Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 11 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 42 betreten, wo ihre Glaubensbrüder zu gemeinsamer Andacht sich versammelten. Diese Empfindung war, ihr selbst unbewußt, durch das Medium der Kindesliebe, über sie gekommen, die auch erst in weiter Ferne und völliger Absonderung von ihren Verwandten, in ihr aufgedümmert war. Getrieben von dem heißen Verlangen nach einem Ausgleich der herben Entzweiung, hatte sie einigemal, ohne Vorwissen ihres Gatten an die Eltern geschrieben und als diese die Briefe uneröffnet zurücksendeten, an weitere Verwandte sich gewendet, um über das Befinden jener eingehende Mittheilungen zu erbitten. Doch Niemand wollte irgend welchen Verkehr mit der Abtrünnigen unterhalten und so mußte sie unter vielen im verborgenen, fließenden Zähren, die Hoffnung aufgeben, je wieder die gähnende Kluft überbrückt zu sehen, die durch ihr Verschulden entstanden war. Um so mehr machte sich der, zuletzt zum unabweisbaren Bedürfniß sich steigernde Wunsch geltend, einen Verbindungsweg zu ihren Stammesgenossen zu finden, die ihr Eltern und Brüder und Schwestern, die Heimath in der Fremde, repräsentirten, um so mehr verlangte es sie, jene Laute zu hören, die, ehemals unverstanden, jetzt wie Musik aus höheren Sphären, ihrem dürstenden Ohr erklangen. — Anfangs versuchte sie es, das ihr fremde Gefühl zu unterdrücken, zum Theil aus Rücksicht für ihren Gatten, an dessen ungetheilte Neigung sie einen Treubruch zu begehen glaubte, wenn sie in eine aparte, ihm fremde Empfindungswelt sich einlebte; zum Theil auch, weil sie selbst die Stimme nicht kannte, die aus ihrem Innern vernehmbar ihr entgegenschallte. Wie gewaltsam sie aber ihr Ohr verschließen mochte, immer deutlicher ertönte ihr doch die Stimme, immer mächtiger, drängender ward der Trieb, die klaffende, innere Leere auf irgend eine Weise auszufüllen. Oft war sie, auf einsamen Spaziergängen, an den großen Tempeln vorbeigeschlichen, jenen stolzen, prächtigen Hallen die der Reichthum für die offizielle Andacht ausschmückte, nie aber traute sie sich hinein; es war da zu geräuschvoll, zu schön für ihr keusches Empfinden, das den beobachtenden Blick der Menschen scheuete. Nun stand sie vor einem der vielen kleinen Bethäuser von Paris, in welchen die vom Wohlstände minder Begünstigten, in aller Stille und Demuth, ihren religiösen Forderungen genug thun konnten. Mechanisch, wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, betrat sie die Schwelle des Gotteshauses. Der verwundert dreinschauende Tempeldiener, der ein so schönes, junges Gesicht wohl selten um diese Stunde in '1>er Synagoge sehen mochte, geleitete sie zur Frauengallerie, die, da die Frauen nur äußerst selten den Abendgottesdienst besuchen, nur von den Flammen im unteren Raum ein mattes Licht empfing. Dies geheimnißvolle Halbdunkel webte einen Wolkenschleier um die einsame Beterin, der zu ihrer halbverschleierten Gemüthsverfassung stimmte. Leise, dann immer mächtiger anschwellend, drang der uralte Begrüßungssang an die holde Braut, zu ihr empor, jene liebliche, halb gesprochene, halb gesungene Weise, der sie sich dunkel aus ihren ersten Kinderjahren erinnerte, wo sie noch an der Schürze der Mutter hing und dieser überall, selbst in die Synagoge nachlief. So wohl und wehe ward ihr bei diesen Heimischen, längst verklungenen Tönen, so weltfremd, mutterseelenallein und doch wieder nicht allein, nein, unauflöslich an die da unten gebunden, zusammengehörig mit denen, die sie nicht kannte und die sie doch die Ihren nannte. Wo waren sie aber jetzt, was thaten siie, diejenigen, die sie mit Fug und Recht einst s o nennen durfte? Weshalb hatte sie mit kindischen Händen die Bande zerrissen, die sie an liebende Wesen fesselten, weshalb sich außerhalb des engen, aber ihr gehörigen