Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 1 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492351-9579404-9574181--0525-9574183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 — die Schalet wegen, streng eingehaltene Mittagsstunde zu ernnern; „was ist, das wäre doch sicherlich die rechte Zeit für eine Parthie: nur soll er schauen, wie er da fertig wird". „Nun leicht wird es nicht sein, die Prinzessin unter die Haube zu bringen", meinte eine Zweite, „deshalb ist es auch ganz vernünftig, daß man früh anfängt". Und die guten Leute gingen auseinander, in selbstgefälliger Zufriedenheit ob ihres Scharfsinnes und mit dem Thatbestand, für den sie keinen anderen Anhaltspunkt als ihre eigenen Hypothesen hatten. Ihr Scharfsinn hatte sie diesmal nicht irre geführt. Wirklich war der Gast, der heute im Hause des reichen Moses Feilchenfeld den Ehrensitz erhielt, zwar nicht ein Schadchen im eigentlichen Sinne des Wortes, aber ein „Prüfer" was, wenn auch im Begriffe verschieden, doch thatsächlich auf eins hinauslief. Der ältliche Herr war ein fernstehender Verwandter der Leute, mit denen man schon längere Zeit behufs einer Parthie in Unterhandlung stand, und wurde sowohl seiner Klugheit als seiner pecuniären Mißverhältnisse halber von jenen entsendet, um seine maßgebende Meinung über das Haus und alle Einzelheiten abzugeben; man konnte dann, bei eventuellem Abschluß des Handels, ihm eine größere Geldsumme zukommen lassen, ohne seiner leicht verletzten Eitelkeit nahe zu treten. Moses Feilchenfeld befand sich, wie wir schon angedeutet, in geordneten Verhältnissen, war aber auch reichlich mit Kindern gesegnet und deshalb in einer beständigen Hetzjagd nach entsprechenden Parthien. Von der Wahl der ersten hängt nach landesüblicher Auffassung die Gestaltung aller folgenden Verbindungen ab, und so war es kein Wunder, daß die in Rede stehende -- eine Glücksparthie nach jeder Richtung hin — mit beiden Händen von ihm ergriffen wurde. Ein sehr wohlhabender Mann, von schöner Familie, eine Art Lamden, — ein Talmudkundiger — besaß einen einzigen Sohn, dem er eine gute Erziehnng angedeihen lreß und eine Mitgift in derselben Größe vorbereitet halte, wie sie ihm von der Braut entgegengebrach würde. Dieser einzige Sohn sollte Feilchenfeld's Eidam werden. Er überhäufte den offiziellen Vermittler mit Ehrenbezeugungen und ließ auch, nach vorhergängiger Berathung mit seiner Frau, in einem vertraulichen Zwiegespräche die vorsichtig eingekleidete Bemerkung fallen, daß es sein — des Vermittlers — Schaden nicht sein sollte, wenn die Sache zu Stande käme. Dieser hielt sich in würdevoller Reserve, schrieb aber doch gleich Abends nach Hause, daß er Alles über Erwarten gut gefunden; der Vater sei ein tüchtiger, gescheuter Kaufmann, auch ein wenig talmudisch geschult, die, Mutter von nobler Familie und das Haus fein eingerichtet Silberzeug in Hülle und Fülle. Der Schwiegersohn sollte ein besonderes Zimmer zum Lernen, einen gewiegten Talmudisten zum Lehrer erhalten und im Ganzen wie ein Prinz behandelt werden. In einer Nachschrift erwähnte er zwar, daß das Mädchen sehr blaß und still, auch nicht sonderlich klug zu sein scheine; doch leitete er diesen übrigens geringfügigen Umstand von ihrer großen Jugend ab, und da seine Auftraggeber, von derselben Ansicht geleitet, dem weiter kein Gewicht beilegten, so wurde die Entrevue, Die gleich zur Verlobung führen sollte, für die nächsten Wochen vereinbart. _ (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! Original-Roman von Jda Barber. Zweiter Theil. I. Bei Leo Braun. Nach