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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 1 (1886) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
1 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — der so groß, so heilig, so erhaben, so reich an Huld und Güte, sich auch seiner erbarmen würde. Ein Anderer, als er gekommen, verließ er das Gotteshaus. Es war ihm wie einem Kind zu Muthe, das sich nach langer Entfremdung mit dem Vater ausgesöhnt. „Ja die Frömmigkeit," sagte er, als er draußen mit Leo Braun angelangt war, „ist doch ein Schatz, den man nicht so leicht um weltlicher Genüsse willen preisgeben sollte!" „Diejenigen, die ihn preisgeben," entgegnete Braun, „verlieren eben ihren Schatz; das, was sie statt desselben einzutauschen wähnen, ersetzt ihnen die verlorenen Güter nicht; auch ich habe darüber meine Beobachtungen gemacht!' Jetzt trat Dr. Lehn er, seine junge Gattin, die ihn aus dem Gotteshause abzuholen Pflegte, am Arme hinzu. „Ich habe mich vor Freude nicht fassen können," sagte er, aus Sander zutretend und ihn herzlich umarmend, „als ich Dich neben dem Vater sah!" Und auch Frau Leah, die, seitdem er sie nicht gesehen, durch das Glück merklich verschönt erschien, hatte nur Worte der Freude, daß es ihr so ganz unverhofft vergönnt sei, einen lieben Bekannten, den sie einst durch verwandtschaftliche Bande der Familie vereint gewünscht, begrüßen zu können. „Keine Anspielung," flüsterte ihr ihr Gatte zu. „Warum nicht?" entgegnete Sanders, der die halblauten Worte gehört hatte, „Ihre Gattin hat mit dem ihr eigenen feinen Tact erkannt, daß es mir nur erwünscht sein kann, unsere Beziehungen da wieder aufzunehmen, wo wir sie abgebrochen und wenn ich eine Bitte aussprechen darf, betrachten sie mich trotz alledem und alledem als Familienmitglied! Ich habe so sehr das Bedürfniß, unter guten Menschen wieder aufzuleben, daß —" „Armer Freund!" unterbrach ihn Dr. Lehner, „Du sollst Dich in uns nicht getäuscht haben! Wer glücklich ist, wie wir, fühlt auch das Bedürfniß, Andere glücklich zu sehen! Meine Leah hat oft davon gesprochen, daß sie Dir schreiben, Dich einladen will, doch wir glaubten, daß Italien mit all' seinen Schätzen Dir mehr bieten würde, als unser eiltfaches Heim." „Jene Schätze lassen das Herz kalt," entgegnete Dr. Sanders, „in den Marmorhallen, in den herrlichstenGemäldegallerien fühlst Du Dich einsam, wenn Du Niemand hast, der Deine Bewunderung theilt. In der Familie dagegen, da sind, wie Schiller so treffend sagt: „die heiligen Wurzeln Deiner Kraft", da —" „Nun, so sei uns in unserer Familie herzlichst willkommen," unterbrach ihn, lebhaft erfreut, Dr. Lehner. — „Auch wir können uns kein Glück größer, inhaltreicher denken, als das, welches sich in unseren stillen Mauern abspielt!" So plaudernd waren sie vor dem Braun'schen Hause angelangt. Frau Rosa selbst öffnete, da sie ihre Lieben kommen gesehen, die Thüre und begrüßte Jeden einzeln herzlichst. Drinnen war die Tafel gedeckt, die Kerzen des Kronleuchters angezündet, Glanz und Licht und weihevoller Gottesfrieden verklärten das Haus. — „Ich habe", sagte Leo Braun zu seiner Gattin, „heut' beim Nachhausegehen die Mali nicht gesehen; kannst Du nicht hmschicken, wie es dem Alten geht? „Ich war, während Ihr fort wäret, selbst drüben", entgegnete Frau Rosa, „und habe ihm Flsch und Huhn gebracht. Die Mali konnte nicht fortgehen, da der Alte den heutigen Tag wohl nicht überlebt." „Du bist edel und gut wie immer", sagte Leo Braun, der Gattin bie Hand reichend, „hast die alten Leute gewiß recht mit Deinem Besuch erfreut?" „Sie sagten, wenn der liebe Herrgott selbst käme, könnten sie sich nicht mehr freuen", entgegnete Frau Rosa. — Warum sollte ich auch nicht", setzte sie bewegt hinzu; „war mir die Mali nicht Jahre hindurch eine treue Dienerin?" „Es hat