Kreises gestellt, dessen Meinungen, Vorurtheile Gewohnheiten, in frevler Ueberhebung, mit Füßen getreten? Und nun sollte sie allein durch die weite, leere Welt wandern, mit einem Mangel, einer Bedürftigkeit tit der wunden Brust, die sie ewig verschließen mußte; ihr ätzendes Reugefühl sollte niemals in Klagen sich lösen, ihre Thränen nicht anders, denn im Verborgenen, fließen dürfen, — und Keiner der sie trocknete, nicht die Hrnd des Gatten, nicht die des Sohnes, — des Sohnes, auch der verständnißlos, fremd ihr gegenüberstehend, wie sie vordem ihren Eltern. Allein, im ner allein, sagte sie halblaut vor sich hin und schaurig tönte das grause Wort an ihr Ohr und fand ein Echo in der schmerzlich vibrirenden Brust. Sie vergrub ihr thränenfeuchtes Antlitz in beiden Händen, beugte sich über die Brüstung und lag so da, sie wußte nicht wle lange, — als sie sich leise an der Schulter berührt fühlte. _ (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! 42 Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) „Hast Du schon darüber nachgedacht," fuhr Jlka nach einer Weile fort, „wie Du fortan, wenn der Vater nicht bald zurückkehrt, Dein Haus einrichten willst?" Die Mutter sah sie groß und fragend an, als ob sie in einer fremden Sprache, die sie nicht verstehe, zu ihr spreche. „Ich meine," erklärte Jlka, „wir werden den veränderten Verhältnissen Rechnung tragen, uns einschränken müssen, die Dienerschaft entlassen, wohl gar das Haus verkaufen oder einen Theil desselben vermiethen!" „Und das sagst Du Alles so ruhig," entgegnen ganz fassungslos die Mutter; „weißt Du denn, wie schwer uns das ankommen wird, auf Glanz und Reichthum zu verzichten?" „O Mutter," entgegnete Jlka, indem ihr Blick sich umflorte, „ich habe auf mehr verzichten gelernt! Wer wie ich sein Herz in Fesseln geschlagen, in seinen heiligsten Gefühlen gekränkt worden ist, dem ist Verzicht auf Möbel und Schmucksachen kein Verlust!" „Ich verstehe Dich nicht," sagte die Mutter verwirrt, „Du hättest ja als Gräfin sehr gut in jenen Kreisen —" „Nnr keine Auseinandersetzung, liebe Mutter." unterbrach die junge Frau, „über jene Zeit; sie liegt weit hinter mir!" Eine Pause trat em. Jlka mochte ihr übervolles Herz der Mutter, die sie nicht verstehen wollte, nicht enthüllen. „Ich werde," sagte sie aufstehend, „zu James und Claire gehen, um —" „Die Kinder," unterbrach die Mutter, „habe ich auf's Land geschickt; besser, sie wissen von dem Unglück, das uns betroffen, nichts." „Du wirst es ihnen nicht verbergen können," entgegnete Jlka; „auf der Fahrt hierher habe ich mir den Plan zurecht gelegt, die Kinder selbst zu unterrichten; man wird doch wohl für's Erste," setzte sie schonend hinzu, „auf Gouvernante und Hofmeister verzichten müssen." „Du und unterrichten?" sagte die Mutter unwillig, „Du, eine Gräfin Zandos, bist berufen — ja lächele nur — eine Rolle in der Welt zu spielen! Verzichte nicht freiwillig auf eine Stellung, um die Dich Andere beneiden! Und selbst, wenn Du den Grafen nicht liebst, mußt Du um Deiner selbst willen ihm zur Seite bleiben! Er ist ein Eavalier, wo Du Dich mit ihm zeigst —" „Ein Eavalier, der seine Gattin heimschickt und ihr droht, wenn sie nicht 300,000 Gld. mitbringe, danke er für die Ehre," konnte sich Jlka nicht enthalten auszurufen. „Ja, Mutter," fuhr sie, ihrem Unmuth freien Lauf lassend, fort, „daß ich Dir ffur die Wahrheit sage, das hat Graf Zandos, der noble Eavalier, der „Gentleman äs pur sang" gethan; sollte ich es darauf ankommen lassen, daß er mich erst brutal behandelte? Ich ging, weil sich Alles in mir empörte, daß ein Mann, angesichts des Unglücks, das uns betroffen, kein Wort des Mitgefühls hatte, sich als eingefleischter Egoist, als herzloser Mensch entpuppte!" „Das hätte er verlangt!" sagte ungläubig Frau Rachelle, „er hätte allen Ernstes gefordert, daß Du —"