langer, beschwerlicher Fahrt langte Dr. Sanders endlich in Brünn an. Er stieg in einem Gasthause ab, wollte ein wenig ruhen, um dann um so länger im Kreise jener lieben Menschen verweilen zu können, nach denen sich sein Herz wie nach allem Guten sehnte. Als er in die Straße, in der das Leo Braun'sche Haus stand, einbog, war er erstaunt, das Geschäft geschlossen zu finden. Sein Herz bebte. „Es hat doch nicht etwa ein Unglücksfall die Familie Braun betroffen?" sprach er vor sich hm. Doch er besann sich bald. Es war ja Freitag Abend; da ward Rast gemacht; die Familie war gewiß schon in festlicher Stimmung, und er, er sollte dieselbe durch sein Dazwischentreten trüben? Nur zögernd läutete er an. Leo Braun, gerade zum Fortgehen gerüstet, das Gebetbuch in der Hand, öffnete ihm. „Sanders! Theurer Freund!" rief er, den Eintretenden in seine Arme schließend und herzlich küssend. „Wo kommst Du her?" fragte er, ihn in den Salon führend, „wie ist es Dir ergangen?" Und nun war auch Frau Rosa, die heut in der Sabbathhaube gar weihevoll aussah, herbeigeeilt; auch sie begrüßte ihren lieben Neffen, wie sie ihn nannte, in der ihr eigenen, herzlichen Weise. — Der Fischlöffel, den sie noch in der Hand hielt, ward bei Seite gelegt, heut konnte ausnahmsweise auch einmal die Magd die Fische anrichten — und ihren Stuhl dicht an den Sanders rückend, sagte sie: „Lieber Ellimar, nun erzählen Sie uns, wie es Ihnen ergangen! Sie sind uns, da wir fast nicht glaubten, Sie noch einmal zu sehen, ein wiedergefundener Sohn!" „So gern ich zuhören möchte," sagte Leo Braun aufstehend, „mußt Du mich aber entschuldigen; der Gottesdienst beginnt, Du weißt —" „Darf ich Sie begleiten?" unterbrach Or. Sanders. „Ich habe lange kein Gotteshaus aufgesucht; vielleicht," — eine Thräne umflorte den bisher noch Hellen Blick — „vielleicht wird mir wohler, wenn ich mich einmal mit meinem Gott ausgesprochen!" „Es wird Ihnen wohler werden," entgegnete Frau Rosa; „das Gebet hat eine erlösende Kraft, und so gern ich Sie bei mir behielte, um von Ihnen viel zu hören — gehen Sie mit Gott!" Sie reichte ihm ihre feine, schmale Hand, die er respectvoll küßte. Während Or. Sanders noch einige Bilder, die an der Wand hingen, betrachtete, zündete sie die Sabbathlichter an, sprach das Gebet und als sie sich jetzt wieder den beiden Männern zuwandte, war ihr schönes Haupt wie von einem Heiligenschein umflossen. Stiller, hehrer Gottesfrieden lag auf der klaren Stirn, treue Liebe blickte aus den seelenvollen Augen. „Eine fromme Frau ist der gute Genius des Hauses," sagte Leo Braun halblaut zu dem jungen Mann, auf den die stille Ceremonie einen lebhaften Eindruck zu machen schien. Dann tüßte er seine Gattin, legte den Arm Sanders in den seinigen und schritt mit ihm dem Gotteshause zu. „Lecho Daudi likras Kalloh!“ („Komm' Geliebter der Braut entgegen!") tönte es ihnen entgegen, als sie eintraten. Sanders Lippen umspielte ein wehmüthiges Lächeln! War er nicht auch einst freudig der Braut entgegen geeilt und nun? Doch seine pessimistische Anschaung schwand, als die Andacht sein Herz gefangen nahm. Inbrünstig, wie seit Jahren nicht, betete er mit der Gemeinde, er fühlte, wie der Alp, der sein Herz bedrückte, schwand, wie Hoffnung und Gottvertrauen die zagende Seele belebten. „Schma Jissroel, Adaunoj Elauheinu, Adaunoj echod!“ intonirte der Vorbeter und gläubig stimmte die Gemeinde ein. Es war ihm, als ob der Gott Israels selbst zu ihm herabstiege, um sein wundes Herz zu heilen. „Echod!“ „Einzig ist unser Gott!" stimmte auch er mit em, und jetzt wußte er, daß dieser einzige, ewige Gott,