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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 7 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
7 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 7. Jüdisches 188«. Herausgegebm von Uv. Rnhmer in Mngdeburg. . Zur Unterhaltung u. Kelehrung für die israelitische Jugend. Inhalt Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Iba Barber. (Fort- ♦ setzrmg.) — Die neue Synagoge in München. — Allerlei für den Familientisch: Stuttgart. — Kleine jüdische Characterzüge. Tante Rosa. Stylvoll. Der Atheist. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Prinzessin. 17 Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) Und der Morgen kam und wieder einer und noch einer, und jeder fand die beiden jungen Leute unter dem Baume sitzend, froh j'und seelig wie die gefiederten Bewohner über ihren Häuptern, in den Wipfeln der Waldriesen. Niemand kümmerte sich um ihr Thun und Treiben und so konnten sie ungestört einem Wonnegefühl sich hingeben, für das Lea zum mindesten noch keinen Namen hatte. Sie wünschte nichts, leir e Aenderung des gegenwärtigen Zustandes, keine Steigerung des ihr ganzes Wesen überfluthendcn Empfindens, sie blickte nicht in die Zukunst, sie fürchtete nichts, es sei denn ein jähes Erwachen aus dem wundervollen Traum, eine plötzliche Rückkehr aus dem reinen Aether, in dem sie schwamm in die graue, düstere Alltäglichkeit. Stefan wußte wohl, was die beschleunigten Pulsschläge besagen wollten, so oft er sich dem Platze näherte an dem seine Lcah — in Gedanken nannte er sie bereits so — saß; sie sprachen ihm "in vernehmlichen Lauten von der Allgewalt der Leidenschaft, die mit elementarer Heftigkeit sich seiner bemächtigt hatte, und mit vorahnender Beklemmung drang sein umwölkter Blick zuweilen in die Zukunft, die ihm unheilschwanger und stürmisch bewegt erschien. Solcher ängstlicher Momente gab es indeß nur wenige; zumeist ward die wornHide Stimme in seinem Inneren von den jubilirendcn Klängen der allmächtigen Dascinsfreude übertönt, einer schonen, von allen niederen Befiandtheilen gereinigten Freude, die selbst die leidenschaftliche Forderung nach einem vollen, ungetheilten Besitz dämpfte. Denn auch solche Anwandlungen stellten sich zeitweise ein; dann hämmerte ihm das Blut in den Schläfen und unwiderstehlich drängte es ihn, seine Arme um die Geliebte zu breiten und sie fortzutragen, weit, weit von hier. Doch wie es nur anfangen, ihr der Unerfahrenen, eine Andeutung seines Gemüthszustandes zu geben? „Lea", begann er einst in dieser Absicht, „Sie haben mir nie von Ihren Eltern anders als in vagen Ausdrücken gesprochen. Lieben Sie diese Eltern?" Lea schaute erstaunt zu ihm auf. „Giebt es denn Kinder, die ihre Eltern nicht lieben? „Wahrscheinlich nicht, aber ich meine nicht dieses anerzogene Gefühl, das Jeder gewohnheitsmäßig in sich trägt. Ich spreche von jener vollen Hingabe, die nur Ihr Herz zu fassen vermag, allerdings Personen gegenüber, die Sie verstehen, die Ihnen eine ähnliche, starke Neigung entgegenbringen können. Sind Ihre Eltern dessen fähig, wissen sie auch nur welchen Schatzes Hüter sie sind?" „Ich weiß nicht", erwiderte Lea kleinlaut, „ob mich meine Eltern geduldig anhören würden, wenn ich so zu ihnen spräche, wie etwa mit Ihnen, aber die Schuld liegt vielleicht an mir, gewiß an mir, die ich eine Verständigung ^nie angebahnt und jede Discussion eher ängstlich gemieden". „Weshalb haben aber jene, die Erfahrenen, es nicht versucht, Ihnen auf halbem Wege entgegenzukommen, das Siegel von der Lippe der Scheuen zu lösen und einen Einblick in die Innerlichkeit ihres Kindes zu gewinnen? O, wem es vergönnt wäre, in dies schöne Jnneleben sich zu versenken, wem das Recht zustände dies Kind mit starken Armen zu erfassen, und vor allen inneren und äußeren Fahrnissen es zu schützen", — er brach bewegt ab. Lea, ohne die leiseste Ahnung, daß die erregten Worte irgend eine andere Deutung zuließen, sagte ruhig auf dieselben eingehend: „Meine Eltern thaten und thun was in ihren Kräften stehet, um mich vor der Härte des Schicksals zu bewahren, denn sie sind gut, gewiß sie sind gut, und zärtlich auch", fügte sie zögernd hinzu, „wenn auch mehr den Geschwistern als mir gegenüber. Das liegt aber wieder nur an mir, die ick, ihnen, ungleich den Anderen, so schroff und kühl gegenüberstehe und ihrem Willen immer den meinigen entgegensetze. Ob es recht ist, die Eltern in der Ausübung ihrer heiligsten Pflichten zu stören, ihnen die Berechtigung zu verneinen, nach ihrem Gutdünken, für ihre Kinder zu sorgen, — ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß ich nicht anders kann, nicht kann, und wenn mir das Herz darob bräche". Sie verlor sich in ein stummes, minutenlanges Brüten. Stefan mußte es aufgeben, angesichts dieser, seinem heftigen Verlangen so fernliegenden Stimmung, sie in die heißen Fluthen seiner Liebe zu ziehen, ihr, der Reinen, in Conflicten edlerer Art Ringenden den trüben Wellenschlag des eigenen Gemüthes zu enthüllen. Seufzend gab er dem Gespräche eine andere Wendung. Woche um Woche verrann. Der Sommer ging zur Neige und die wandernden Zugvögel, das fahle, raschelnde Laub der Zweige kündeten den in jener Gegend kurzen und energischen Herbst an, der dem längeren Verweilen im Freien ein Ziel setzen mußte. Stefan dachte nur selten, wie und wo er bei eintretender, kalter Witterung die täglichen Zusammenkünfte, die ihm zur Nothwendigkeit geworden waren, wie die Luft dem Athmenden, veranstalten würde. Die Tage glitten ihm unbemerkt dahin, färb- und inhaltlos, bis auf die eine Stunde, die er iu der Nähe derjenigen verlebte, die ihm ein leuchtender Stern auf seiner finsteren Bahn geworden war, die eine Stunde, in die er den Inhalt des ganzen Tages preßte. In der bebenden Erwartung derselben, hörte und sah er nichts, was sonst um ihn her vorging, vermochte er die Gereiztheit, den Aerger nicht einmal zu verstehen, die ihn früher bei den spöttischen Bemerkungen des Vaters anwandelten. Dieser mochte jetzt, so viel er wollte, über seine neumodischen, vermuthlich auf den einsamen Spaziergängen betriebenen Studien, spötteln und die Lauge seines Hohnes über alles ergießen, was dem jungen Mann theuer und heilig war, — er nahm es ruhig, gleichmäßig hin, und der Vater durch diese plötzliche Wandlung, deren Quellen er nicht ahnte, irregeleitet, glaubte ihn nun genügend gekirrt zu haben, um ohne Gefahr des Scheiternd einen ernsten Angriff wagen zu dürfen.

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