Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 39 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 153 — Leckt dann vergnügt ihre Pfötchen, was nach aller Vernünftigen Meinung Besuch bedeutet, und da sie auf die Familienszene herabsieht, die sich in dem baufälligen Nachbarhause abspielt, so weissagt das der dort unten weilenden Schusterfamilie einen unerwarteten Besuch. Der reiche Bankier ist am Ziele, denn' an dem Hause prangt ein kleines Schild, auf dem mit goldenen Lettern die Worte: „Aron Da Costa, Schuhmacher" stehen. Er bleibt beobachtend von ferne. Eine alte Frau mit sauberer weißer Haube bat auf der Bank allerhand Familienporzellan und kupfernes und zinnernes Geschirr aufgestellt, das sie emsig reinigt und blitzblank polirt. Gleichzeitig ist ein alter Mann eifrig bemüht, das Schuhwerk der ganzen Familie zu putzen, bei welcher Arbeit seine hübsche sechzehnjährige Tochter, ein neun- und ein fünfjähriger Sohn bewundernd zusehen. Der Alte ist offenbar seelenvergnügt, und der Bankier kann es auch aus seiner tauten Rede entnehmen, welche Freude es ihm macht, am Ausgange der Woche die Werktagsarbeit damit zu beschließen, daß er sein Handwerk für die Seinen ausübt. „Kein Stäubchen," sagte er, „darf am Sabbat auf Euern Schuhen, auf Euern Seelen und auf Euern Herzen bleiben. Am Tage des Herrn muß alles eitel Glanz und Sauberkeit sein. Einen Bräutigam nennen unsere Weisen den Ruhetag, und wer wird einen solchen anders als fleckenrein empfangen wollen? Alle Sorgen des Alltaglebens fallen von mir ab, wenn ich Euch gebenscht (gesegnet) habe und dann in den Tempel gehe, und kehre ich dann zurück und finde alles, was mir lieb nt, um den gedeckten Tisch versammelt, auf dem die zinnernen Leuchter meiner gottseligen Großeltern mit strahlenden Kerzen stehen, dann tausche ich wahrlich nicht mit den reichen Börsenfürsten Amsterdams, die alle Tage Jomtef (Feiertag) haben und deshalb gar nicht wissen, wie der Festtag erfreut, wenn ihm eine harte Arbeitswoche vorausgegangen ist. „Ihr habt, wie es scheint, von den Börsenfürsten keine gute Meinung, Da Costa," spricht Moritz Cohn, indem er langsam näher tritt. „Eure Kinder scheinen aber anders zu denken. Ich bin der Prinzipal Eures Sohnes Paul, der sich in neuerer Zeit in meiner Villa sehr wohl fühlt, besonders, avenn ich nicht zugegen bin. Das ist Eure Tochter Esther, nicht wahr? Nun, sie ist nicht übel, wenn ich auch meinem Julius mehr Geschmack für Eleganz und Geschick zugetraut hätte." „Mynheer Cohn? Ich muß doch sehr bitten!" „Nichts für ungut, Vater Da Costa; Ihr scheint ein ganz braver Mann zu sein, und deshalb komme ich selbst zu Euch. Natürlich liegt mir die Zukunft meiner beiden Kinder am Herzen." „Nicht mehr wie mir, Mynheer Cohn!" „Lieber Freund, Ihr könnt bei dem Geschäfte in jedem Falle nur gewinnen; bei mir ist das mindestens zweifelhaft. Kann ich Euch gleich geschäftlich auf eine halbe Stunde allein sprechen?" „Jetzt eine halbe Stunde vor Sabbathanfang? Nein, Mynheer Cohn. Ich habe knapp so viel Zeit, mich umzukleiden, um in den Tempel zu gehen. In solcher Zeit habe ich keinen Sinn für' Geschäfte, wie Ihr es zu nennen beliebt. Entschuldigt mich. Ich will Euch Sonnabend Abend in Eurer Wohnung aufsuchen." „Wie es beliebt, Da Costa. Ganz Amsterdam kennt mein Kontor. Auf Wiedersehn!" Damit dreht der Bankier dem Schuster verächtlich den Rücken und verschwindet, die Familie Da Costa in einem Zustande zurücklassend, in dem sich Betroffenheit mit Aerger und gleichzeitiger Bewunderung vermischt. „Esther, mein Kind, ein Wort zu meiner Beruhigung. Liebst Du den jungen Cohn? Sag' mir die reine Wahrheit: ich bitte Dich!" „Herziger Vater, nein. Julius Cohn scheint mir ein seelensguter Mensch zu sein, aber er gefällt mir doch nicht so, daß ich seine Frau werden möchte, und noch weniger möchte ich die Tochter jenes Mannes mit dem kalten, höhnischen