nur nicht jeder ein Herz für feine Untergebenen", entgegnete Dr. Lehner. „Auch meine Leah war heut bei dem Alten, kam aber so ergriffen von dem Elend, das sie gesehen, heim, daß ich fast wünschen möchte, sie ginge nicht mehr hin." „Mein Kind", sagte ernst die Mutter, „es ist immerhin gut, wenn man sich gewöhnt, dem Tode in's Antlitz sehen!" „Oft ist das Leben schrecklicher, als der Tod", dachte Dr. Sanders für sich, doch als man jetzt an der Tafel Platz nahm, griff bald eine höhere Stimmung Platz. Nach dem Weihegebete (Kiddusch) brachte Frau Rosa selbst die große Schüssel mit Fischen auf den Tisch und sichtlich leuchtete ihr Blick, als sie sah, wie es ihren Lieben so trefflich mundete. „So hat es mir seit lange nicht geschmeckt", sagte Dr. Sanders, der selbst verwundert ob seines Appetits war. Er, der wochenlang nur mit Widerstreben Speise und Trank zu sich genommen und die herrlichsten Gourmandisen ohne sie zu kosten abtragen ließ, schien nun von einem wahren Heißhunger befallen. In schonender Weise befragte ihn nach dem Mahle Frau Rosa, wie es um seine Zukunft stehe, ob er mit der Vergangenheit abgeschlossen. Da umdüsterte sich des jungen Mannes Stirn. Noch vor einer Stunde würde er ihr mit Ja geantwortet haben, jetzt, da er die glückstrahlenden jungen Eheleute vor sich sah, die nur für einander zu leben schienen Einer in des Anderen Glück seine ganze Seligkeit erkennend, da wußte er, daß die Vergangenheit für ihn kein abgeschlossenes Buch, daß der Wunsch, glücklich zu werden, noch kein überlebter sei. Er antwortete ausweichend, erzählte, daß er Jlka und den Grafen gesehen, aber die Ueberzeugung gewonnen habe, daß sie nur zu bedauern — ihr Zusammenleben mit dem Grafen kein rechtes Eheleben wäre und sie den Eltern ein Opfer gebracht, das diese nicht hatten annehmen dürfen. — Auch um Leo Brauns Gesicht lagerten sich schwere Schatten. „Er hat nicht hören wollen", sagte er, des Bruders gedenkend, „und nun trifft ihn Schlag aus Schlag! Trotzdem er mich so nichtachtend behandelt, meinen guten Rath in den Wind geschlagen, — es thut mir doch leid um ihn! Er wird erst aus seinem Hochmuthstraum erwachen, wenn er ganz im Abgrunde liegt und dann dürfte es für ihn zu spät sein, sich wieder hinaufzuarbeiten!" (Fortsetzung folgt.) Allerlei für de« Familienlifch. Papst Keo XIII. proclamirt die GemLstensfretheit, „Und sie bewegt sich doch!" — Diejenigen, welche behaupten, daß das Papstthum sich immer gleich sei, ein Feind jeder Freiheit des Handelns, des Denkens, werden in der neuesten Encyclica vom Gegentheil belehrt. Das Gesetz des Fortschritts ist in gewisser Art auch in den Vatican gedrungen. Nach den Worten Leo's XIII. würde von der Geistlichkeit der Raub der Knaben Mortara und Coön und ihre zwangsweise Taufe nicht mehr straflos geschehen können. Die weisen Worte des gegenwärtigen Papstes lauten: „So will auch die Kirche durchaus nicht, daß Jemand durch Gewalt dahin gebracht würde, den katholischen Glauben anzuuehmen, weil, wie der heilige Augustln (Tract. XXVI) bemerkt, der Mensch nur glauben kann aus freiem Wollen". Die Wahrheit zu sagen, würde der von Natur milde Pius IX. zu jenen grausamen Handlungen seine Zustimmung nicht gegeben haben, wenn er nicht von seiner Umgebung dazu bestimmt worden wäre. Der jetzige Papst jedoch, welcher den Muth des eigenen Denkens hat, ruft der katholischen Welt, die Handlungsweise seines Vorgängers verurtheilend, zu: „Man kann nur glauben aus freiem Willen!" Mögen alle fanatischen Bekehrungsapostel diesen päpstlichen Ausspruch gut im Gedächtnisse behalten. Wir sehen darin eine Bestätigung des ehemals vom Papstthum ebenfalls perforrescwten Weltgesetzes das in diesem Satze gipfelt: „Uno sie bewegt sich doch!" (Dr. 8. 8oll.*) *) Nach dem „Vessillo Israelitico".

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