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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 15 (1886) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
15 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 — kommen, stand sie plötzlich vor der Eingangspforte der ihr wohlbekannten Synagoge. Vor derselben stand Herr Löwy in vollem Festornat, damit beschäftigt, den eben geleerten Tempel zu schließen. Wie immer lagerte eine Wolke des Unmuthes auf seiner Stirn und ein breites, halb unterdrücktes Lächeln um die Mundwinkel. Als er Lea's ansichtig wurde, erhellte sich sogleich das verwitterte Gesicht, und sie begrüßend, rief er, als ob er sie erst gestern gesehen hätte: „Na, da sind Sie ja, ich wußte, daß sie kommen würden. Aber Sie scheinen in der Zeit, da ich Sie nicht gesehen, sich merkwürdig verändert zu haben". Er unterbrach sich und unterzog sie einer aufmerksamen Musterung. „So nobel! Verzeihen Sie, daß ich so frage, haben Sie das große Loos gewonnen?" Lea errölhete bis an die Haarwurzeln. „Meinem Manne ist eine Erbschaft zugefallen, und, weil ich gerade davon spreche, möchte ich Sie ersuchen, vielleicht sollten Sie etwas für Ihre nothleidenden Bethhausbesucher bedürfen;" — sie zog ihre Börse. „Das ist Alles recht schön und gut und Manchem thut rechtzeitige Hülfe noth, — aber heute am Samstag;" — er blickte scheu um sich — „stecken Sie nur Ihr Geld wieder ein, ich könnte sonst, wenn Jemand uns sehe, leicht um meinen kärglichen Posten kommen". „Verzeihen Sie", rief sie bestürzt, „ich wollte Sie in Ihren religiösen Anschauungen und Gefühlen gewiß nicht verletzen, aber meine unselige Vergeßlichkeit — Unkenntniß sollte ich vielmehr sagen — ich weiß ja gar nicht mehr, zu wem ich gehöre". Sie wendete sich weg. um eine aufsteigende Thräne im Auge zu zerdrücken. „Nun, nun", sagte der Alte besänftigend, „Sie müssen sich nicht Alles gleich so zu Herzen nehmen. Aber, wie ist mir nur, Sie kommen mir überhaupt gar so traurig vor, ein so junges Blut, so schön und", — kopfschüttelnd sann er einen Augenblick nach. „Wissen Sie was", Hub er wieder an, „ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen; kommen Sie mit mir, meine Wohnung ist ganz in der Nähe, kaum zehn Minuten weit. Ich habe ein Weib, von dem der königliche Sänger sagt: „es ist besser, als Perlen und köstliches Geschmeide;" von ihren Lippen fließt der Honigseim der Rede. Sie wird besser wissen, wo es bei Ihnen fehlt, ihr werden Sie sich gewiß anvertrauen. Entschließen sich doch die Frauen leichter zur Mittheilung, wenn sie untereinander sind, und meine Frau vollends kann Einem schon gar das Herz auf die Zunge locken; — nun Sie werden doch sehen". Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, setzte er sich in Bewegung und Lea folgte ihm, sie wußte selbst nicht weshalb. Bald standen sie in der niederen Empfangs- und Speisestube des Herrn Löwy, über die ein besonderer Hauch sabbathlicher Weihe gebreitet war. Das ganze schmucklose, fast ärmliche Mobiliar zeugte von einer nahezu peinlichen Sauberkeit, auf allen Tischen waren schneeweiße Linnen gebreitet und von dem kleinen Kredenz herab blickte, zwischen Tellern und Tassen, die sechsarmige, zinnerne Sabbathlampe. Am Fenster vor einem kleinen Tischchen, den Kopf über ein an den Ecken stark abgegriffenes Buch gebeugtdas Buch der Bücher, saß die Beherrscherin dieses kleinen Raumes, eine kleine Frau, die etwa um zehn Jahre jünger schien, als ihr Gatte. Ihr glatt gescheiteltes, stellenweise schon ergrauetes Haar steckte in einer schneeweißen Haube, deren Garnirung das runde, freundliche Gesicht eng umrahmte, die grauen, lebhaften Augen blickten durch eine gewaltige Hornbrille, die sie beim Geräusch, das die Eintretenden verursachten, abnahm, um sich über die Art des Besuches zu orientiren. Dann stand sie schnell, die weiße Schürze glättend, auf, während ihr kluger Blick