Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 15 (10.11.1947)
- Date
- 1947-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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EINZELPREIS 40 PFENNIG zur (Siehe Seite 6) A M “L E I G E N P R ,E I S E; . F^Bnienanzeigen: Die einspaltige Petitzeile 3.50 RM Reklame: , Die einspaltige Petitseile S.OO.RM Suchanzeigen: Die einspaltige i-etitzei!e'3.50 RM 'Ueberweisungen auf Postscheckkonto. Essen 68080 JÜDISCHE POLITIK / KULTUR lf W , AUS DEM JÜDISCHEN LEEEN FRAGEN DER WIEDERGUTMACHUNG -M3Lj€% NEUES AUS DER JÜDISCH EN-WELT STIMMEN DER LESER > WAS PRESSE SAGT GESCHÄFTS ST EI tF DES JÜDISCHIN GEMEINT EI IATTES, FErAKTJCN! UND EXPFI ITIOI^ DÜSSFI FOFF.EI NPÄTH, FEIEEHOrSTFASSE 25—25. FERNSPRECHER Nr. 711151 Abonnement (per Kreuzband): Deutschland: l/.Tah* 3.30RM, i/sJahr 6.50 RM, i Jahr 12.80 RM; Ausland; (alle Länder) Jahr 4.40 RM, 1/2 ahr 8.60 RM, 1 Iahe 17.00 RM / Erscheint 14tägig mittwochs. Sönderbeilag«. in Wiedergutmachungsträgen nach Erforderlichkeit. NUMMER IS KARL MARX: 10. NOVEMBER 1947 2. JAHRGANG Man gab der Nacht vom. 8. zum 9. November 1938 im Volksmund die Bezeichnung „Kristallnacht“, und 'die ist bezeichnend dafür, daß man in Deutschland diesen totalen Beginn der Ausrqttung der Juden, auf genommen' hatte. Als am 9. und 10. November die Welt durch die Presse und Rundfunk Kenntnis von den Vorgängen in Deutschland erhielt, als die deutschen Zeitungen- und der deutsche Rundfunk ,von. den „spontanen Kundgebungen des deutschen Volkes“ sprachen, die in der Zerstörung jüdischer Gotteshäuser, jüdischer Geschäfte Und jüdischer Wohnungen ihren Ausdruck fanden, da gab es wenige im Ausland, die nicht dqran glaubten, daß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit für das verantwortlich zu erklären sei, was in 24 stunden in Deutschland geschehen ist. Man wartete im Ausland darauf, daß kleine, oder größere Gruppen deutscher Menschen zumindest den Versuch machen würden, sich loszusagen von-einem- Regime, ^as mittelalterliche Zustände noch übertroffen hat. Man wartete darauf, daß wenigstens einige deutsche Intellektuelle. — Bürger oder Arbeiter — sich .voller Abscheu abwenden .würden, von diesen Dingen, die im Widerspruch zu dem stehen, was man Humanität nennt. Man'Wertete vergebens. Man erlebte, daß das Ausland übersät wurde, von Deutschen, die von! der Rbichsregiefung (Jen Auiurag 1 « l-urig zu schaffen über die „Notwendigkeit dieser Aktion“. Und diese Notwendigkeit wurde begründet mit dem Mord des Herrn vom Rath in Paris. Für. jeden Denkenden war es klar, daß der Fall vom Rath als Mittel zum Zweck benutzt wurde, -daß ein Goebbels, ein Streicher nur: darauf gewartet haben, um die Aktion durchzuführen,'die längst geplant war. Und dieser Grund wäre auch — darüber ist Sich wohl jeder klar — gefunden worden, wenn Herr vom Rath nicht ermordet worden wäre. - Was war der Grund dieses Mordes: Ein junger polnischer Jude ,,war als Flüchtling in Parte und wartete auf ein Lebenszeichen von seinen Eltern, die früher in Berlin wohnten und das Opfer der Aktion gegen .die polnischen Juden im Herbst 1938 geworden sind. Wir wissen, daß damals 'an einem frühen Morgen alle polnischen Juden in Deutschland aus ihren Betten geholt worden sind und so, wie sie standen, zur polnischen Grenze gebracht; wurden. Wir erinnern uns, daß diese Mensqjien, zum großen Teil ,im Niemandsland zwischen Deutschland urid Polen wochenlind monatelang bei Regen und Sonnenschein auf dem freien Feld kampieren mußten, weil das nationalsozialistische: Deutschland sie dort hingestellt hatte und das faschistische Polen sie nicht aufnehmen wollte. Und dieser junge «Jude Grünspan Erfuhr nach Monaten, daß er das einzige, was er noch besaß, seine