ja immer Sache der Schule bleiben — und da bedarf es keines Zweifels, daß die Eltern ihr Scherflein dazu beitragen können, ich möchte in ihrem Interesse sagen, müssen.