Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 55 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Am Rande Pietät Manchmal ~ in seltenen, feierlichen Augenblicken unseres Lebens — stehen wir für einen Augenblick still, um in uns hineinzuhorchen. Altes, urewiges Blut rauscht auf: Woher kommst Du? Wohin gehst Du? Wir fühlen in solcher Stunde deutlich, daß wir nur ein Teil einer unendlichen Kette sind. Ehrfurcht vor Gewesenem, heilige Scheu vor Zukunft überkommt uns. In diesen Gedanken geloben wir uns oft, das zu erhalten und für die Jahrtausende weiter zu tragen, was auf uns überkommen ist, an Wissen und Wollen, an Glauben und Form: Pietät. Pietät ist mehr als das deutsche Wort „Frömmigkeit". Sie ist mehr als jene Ehrfurcht und Scheu vor der Oberlieferung. Sie ist Unterordnung unter das Ganze, sie ist Verehrung und Liebe zugleich. Es mag darum gut sein, wenn ein Rabbiner einer großen Gemeinde es sich zur Aufgabe gesetzt hat, in einer Zeit, da Überliefertes über Nacht stürzt, Althergebrachtes zerfällt, in jeder seiner Reden „Pietät" zu predigen. Wir Jungen aber haben ein unbehagliches Gefühl bei diesem Wort, nicht, daß wir uns so getroffen fühlen. Nein, aber das Wort „Pietät" riecht für uns oft nach Lavendel und altem Staub. Pietät ist uns unbehaglich, — weil die Geschichte zeigt, daß die Pietät zur rechten Zeit von allen Reaktionären auf die Fahne geschrieben wird. „Im Namen der Pietät" . . . bleibt alles beim Alten. Ich las einmal auf einem Plakat etwas von „lebendigem fröhlichem Christentum'1. Ich weiß nicht, ob es gerade dort vorhanden ist, wo es nach diesem Aufruf gepflegt werden soll. Aber es steckt doch eine Wahrheit in diesem Wort. Vergleichen wir es mit unserem Judentum. Gewiß, ein „fröhliches'1 Judentum wäre eine contradictio in adiecto; dazu ist uns die Leidensgeschichte der Jahrtausende zu tief ins Gesicht geschnitten, das Blut des Orients zu schwer. Aber ,,lebendiges" Judentum! Haben wir es? Ich möchte diese Frage hier offen lassen. Doch wenn wir die „Pietät1* stets gelten ließen, — wir säßen noch heute im Ghetto. Pietät soll sein. Und wir Jungen, die wir den Konquistadorentraum im Herzen tragen, wollen an Pietät geben, was nötig ist,— aber nicht mehr, nicht zu viel. Wir wollen lieber einmal die Gefahr auf uns nehmen, für pietätlos zu gelten, als unser Judentum im Dogma erstarren zu lassen. Darum wünsche ich, daß dieses Blatt, das heute zum zweiten Male vor seine Leser tritt, im Kampf gegen Reaktion und Konservatismus des öfteren . . . pietätlos genannt wird. Es wird ein Lob sein für eine Jugend, der lebendiges Judentum eine Herzenssache ist. Heinz Frankel Glossen zum Etat der Berliner Gemeinde. Aus dem Vorwort: „Der Etat steht wie im Reich, den Ländern und Kommunen unter dem Zeichen äußerster Sparsamkeit". Beweis: Etat 1924 6 146 837.— „ 1925 7 599 802.— „ 1926 8 328 018— d. h. eine Steigerung von über 35 Prozent gegenüber 1924 und, unter Berücksichtigung der in dem diesjährigen Etat fortgelassenen 500 000 R.-M. für den Aufwertungsfonds, 1 228 216 R.-M. mehr als 1925. Das Rechenkunststückchen, das Jahr 1924 dem Jahr 1925 gegenüber zu stellen und 1926 dann wieder 1925, ohne Berücksichtigung der oben angeführten weniger eingesetzten 500 000 Reichsmark, sollte doch besser unterbleiben. * 55