Wesen werden, der Euch und mich stets verachten würde." „Brav, meine Esther; segne Dich Gott für das Wort, Du mein Herzenstrost! Wie mag es aber mit Paul stehen?" „Ich fürchte, Väterchen, er hat sich in Anna Cohn. ernstlich verliebt, und wenn sie ihn wieder liebt, was schadet's? Ist er nicht bildschön, gelehrt und geschickt? Kann nicht ein Mann wie er nach dem Höchsten streben?" Der Alte schüttelt den Kopf und geht rasch ins Haus, um nicht den Tempel zu versäumen. Als er aus dem Gotteshause zurückkommt, ist seine Stirn nicht mehr von Sorgen durchfurcht, sein Gang nicht mehr gebückt; aufrecht und heiter betritt er seine Wohnung, wo schneeiges Linnen dett Tisch bedeckt, auf dem lichte Kerzen glühen und die mit Mohn bestreuten Sabbathbrode liegen. Da Costa ist nicht allein nach Hause gekommen; er hat einen Gast mitgebracht, seiner Schwester Sohn, einen jungen, hochgewachsenen Mann lnit dichtem Kraushaare und.wolligem Vollbart, dessen hohe Stirn und geistvoll blickende Augen das sonst nicht auffallend schöne Gesicht zieren. Der Neffe Da Costa's, bisher Lehrer an der Religionsschule zu Arnheim, ist nach Amsterdam gekommen, um die Gräber seiner Eltern zu besuchen, welche die.Freude nicht mehr erlebt haben, ihren Sohn die Kanzel betreten zu sehen. Joseph Meyers hat nach dem Ableben des Predigers in Arnheim eine Probepredigt gehalten und hofft zuversichtlich, die vakante Stellung zu erhalten, eine Aussicht, die er einstweilen für sich behält und seiner Familie noch nicht mittheilt. Indessen nimmt er an dem Tische des Onkels den Platz ein, der sonst dem Sohne des Hauses gehörte, bevor er seine Freitag-Abende in der Gesellschaft der Familie seines Chefs verbrachte. Die Suppe ist verspeist, und Esther verfügt sich in die Küche, um den Hecht aufzutragen, der als das eigentliche Sabbatgencht gilt. Inzwischen fordert der Hauswirth seinen Neffen auf, etwas aus dem Schatze seines Wissens mitzutheilen, denn ohne ein Gotteswort sei jedes Festmahl wie ein Todtenopfer. „Mit Deiner Erlaubniß, lieber Onkel, möchte ich den Segen preisen, der dieses Haus jetzt in der stillen Weihestunde umpfängt, welche die arbeitsvolle Woche abschließt und den heiligen von Gott in hoher Weisheit eingesetzten Ruhetag einleitet. Unwillkürlich fallen mir dabei die Worte des Psalmisten (Ps. 128) ein: „Wenn Du Dich nährest von der Arbeit Deiner Hände, Heil Dir und wohl Dir!" und der Kommentar der Rabbinen zu diesem doppelten Segensspruche: „Heil Dir in dieser Welt, und wohl Dir in der seligen drüben im Jenseits!" Aller Laster Anfang ist der Müssiggang, alles Segens Anfang die Arbeit. Sie ist es, die Leib und Seele gesund erhält, die uns unabhängig macht von der Güte anderer Menschen, die uns schützt vor frevelndem Uebermuthe und uns erhebt durch die Freude an dem, was wir wissen und können. Aus der Arbeit erwächst erst das Denken, das den Menschen höher stellt als die vernunftlosen Geschöpfe, die nur thun, was sie müssen; denn dazu wurde dem Menschen der Verstand, daß er im inneren Herzen spüret, was er erschafft mit seiner Hand! Und hat der Mensch erst die geistige Höhe erklommen, zu arbeiten und zu denken, dann ist ihm die höchste Stufe der Veredelung nicht mehr unerreichbar, — die Liebe. Ec lernt es schätzen, was ihm Gott gegeben, die Arbeit und die Frucht der Arbeit, den bescheidenen Lohn und diejenigen, die ihm arbeiten, genießen, denken und lieben. Sechs Tage in der Woche sind der Arbeit gewidmet, aber der siebente ist höherer Art, er ist dem Denken geweiht, daß sich in der Ruhe und Sammlung dem Schöpfer alles Guten zuwendet und der Liebe, die im Kreise eines innigen Familienlebens den Himmel auf Erden zaubert. „Sein Haus", erklären unsere Weisen, „das ist seine Frau," und das Weib des rechtschaffenen Mannes wird in den Psalmen und in dem Prediger Salomonis so vielfach als Segen gepriesen und poetisch verherrlicht, daß es.