Eltern, verloren hatte. Er wollte, er konnte nicht daran glauben, daß die Völker der Weit diesen Unmenschlichkeiten weiter stillschweigend Zusehen können, urid er entschloß sich, das zu tun, was in der Geschichte schon viele Menschen getan hatten) eine .Tat zu begehen, die die Welt aufrüttelri würde. Und" er sah nur die eine Möglichkeit, einen Deutschen, der irgendeine öffentliche Position innehat, zu ermorden-. Er dachte , nicht daran, daß dieser ' Mensch vom Rath heißen soll. Der Name spielte bei ihm keine Rolle, "und er war sich, ohne Zweifel auch darüber-im klaren, daß er für seine Tat, zur Rechenschaft gezogen würde und dafür zu büßen habe. Er ließ sich aber davon nicht abhalten, weil er nichts anderes wollte,'als die Völker der Welt zu Hilfe zu rufen für die Juden Europas. Wäre dieser junge . Jude Grünspan kein junger Mensch gewesen, hätte er die Erfahrungen gehabt, die wir aus der Geschichte; gesammelt haben', wäre er nicht in der Verzweiflung gewesen, in der er sich befand, als er nie Todesnachricht , seiner geliebten ^Eltern erhielt, dann hätte er sich wahrscheinlich hn letzten Augenblick noch besonnen" und von der Tat Abstand genommen. Göring veröffentlichte am Tage des Bekannt- Werdens des Mordes an'vom Rath ein bereits seit längerer Zeit gedrucktes Gesetz über die Abgabe von einer.Milliarde RM , die die Juden zu leisten hatten. Goebbels organisierte das, was er nachher „Volkswut“ nannte nach dem längst fertiggestellten Plan und die Führer der SA führten dielängst empfangenen Befehle' in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 aus. Und das deutsche Volk stand und sah die brennenden Gotteshäuser und ergötzte sichdaran, daß Möbel (uhd alte' Familienstücke aus den "Fenstern der Häuser geworfen wurden, es freute sich über die Vernichtung der jüdischen Geschäfte und deren Warenlager. Das deutsche Volk sah aber , auch am,9. und 10. November* wie man die Juden in geschlossenen Kolonnen abführte und les war Hitler: „Ich werde nicht ruhen, solange es in Deutschland noch Juden gibt . . usw. Wer kann bestreiten, daß er! all* diese Dinge nicht gehört hat, und wer will behaupten, daß er rächt,an den Ernst, mit dem diese Dinge gesagt wurden, glaubte? j .Seit.dem Zusammenbruch im Mai 1945 finden wir nur noch Deutsche, die behaupten, daß sie sich in der „Kristallnacht“ geschämt hätten,s Deutsche zu. seih oderdaß sie empört waren über das, was1 geschehen ist. sich ohne Zweifel vollkommen darüber im. klaren,. daß dieses Abführe'i* den . Beginn der längst angedrohten Ausrottung bildete, denn jeder einzelne kannte die Reden--der ' Führer des deutschen-.Volkesf Göring (1934): „In 20 Jahren werden wir ih Deutschland nur.jüd. Friedhöfe haben . .\J“* Streicher: , (in seinen Ausgabendes ^Stürmers“): „Die Juden müssen ausgemerzt wer- - den. . .“ 1 ' Goebbels: „Die Juden sind schlimmer als die' Syphilis und deshalb müssen sie vernichtet werden Wir glauben, daß. es eine kleine Gruppe von Menschen gegeben hat, die' wehr- und tatenlos; zusehen mußte und die, soweit es ihnen möglich war,- in' ihren vier Wänden saßen, vjm nicht Zeuge, dieser scheußlichen Verbrechen zu sein.' Wir wissen heute, daß 'diese Gruppe wehrlos war, weil sie selbst in dauernder Gefahr schwebte, von den Häschern der. Gestapo erwischt, verraten oder verkauft zu v^erden. Diesen Menscheh können, wir keinen Vorwurf machen;' wir können ihnen nur danken dafür, daß sie -in diesen .Stünden die' Größe der Verbrechen erkannten und. in ihrem Innersten bei unseren Menschen waren. Und wir können auch; denen danken, die in dieser entsetzlichen Nacht ihren jüdischen Freunden trotz der, Lebensgefahr, in die sie sich brächten, Zuflucht boten. Aber all* den anderen, der großen Masse, was haben Wir ihnen zu sagen? Wir