sich fragend auf den Gatten richtete. „Die Dame, von der ich Dir neulich erzählte", erwiderte er ihre unausgesprochene Frage, „und da ist meine Esther, Madame. Und jetzt sprechen Sie mitsammen", schloß er chmunzelnd die Vorstellung, „und Sie werden sehen, wie's geschlagen hat. Wo sind die Kinder?" Mit diesen Worten verschwand er durch eine Seitenthür. Esther ging unbefangen auf die elegante Dame zu und bot ihr die Hand. „Möchten Sie, Madame, nicht ein wenig bei uns ausruhen? Die Polster sind freilich nicht weich", — sie fuhr mit dem Zipfel der Schürze über die Sophaecke, eine allerdings überflüssige Mühe, denn schwer wäre es, dort auch nur ein Stäubchen zu entdecken, — „hat man aber einen langen Weg zurückgelegt, so ist auch ein harter Sitz willkommen". Es lag so viel ruhige Würde, solche, man könnte sagen, anmuthige Schlichtheit in dem Wesen der Frau, sie selbst strahlte förmlich von äußerer und innerer Reinlichkeit, daß es Lea erschien, als ob sie von einem Lichtschimmer umgeben wäre. Noch niemals fühlte sie sich in ähnlicher Weise, von irgend Jemand angezogen, und so konnte sie auch, wider ihre sonstige Gewohnheit, gleich ein Gespräch anknüpfen. Ehe eine halbe Stunde verging, hatte sie. ohne daß sie sich recht dessen bewußt war. der kleinen Matrone von ihrer früheren Noth und hartem Kampf um die Existenz und von dem späteren Glückswechsel erzählt, alles was ihr in den letzten zwei Jahren begegnet war. nur nicht vo.i der Flucht aus dem Elternhause und von dem verschiedenen Glaubensbekenntnisse ihres Mannes. Frau Esther besaß aber auch in hervorragender Weise das seltene Talent des Hörers, das dem Redenden jedesmal die unerschütterliche Ueberzeugung ihres verständnißvollen, intensiven Interesses, zu vermitteln vermochte. Nach einer längeren Pause sagte sie: „Mein Mann theilte mir mit, daß Sie in der Ausübung der religiösen Gebräuche durch Ihren Herrn Gemahl behindert sind". — „O nein", stammelte Lea verlegen, „so ist es nicht, nur — " „Sie sind gut und klug", sagte Esther mit freundlichem Kopfnicken. „Sie verhüllen die Schwächen Ihres Gatten und so soll es auch sein; denn das Haus ist wie das Allerheiligste, zu dem Niemand, nur der Hohepriester, und selbst er nur einmal im Jahre Zutritt hat. — Doch mir dürfen Sie schon gestatten, Sie zu bedauern", fuhr sie im Tone gewinnender Herzlichkeit fort, „denn ich habe es zur Genüge erfahren, welchen Kummer es bereitet, mit denen die man liebt, in den wichtigsten Dingen nicht übereinstimmen zu können". Und nun berichtete Esther in ihrer ruhigen, eindringlichen Weise von ihren Erlebnissen. Sie war die Tochter eines deutschen Predigers, der im Alter in Frankfurt am Main von einer kleinen Pension lebte. In ihre ältere Schwester, die eine Schönheit war, / hatte der Sohn eines reichen Mannes, der obwohl nicht getauft, doch jede Gemeinschaft mit den Glaubensgenossen verächtlich mied, sich verliebt und sie, trotz der Opposition beider Väter, auch geheirathet. Ihre Eltern konnten bis zur j Sterbestunde den Abfall des Kindes, wie sie es nannten, ) nicht verwinden, und auch die Schwester hatte keine Ursache ' sich ihres Entschlusses zu freuen. Auf Schritt und Tritt ergaben sich Mißverständnisse, Zwistigkeiten in diesir schlecht! assortirten Ehe; die Erziehung der Kmder, weit entfernt ein! Bindemittel abzugeben, trieb die Eltern, von denen jeder sie! nach seiner Weise modeln wollte, noch mehr auseinander und des unerquicklichen Haders und der ewigen Zerrereien ) war kein Ende. (Fortsetzung folgt.) / Versöhnt! M Original-Roman von Jda Barber. XII. Mutterlos. Des anderen Tages, als Jlka nachdenkend in ihrem Zimmer saß, ward die Thür ungestüm aufgerissen und einer Furie gleich trat Frau Rachelle herein. „Jlka." rief sie ganz fassungslos, „ist es wahr, was man mir hier schreibt? Du hättest auf Dein Vermögen vers

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