Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 136)
- Language
- German
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124 Die Voraussetzungen der jüdischen nationalen Autonomie in Litauen. Nationalgefühl wurde durch die russische Administration so weit unterdrückt (während mehr als 40 Jahren bestand ein Verbot, in litauischer Sprache was es auch sei, sogar Gebetbücher zu drucken), dass in dem Augenblick, wo durch die politischen Ereignisse begünstigt, die litauischen politischen Führer an die Schaffung eines selbständigen Staates herantreten konnten^ die geistige Nationalbewegung, der gesamte Kulturzustand Litauens und vor allem die Verbreitung der litauischen Sprache noch bei weitem nicht soweit gediehen waren, dass die Litauer allen anderssprachigen Elementen des Landes mit assimilierenden Tendenzen und Forderungen gegenübertreten konnten. Auch waren die Lehren der Vorkriegsperiode instruktiv genug, um nicht die grossen Schwierigkeiten des Staatsaufbaues durch internationale Reibungen noch zu erschweren. Die Gesamtheit all dieser positiven und negativen Momente hat dazu geführt, dass seit Beginn der Existenz Litauens als eines unabhängigen Staates, seit Bildung der ersten litauischen Regierung nach der deutschen Revolution, der jüdische Teil der Bevölkerung Litauens als solcher, als nationale Einheit, sich an der politischen Tätigkeit beteiligt hat. Die Bildung eines Ministeriums für jüdische Angelegenheiten war das äussere Merkmal der Anerkennung der jüdischen nationalen Eigenart. Wie schon oben betont wurde, entstand überall, wo man das jüdische Leben in nationalere, volkstümlichere Gestalt kleiden wollte, innerhalb des Judentum eine Opposition, die von dem assimilierten Teil der Intellektuellen getragen wurde. Dieser widersetzte sich den nationalen Bestrebungen hauptsächlich, um seine auf dem Wege der Assimilation erworbene gesellschaftliche Position zu wahren. In Litauen war dieser Weg verschlossen: eine Assimilation an die Majoritätsnation war vorerst unmöglich, die frühere Assimilation aber, die russische, war staatsfremd (in gewissem Sinne sogar als staatsfeindlich empfunden). Auf diese Weise war die Einheitsfront innerhalb des Judentums gegeben, wenigstens in Bezug auf das zu erstrebende Ziel. So geschah das, was die Schaffung der nationalen Autonomie in Litauen am meisten begünstigte, das Zusammenwirken des Staates mit den national-gesinnten Elementen im Judentum. In allen anderen Staaten, wo man an die Herbeiführung der nationalen Autonomie herantrat, waren die führenden Kreise des Staates, wenn nicht offen, so heimlich in Opposition: sie wollten die jüdische Bevölkerung durch Entnationalisierung für sich gewinnen. Hier wusste man hingegen, dass dies vorerst unmöglich ist, dass die Schwächung der national-jüdischen Elemente innerhalb der jüdischen Gesellschaft nicht der litauischen Sache zugute kommen würde.