haben ihnen, zu sagen, daß wir nie diesfe Nacht vergessen werden, daß wir stets daran denken müssen, daß Millionen Deutsche sich an diesen Verbrechen gegen die. Menschlichkeit direkt — bewußt oder unbewußt — beteiligt haben. Und wir haben ihnen zu sagen, daß wir bitter enttäuscht darüber sind, daß sie auch in den verflossenen zwei Jahren keine Wege gefunden haben, uni einmal laut und deutlich in die Weltöffentlichkeit hinauszurufen: „Wir. bedauern, was Wir getan haben, . wir bedauern, daß "wir diese Dingen sanktionierten. Wir wissen nicht, wie wir' dazu kamen, mit den Händen in den Aachen zuzusehen, was in dieser Nachtmit huhderttäusenden von Menschen geschahen" ist, unef wir wollen, soweit es uns möglich ist, alles daran setzen, um wieder gut zu machen, um ,unsere Ehre wieder herzustellen und damit ’ die Ehre Deutschlands.“ Wir warteten darauf mehr als 30 Monate; und was erfuhren wir in dieser Wartezeit? Wir erfuhren, daß dieser Wille zur Wiedergutmachung nicht-mir .nie&^'&ßstehü , -sondern /daß, in. tausende» .von' Fallern k deutsche Menschen siöjh .weigern, damals gestohlenen jüdischen Besitz wieder her? äuszugeben: Wir erfuhren, daß nur in.ganz wenigen Fällen deutsche Menschen gekommen sind lind gesagt haben: „Hier ist ein MöbelriiiiiiiiimimiiiiiiniiimimiiiiimHmimimniiiiiiimimitniiiiii!iiiii::::imiimmiuiiiiHiilimiHi Der Jüdische Friedhof in Oranienburg- Süd 'bei-Berlin wurde, wie „Der Weg“ meldet, von unbekannten Tätern fast vollständig verwüstet. Fünfzehn bis zwanzig neuerrichtete Gedenksteine wurden umgeworfen und aus der Leichenhalle Inventar gestohlen. iiiiiiiiiiiiiiniiiuiii iiiiiiiiiuiiiiiiHiiiimu|imiiiiiiiiiiiii:v:iiiiiiiiiiilimimiiiiiiimmiiiimnmin stück, hier ist ei» Schmuckstück, das einem Juden gehörte, ich gebe es euch zurück.“. Wir erführen, daß deutsche Menschen nicht von sich, aus gekommen sind und gesagt haben: „Wir-müssdn den Juden ein Privileg einräumen, das sie ehrlich und redlich ‘verdient haben nach diesen Jahren der Schmach und der Schande.“ 1 ' ' Und wir erfuhren, jdaß unter demselben Stillschweigen, wie wir es in der Nacht vom 8. züm 9. November erlebt haben, neue antisemitische Ausschreitungen, neue jüdische Friedhof sschändungen in Deutschland an der Tagesordnung sind!! Wir, die überlebenden Juden, in Deutchland, müssen unsere Konsequenzen aus all* diesem Erlebten ziehen. : Der 9. November-1938 wird in der jüdischen Geschichte einen großen Platz einnehmen und er. wird ohne Frage ernst in der schwärzesten Geschichte des deutschen Volkes Erwähnung, finden, Deutschland würde heute nicht aus Städten, die in Trümmer liegen und aus Ruinen bestehen, wenn das 'deutsche Volk, am' 9. November 1938 erwacht Wäre und Wege gesucht hätte, um sich von iinem Regime freizumachen, das äp diesem Tage wieder einmal in der unmenschlichsten Form gezeigt hat, wessen es fähig ist. ' - Wir,'die Juden, wollen heute unserer Toten gedenken. Wir wollen uns an die. Verbrechen erinnern, die am 9. November 1938 in einer nie - gekannten Form ihren- Anfang gefunden haben, und wir wollen uns heute mehr denn je bewußt sein, daß wir züsammenstehen müssen, "um zu - verhindern, daß unserem Volk noch einmal ähnliches widerfährt., Wir wollen am heutigen Tage aber auch denen danken, die zu uns standen, . den ^Menschen, die als Nichtjuden zü ihren jüdischen Familien hielten und damit _ unter Beweis stellten, daß sie nichts gemeine haben mit den anderen, mit denen, die dem beginnenden Meuchelmord tatenlos zusahen. Ihnen haben wir zu verdanken, daß uns ihre jüdischen Angehörigen erhalten geblieben sind. '< Der 9. November 1938 sollte für die Menschheit ein Tag der Besinnung, ein Tag der Trauer sein. Für uns ist und bleibt er ein Tag der unvergeßlichen Erinnerung, ein Tag des