Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 125)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7938572-9582826--126-9575470- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
113 G'aube und Rilus. menhang liegt tiefer. Er ergreift als Totalität der Normen die Totalität des jüdischen Volkslebens. Gewisse religiöse Normen gleichen der Schilddrüse, deren Funktion für das Gedeihen des menschlichen Körpers man lange nicht verstand, die man für überflüssig zu halten begann, — bis plötzlich ihre lebenswichtige Bedeutung im Licht neuer Forschungen hervortrat. So haben gewisse religiöse Vorschriften schon im Altertum das jüdische Volk vor der Hellenisierung, im Mittelalter und bis heute vor der Assimilation geschützt. — Unsere liberalen Grosseltern waren sehr klug. Sie fanden den Gebetsatz „Nächstes Jahr in Jerusalem“ überflüssig; die Begeisterung der nächsten Generation aber stellte gerade diesen, von „fortschrittlichen“ Rabbinern vielfach schon gestrichenen Satz in den Mittelpunkt. — Der Vorschrift, dass zehn Männer nötig sind, um gewisse Gebete verrichten zu können, mag manche mystische Absicht zugrunde liegen. Ihre praktische Folge aber war, dass die völlige Zersplitterung der Juden und die damit verbundene Assimilätion verhindert, die Gemeindenbildung erleichtert wurde. Aehnliche Wirkung hatten die so bizarr anmutenden Speisegesetze. So ist fast überall zwischen der offenen und der geheimen Absicht eines Gesetzes zu unterscheiden. Und immer noch hat dex geschichtliche Ablauf ex post gezeigt, dass die religiösen Bestimmungen des Judentums klüger sind als ihre klügsten Interpreten. — In unbegreiflicher Instinktlosigkeit verleugnet heute mancherorts die jüdische Orthodoxie den Zusammenhang der jüdischen Religion mit dem jüdischen Volkstum. Das deutet daraufhin, dass die überlieferten Formen heute nicht mehr ausreichen, dass sie ihren inneren Sinn zu verlieren beginnen, mögen sie von aussen her noch so sehr den alten Lebensformen gleichen. Von verschiedenen Seiten dringt man auf „Erneuerung“. Doch finde ich, dass von den „Erneuernden“ noch nichts vorgeschlagen oder vorgelebt worden ist, was befriedigen könnte. Auch ich glaube an eine Erneuerung des Judentums. Aber sie ist nur in denen möglich, die einen starken Glauben, also Sinn für das Geheimnis und für die Wahrhaftigkeit (für beide in gleichem Masse) haben. Das Geheimnisvolle, das scheinbar Absichtslose, hinter schrullig aussehenden Vorschriften Verborgene, — dieses stille und bescheidene Leben des jüdischen Volksgeistes gilt es ganz tief im Herzen zu empfinden, nachzubilden womöglich. Ein gigantisches Beispiel ist die Ueberlieferung des hebräischen Bibeltextes. Sie geschah unter den merkwürdigsten Vorschriften und Veranstaltungen. Gelehrte einer eigenen Schule, die Massoreten, zählten die Buchsstaben jedes einzelnen Buches, stellten z. B. fest, dass der Buchstabe Aleph vierzigtausendundetlichemal in der Heiligen Schrift vorkommt, konstatierten zur Sicherheit, welches das mittelste Wort und der mittelste 8