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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 15 (1886) · p. Seite 59

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
15 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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— 59 — zichtet, darauf hin will man auch auf mich eine Pression ausüben und wagt es, denke Dir, von mir zu verlangen, ich solle — meine Hypothek —" Sie konnte nicht vollenden; eine Art Herzkrampf stellte sich ein, das Bewußtsein schwand, halb ohnmächtig lag die korpulente Frau in den Armen der Tochter, die verzweifelt nach Hilfe rief. _ Einer der ersten, der herbeikam, war vr. Sanders. Den ersten Augenblick wollte er zurückweichen und den Procuristen, mit dem er eben conferirt, hersenden, doch nur einen Moment überlegte er. Schnell sprang er herbei, die fast leblose Frau mit Wasser zu benetzen, sie aus einen Divan zu legen und Jlka, die jetzt selbst einer Ohnmacht nahe war, beizuspringen. „Lassen Sie mich," bat sie, seine Hilfe abwehrend, „nur einen Arzt für die Mutter!" Frau Rachelle preßte die Hände auf die Brust zusammen, als ob da ein furchtbarer Schmerz wüthe. Weißer Schaum lrat ihr auf die Lippen; vergeblich rang sie nach Athem. „Ich sterbe," rief sie dem Ersticken nahe. „Gott gerechter, verzeih' mir meine Sünden!" — Bewußtlos sank sie in Jlka's Arm zurück. — Ein Herzkrampf hatte dem vielbewegten Leben der armen, reichen Frau ein Ende gemacht. — Stumm, bleich, ein Bild des tiefsten Seelenschmerzes saß Jlka an ihrem Lager. Sie hatte keine Thrünen mehr. Ihr Herz war wie ausgebrannt. „Trösten Sie sich, Jlka," hörte sie jetzt eine Stimme, die ihr wie Sphären-Musik klang, dicht an ihrem Ohr; „nicht dieser dumpfe Schmerz! Kommen Sie zu sich!" Sie blickte aus. Ihr zur Seite stand Sanders, der sie mit theilnehmenden Augen betrachtete. „Ellimar!" rief sie, sich selbst vergessend. „Sind noch nicht der Leiden genug? Bin ich für Alles, was ich Dir gethan, nicht hart genug gestraft! Nun auch die Mutter dahin!" rief sie schmerzbewegt. „O Gott, Gott! Wie ist es möglich, daß ein Mensch all' das ertragen kann!" „Tröste Dich, Jlka," beruhigte vr. Sanders, „ich bin bei Dir, wie ehedem, fasse Muth! Verzage nicht, Herz! Auch diese Zeit wird vorübergehen! Es war nur eine Prüfung." Doch sie hörte ihn nicht. In erlösenden Thränen suchte sie jetzt den sie verzehrenden Schmerz zu lindern. Als der Arzt kam, konnte er nur constatiren, daß der Tod bereits 10 Minuten zuvor eingetreten. Erstaunt blickte er um sich, als er vr. Sanders und Jlka nebeneinander sah. Sie hatten sich gefunden und verstanden, ohne daß eine Vermittelung nöthig gewesen. Angesichts des Todes war Alles vergessen. Sanders sah ihren tiefen Schmerz, er hörte ihre herzbewegenden Worte, das rein menschliche Mitgefühl trieb ihn, der Armen beizustehen, und ehe er es geahnt, war, indem er zu ihr sprach, alles Weh und Leid vergessen, er fühlte nur noch die Pflicht, sie zu trösten, ihr in der Stunde der Noth ein treuer Freund und Berather zu sein. „Arme Mutter," sagte Jlka, die entstellten Züge der Heimgegangenen betrachtend, „sie hat es nicht überleben können, so sehr hing ihr Herz an dem Gelde, das —" ,/Jhr ist wohl," unterbrach sie vr. Sanders, indem er Jlka von dem Divan, auf dem die Todte lag, hinweg zu führen suchte. „Laß mich hier," bat sie, „so lange ich wenigstens die Mutter noch habe! Bin ja allein und verlassen in diesem öden unseligen Hause! Der Vater fort, die Geschwister fort, auch die Mutter werden sie nur zu