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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 11 (1886) · p. Seite 43

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
11 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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— 43 — „Daß ich nach Hause fahre und ihm wenigstens die Zinsen der 300,000 Gld., die er noch ein Recht zu fordern hat, als jährliche Revenue sichere," sagte Jlka, jedes Wort scharf accentuirend. „Ich schämte mich, Dir vorhin in Gegenwart des Onkels das Unwürdige seines Benehmens ganz klarzulegen; die Schamröthe wäre mir in die Wangen gestiegen , jetzt — wir sind allein —■ jetzt sage mir, Mutter, ob Du es selbst verlangen kannst, daß ich nach Allem was vorgefallen, zum Grafen zurückkehre!" „Das leidige, verwünschte Geld," sagte Frau Rachelle statt aller Antwort, „wie das doch Menschen und Verhältnisse beeinflußt." „Für mich," entgegnete die junge Frau, „hat der Ruin unseres Hauses das eine Gute, daß er mich eher, als ich zu hoffen wagte, den Banden entriß, denen ich doch früher oder später entronnen wäre. Ich weiß es bestimmt, nie, nie hätte ich mit einem Mann, dessen Charakter ich als ehrlos erkannt, glücklich sein können!" Die Unterhaltung wurde durch den Eintritt des Dieners, der meldete, daß servirt sei, gestört. „Ißt Onkel Leo auch bei uns?" fragte Jlka. „Ich mag mir seinetwegen nicht die Schererei machen, koschere Küche zu führen," entgegnete Frau Rachelle. „Er speist im Gasthaus!" „Mutter," sagte vorwurfsvoll die junge Frau, „der Onkel widmet uns seine ganze Zeit und Arbeitskraft, verläßt, um uns beizustehen, seine Familie und Du hältst es nicht einmal der Mühe werth —" „Mach mir keine Vorwürfe," unterbrach unwillig Frau Rachelle, „ich habe jetzt wirklich an ganz was Anderes, als an seine orthodoxen Narrheiten zu denken, überdies paßt es mir nicht, seitdem wir zum Christenthume übergetreten, an all den koscheren Krimskrams erinnert zu werden!" Zum ersten Male in ihrem Leben lernte Jlka das bittere Gefühl kennen, die eigene Mutter bedauern zu müssen. Wie ein stechender Schmerz durchzuckte es sie, daß diese kleinliche, engherzige Frau, die Alles ihren Vorurtheilen opferte, in der That wenig darnach angethan war, dem Vater in den schweren Tagen eine wohlmeinende Beratherin zu sein. Cr hatte Recht, daß er ihr entfloh, mit ihren Vorwürfen und Nörgeleien hätte sie ihm das Leben zur Hölle gemacht. Schweigend erhob sie sich und betrat ihr Mädchenzimmer. Es war in demselben noch Alles unverändert, nur sie selbst war in der kurzen Zeit eine Andere geworden. „Die Ideale, die einst das trunkene Herz geschwellt", sie waren dahin, begraben, — entflohen für immer! Wie oft hatte sie hier in bangen Nächten von dem Ellimar geträumt, ihn herbeigesehnt, ihn mit liebenden Armen, wenn auch nur in Gedanken umschlungen; ja damals war sie noch glücklich, da lag noch eine ganze Welt des Glückes vor ihr, sie durste nur den Schleier lüften, doch jetzt — finstere, undurchdringliche Nacht, wohin sie blickte; — Niemand, der ihr in Liebe zugethan war, Niemand, der ihr die rettende Hand bot, um diesem Wirrsal zu entrinnen! Auf ihrem Schreibtisch stand eine aus Elfenbein gefertigte Schnitzarbeit, Christus am Kreuze darstellend. Schwester Marie hatte sie ihr einst, als sie, ihren Schwächezustand benutzend, ihr das Wort abgenommen, sie wolle Christin werden, verehrt. — Schweigend bedeckte sie mit einem Tuch die Statuette. „Ich bin, was ich ehedem war," sprach sie fest; „die Comödie hat ein Ende. Noch morgen werde ich meinen alten Religionslehrer aussuchen und ihn stehentlich bitten, mich wieder mit meinem Gott zu versöhnen. Ohne sich auszukleiden, sank sie auf ihr Bett. Die Müdigkeit überwältigte sie. Als sie am andern Morgen neu gestärkt erwachte, dankte sie Gott zuerst für den erquickenden Schlaf. So gut hatte sie seit lange nicht geruht. — Ihr erster Gedanke galt jetzt dem unglücklichen Mädchen, dem sie gestern ihren Schutz zugesagt. Da die Mutter noch schlief, verließ sie unbeachtet das Haus und begab sich nach der Wohnung, die ihr jene gestern bezeichnet. (Fortsetzung folgt.) Mendelsjohntarm. 