Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 11 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 11. 188«. Jüdisches L^Uiliki-Kls// Heraus gegeben von I>n. Rahmer in Magdeburg. *G Zur UnttthaltWg u. Krlrhrung für die israklitische Jugend. Ei- Inhalte Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agctthe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Iba Barber. (Fortsetzung.) — Mendelssohniana. — Allerlei für den Familientisch: Maler Grünberg. Der Abt Häuserer. — Räthsel- Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) Lea hörte schweigend und traurig zu. „Es ist der Fluch der Väter, der an den Kindern und Kindeskindern heiwgesucht wird", lispelte sie unhörbar und eine Thräne stahl sich hierbei in's Auge. Doch diese heimlich wegwischcnd, reichte sie ihrem Gatten die Hand und sagte in zuversichtlichem Tone: „Beruhige Dich, Geliebter, und verliere den Muth nur nicht und es wird unbedingt besser werden, ^eber kurz oder lang wüst Du doch zur Würdigung Deiner Fähigkeiten und einer enlsprechendcrr Thätigkeit gelangen, und bis dahin reicht meine Arbeit noch für unsere geringen Bedürfnisse aus. Wenn der kleine Schreihals mir nur ein wenig mehr Zeit ließe", — und ein glückliches Lächeln flog über ihren lieblichen, schmerzumzuckten Mund. Dieser Schmerzenszug war das erste, was in unbewachten Momenten — und solche Zwanglosigkeit gestattete sich Lea niemals in Gegenwart des Gatten — an dem schönen Gesichte auffallen mußte. Dieses hatte in den letzten zwei Jahren, trotz Kummer und Entbehrung, durch die Rundung der Conturen und einen gewissen vergeistigten Ausdruck gar sehr gewonnen, und wunderbar ergreifend wäre es in seinem harmonischen Ebenmaaß und seiner ernsten, leuchtenden Schönheit, wenn es nicht, wie die vom Wurm angestochene Frühfrucht, durch jenes nagende Schmerzgefühl gleichsam verdunkelt würde. Es war ein Etwas, das, man empfand dies unwillkührlich, nicht von der Bedrückung des Momentes seine Bitterniß entlehnte, das tief im Herzen wurzelte, und dessen Ursprung wo anders zu suchen war. als im Mangel und der Noch, die diese starke Seele nicht zu beugen vermochten. Lea hatte gleich zu Anfang die materiellen Mißverhältnisse in ihrer ganzen Tragweite erfaßt, und nicht nur, gleich anderen stillen Dulderinnen, sie wie eine Naturnothwendigkeit über sich ergehen lassen sondern auch, zur Abwehr derselben, den Löwenantheil des Kampfes auf sich genommen. An der Seite des Gatten rang sie tapfer um des Tages Nothdurft und da sie thatkräftig, willensstark und jung war, so hörte sie in dem sausenden, erdrückenden Getriebe des herzlosen Räderwerkes, das wir Leben nennen, da, wo Andere verzweifeln würden, noch immer den leisen, harmonischen Flügelschlag der Hoffnung. Ueberdies »war sie eine liebende und heißgeliebte Frau und eine begnadete, glückliche Mutter und diese beiden starken Gefühle gewährten ihr allein schon einen undurchdringlichen Panzer für die Pfeile des Geschickes. Jetzt rüstete sie schnell das kärgliche Mahl, während dessen sie sich mühete, die umwölkte Stirn des Gatten durch einzelne Skizzen aus dem unerschöpflichen Thema von der Drolligkeit und Fassungskraft des kleinen, wieder zur Ruhe gebrachten Hausteufels zu erhellen. Nach einigen hastig verschlungenen Bissen nahm sie Hut uud Tuch um und trat mit einem Päckchen in der Hand zu ihrem Manne hin. „Du gehst Deine Arbeit abliefern", sagte er mit abgewandtem Gesichte, um die Thräne zu verbergen, die im Auge brannte. „Wenn ich Dich so arbeiten, für mich Dich abmühen sehe, o, alles, alles könnte ich eher ertragen, als diese herbe Qual. Wenn dieser Zustand kein Ende nimmt so thue ich etwas, was mich dann bitter reuen, was uns Alle zu Grunde richten wird". „Stefan, liebster Stefan", bat sie mit erhobenen Händen, „rede doch nicht solch' grausame Worte, raube mir und Dir nicht den letzten Rest der Widerstandskraft, die wir jetzt mehr denn je gebrauchen. Wenn Du Deinen Blick so unverwandt auf einen finsteren Punkt heftest, so bleibt Dir der ganze weite Horizont verschlossen. Und doch giebt es der Aussichtspunkte gar viele, und die Pfade sind zwar wirr durcheinanderlaufend und verschlungen, aber einer muß zum richtigen Ausgang führen, so man nur den Muth hat auszuharren. Gewiß, es wird eine Wendung zum Besseren kommen, mein Herz sagt es mir, und bis dahin, — sieh^ Dir unser Kind an, lies etwas, und schöpfe Kraft aus diesen Quellen, um Deiner beängstigenden Stimmungen Herr zu werden". Sie legte mit trübem Lächeln ein Buch in seine Hand hauchte ihm einen Kuß auf die Stirn und entfernte sich leisen Schrittes. Nachdem sie die Stickerei in die Handlung getragen und den Sündenlohn von wenigen Sous für eine mehrtägige augenverderbende Arbeit in Empfang genommen hatte, begab sie sich auf den Heimweg. In tiefes Sinnen verloren, merkte sie nicht, daß sie eine andere Straße als die, welche in directer Richtung zu ihrer Wohnung führte, einschlug. Je schleuniger sie ging, desto mehr entfernte sie sich vom Hause, bis sie sich in einem Gewirr kleiner Gassen und Gäßchen verfing, aus denen sie keinen Ausweg wußte. Es dunkelte bereits, sie mochte an den ersten besten der Vorübergehenden keine Frage richten, und die flüchtig hingeworsenen Erklärungen derjenigen, an die sie sich zn wenden traute, gaben keinen genügenden Aufschluß. Ein beklemmendes Angstgefühl begann sich in ihr zu regen, plan- und rathlos lief sie hin und her, als plötzlich ein eigen - thümlich wohlbekannter und doch wieder fremder Laut an ihr Ohr drang. Sie blickte auf, der sonderbare Ton kam, von einem kleinen, hellerleuchteten Gebäude, dessen untere, Pforte weit geöffnet war. Verwundert strich sie sich über Stirn und Augen. Wie war ihr zu Muthe, wo war sie? Stand sie nicht am Eingänge einer Synagoge, und ist heute nicht Freitag Abend? Ja, die Gläubigen da drinnen rüsteten sich eben zum Empfang der Prinzessin Sabbath; warum sollte nicht auch sie der Trauten entgegengehen? Seltsam, zu Hause hatte sie nie gebetet, die Gemeinschaft ihrer Glaubensgenossen ängstlich gemieden und selbst ihren nächsten Angehörigen kalt und fremd gegenübergestanden. Und da draußen in der Fremde hatte sie schon mehr als einmal ein unerklärliches Sehnen verspürt, die Stätte zu