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Juedischer Almanach für Gross-Rumänien · 1922-01-01 · 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI · p. Seite 65

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Journal
Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
Volume
1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
Date
1922-01-01
Page
Seite 65 (sequence 73)
Language
German
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IRI
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Das ewige Martyrium. 65 dct, einen Fuss ohne Schuh, einen Damenhut mit wallender Feder am Kopf. Nein, das sind keine Märchen. Es ist Wahrheit gewesen. Ebenso wahr, wie der Zuruf eines ähnlichen Kerls an einen Juden: „Zeig die Hände her, oh, die sind weiss, also du arbeitest nicht, dich muss ich erschlagen“. Und die Bolschewiken, die im Hotel gehaust haben! An einem Samstag haben sie vor der Synagoge ein Schwein geröstet, um einen Rabbi zu ärgern, der dort betete. Volkserziehung. „Nein, das Leben ist zu schwer für uns. Und keine Freude. Und was wird uns der Sommer bringen? Nein, wenn wir das noch einmal durchleben müssten, wäre es besser, ein Ende zu machen“. Die Sabbathkerzen sind tief herabgebrannt und zitternde Schatten fallen aut einen billigen Druck eines Ahasverbildes. * * * Nowo-Wischweh, Juli 1921. Man kann noch nicht schlafen und der rührigste Mensch in Nowo-Wischweh begleitet mich durch das pogromierte Dorf. Einer Witwe könnte man durch die Reparatur ihres Daches aufhelfen, einige Waisen muss man in ein Heim nach Kowel schicken, ein Mädchen muss nach Rowno zu einem Augenspezialisten. Die grosse Welt draussen muss dem Häuflein Ueberlebender mittragen helfen. Am Ende des Dorfes fängt der Wald an. Dort waren viele Juden verborgen, als der Pogrom wütete. Wochenlang. Des Nachts schlich man sich zu Bauern und bettelte Brot. Diesen aber war es verboten, zu helfen. Wer gut war, erlaubte es, aus dem Garten eine Rübe oder Kartoffeln zu nehmen. Und die Kinder? Das war das Schrecklichste. Eine Frau konnte ihr Kind nicht mehr beruhigen. Es weinte laut. Es waren zwanzig Menschen zusammen. Sie war bereit, das Kind zu töten, damit sein Jammern die anderen nicht verrate. Doch die anderen verhinderten es. Sie wollten eher sterben. Die Gefahr ging vorüber. Im Nachbardorf aber geschah das Grässliche. Ein Mutter hat in Verzweiflung ihr weinedes Kind an ihrer Brust erstickt, um die Erwachsenen zu retten. Es sind eben ukrainische Juden. Und Jüdinnen. * * Wie oft ist der Schrei höchster Qual ungehört verhallt in jenen weiten Ebenen? Verschlungen von der stillen Nacht der Ukraina, die sich spannt über alles, — weit und rätselvoll, — wie die russische Seele. 5

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