1. Die kurlündische Pfarrerstochter Sophie Becker, die Begleiterin der Gräfin Elisa von der Recke aus deren Reisen durch Deutschland 1784—86, trat bei ihrem wiederholten Aufenthalte in Berlin in Verkehr mit Moses Mendelssohn, und sie berichtet in ihrem Reisetagebuche (herausgegeben von Caro und Geyer, Stuttgart bei Spemann) getreulich von jeder Begegnung mit ihm. Ihre schmucklosen Bemerkungen über den Philosophen in seinen letzten Lebenstagen haben jetzt, wo ein Jahrhundert seit seinem Tode sich erfüllt hat. besonderes Interesse. Zufällig ist das Blatt der Handschrift, auf dem Sophie Becker von ihrer e "sten Begegnung mit Mendelssohn (etwa Mitte September 1785) berichtet haben mag, verloren gegangen; bei der ersten Erwähnung (den 29. September) ist er bereits ein Bekannter. Die durch Schönheit und Liebenswürdigkeit bekannte Herzogin von Kurland, Schwester der Gräfin von der Recke, ist gerade bei ihrer Schwester Elisa, da kommt Mendelssohn mit dem jüngeren Grafen Stolberg. Das Gespräch drehte sich (1785 war Mendetssohn's „Phädon" erschienen) um Unsterblichkeit der Seele. „Da war es mir," schreibt die Becker, „eine rechte Augenweide, den liebenswürdigen Philosophen mit dem Judenbarte im Gespräche mit ein paar reizenden Weibern zu sehen." Beim Abschiede rieth Mendelssohn der Herzogin, durch gelehrtes Geschwätze über die Unsterblichkeit sich ihre natürliche warme Ueberzeugung davon nicht rauben zu lassen. Zwei Tage später verlebte die Becker mit der Recke und dem Buchhändler Nicolai ein paar sehr schöne Stunden bei Mendelssohn. „Er hat," erzählt das Tagebuch, „drei sehr artige Töchter, davon die mittelste ein recht schönes Mädchen ist, und drei Söhne, denen man den Geist aus den Augen sieht. — In einem Gespräche, das Nicolai führte, wurde er dadurch gestört, daß Mendelsohn das Zeug seiner Unterkleider scharf ansah und ein paar Mal mit der Hand darüber fuhr. „Nun, was wollen Sie denn mit der Aufmerksamkeit auf das Zeug?" — „Ich sah und fühlte jetzt als Fabrikant," war Mendetssohn's Antwort." M Den 4. October sind Mendelssohn und Ramler von der Herzogin auf ihr Gut Friedrichsfelde bei Berlin gebeten. An der Tafel nahm Mendelssohn nicht Theil; als sie von einem Spaziergange durch den Park zum Speisen gerufen werden, ist er verschwunden und ins nahe Dorfwirthshaus gegangen. Um seine Gesellschaft nicht lange entbehren zu müssen, beeilte man sich mit dem Essen, und bald saßen Alle in lebhafter Unterhaltung im Kreise um die Herzogin. Man sah Zeichnungen an, es wurde erzählt, vorgelesen, gespielt, gesungen. „Ich habe heute mit dem Geiste geschwelgt," sagte Mendelssohn beim Abschiede. Den 10. October lernten die Reisenden Mendelsohn's Frau kennen; sie gefiel der Becker sehr gut und schien ihr ein Weib von vielem wissenschaftlichen Verstände zu sein. Unterbrochen wurde der Berliner Aufenthalt durch eine Reise nach Hamburg. Als Sophie hier den jüdischen Gelehrten Wessely kennen lernte, meinte sie, „er habe nicht das durchaus Liebevolle und Sanfte des Meudelssohn's." Nach ihrer Rückkehr von Hamburg (Mitte November) besuchte die Becker ihren Freund sehr häufig. Immer vergehen ihr die Stunden bei ihm wie Minuten. Am Weihnachtstage sind sie zum letzten Male zusammen. Am Morgen des 4. Januar 1786 rechnet Sophie aus frohen Genuß im Umgänge mit ihren Berliner Freunden. Da schickt ihr die Herzogin ein Billet, dessen Zellen ihr Herz erstarren ließen: „Unser großer, weiser Mendelssohn ist diesen Morgen ent-

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