bald —" „Tröste Dich, Jlka," unterbrach sie der junge Mann; „ich bleibe bei Dir! Du bist nicht verlassen, so lange ich an Deiner Seite bin!" Jlka weinte still vor sich hin, ihr Haupt in den Händen verbergend. Sie mochte ihn nicht ansehen, so sehr überwältigte sie Scham, Reue und Schmerz. vr. Nels, der alte Freund des Hauses, ermahnte sie jetzt seinerseits, sich nicht zu sehr aufzuregen; die Mutter habe ja einen leichten, schmerzlosen Tod gehabt, auch das sei ein Glück! Auf seinen Arm gestützt, wankte sie, selbst einer Leiche gleich, aus dem Todtenzimmer. — Sie wußte nicht, was mit ihr geschah. Ein brennend heißer Schmerz, der ihr das Bewußtsein raubte, wühlte ihr in den Schläfen. Man brachte sie zu Bett, kühlte den Kopf mit Eis, doch trotz aller schnell bereiten Hilfe trat gar bald ein heftiges Fieber ein. Jlka phantasirte, raufte sich die Haare aus, war kaum zu beruhigen. Sanders wich nicht von ihrem Bette. Kein Fremder durfte hören, was sie sprach. Jetzt erst, da sie bewußtlos ihm ihres Herzens süßes Geheimniß verrieth, wußte er, was er ihr gewesen. „Sie haben," rief sie in wildem Fieberparoxismus, „Dein Bild aus meinem Herzen zu reißen gesucht! Ich war mit Blindheit geschlagen, ich glaubte, jene Briefe, die man mir zeigte, seien echt, sie waren gefälscht, ich weiß es, Du hattest keine Geliebte, als Du mir von Liebe sprachst — Du warst treu und wahr, ich aber — ich habe Dir — o Gott," unterbrach sie sich, „wie sticht die Natter mein Herz! Es blutet: Es ist von tausend Stichen —" Erschöpft sank sie dann in die Kissen zurück, nicht ahnend, daß Derjenige, der ihr den Schweiß von der brennend heißen Stirn wischte, derselbe sei, den sie in ihren Fieberphantasien herbeisehnte. Sonderbarerweise sprach sie nie vom Grafen. Ec war für sie ein Verschollener. Die Mutter ward hinaus zur letzten Ruhestätte getragen, ohne daß die Tochter etwas davon wußte. Von all' den wohlmeinenden Freunden, die ihr Haus zu bevölkern pflegten, folgte ihr Keiner. Auch Norbert war nicht zum Leichenbegängniß erschienen; Niemand wußte, wo er weilte. Sanders hatte gehofft, daß Leo Braun und sein Schwiegersohn kommen würden. Sie kamen nicht. „Es widerstrebt uns," schrieb Leo Braun, „eine so nahe Verwandte auf den christlichen Friedhof zur Ruhe geleiten zu sollen. Telegraphire, ob Jlka bei Bewußtsein; meine Rosa kommt morgen, um Dir in ihrer Pflege zur Seite zu stehen." Sanders war der Einzige von all' denen, die je zum Braun'schen Hause in näherer Beziehung gestanden, der hinter dem Geistlichen einherschritt. Er hatte nicht viel überlegt, ob er folgen sollte oder nicht; es that ihm wehe, als er, da man den Sarg hinaustrug, Niemand außer den ofsiziellen Personen gewahrte. — Er ging mit, weil es ihm war, als müsse er eine Art Sohnespflicht erfüllen. Frostig und kalt war es bereits draußen auf dem Kirchhofe. Der Prediger sprach die üblichen Gebete; man senkte den Sarg hinab; keine Thrüne folgte der armen, reichen Frau in die kalte Erde. Hatte man wirklich hier eine Frau, die Gattin und Mutter gewesen, zur Ruhe bestattet? Tiefbewegt trat Sanders den Heimweg an. Er fand Jlka ruhiger, das Fieber schien nachzulassen; doch erkannte sie ihn nicht. Der Arzt kam, fühlte den Puls und Sanders ängstlich auf sich gerichteten Blick gewahrend, sagte er: .Lieber Freund, jetzt ziehen Sie sich, um die Kranke nicht unnöthig aufzuregen, zurück. Sie wird leichter gesunden, wenn Sie nicht da sind. Ruhe ist ihr, wenn sie wieder zu sich kommt, vor Allem nöthig."

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